Stuttgart - Wie kann eine internationale Konferenz unter Pandemiebedingungen mehr sein als ein Zoom-Inferno? An einer Antwort auf diese Frage versucht sich vom 4. Mai an die Stuttgarter FMX, ein globales Gipfeltreffen für Experten aus den Bereichen Animation, visuelle Effekte (VFX), Games und immersive Medien. „Vor einem Jahr mussten wir die FMX ausfallen lassen, weil die Pandemie zu kurzfristig kam, inzwischen konnten wir uns anschauen, wie alle anderen das gemacht haben“, sagt der Projekt- und Programm-Manager Mario Müller.
Die Zahl der Veranstaltungen ist nahezu so hoch wie immer, statt im Haus der Wirtschaft laufen sie aber auf einer neuen Event-Plattform in fünf virtuellen Räumen und einem realen an drei statt an vier Tagen. Dafür sind die Konferenztage länger, sie dauern bis Mitternacht. „So haben Teilnehmer von Kalifornien bis Japan mindestens 5 Stunden Tageslicht, während sie teilnehmen“, sagt Müller. „Es geht ja um Austausch, und in den Nachtstunden können Neuseeländer und Kalifornier direkt kommunizieren.“ Bei 150 der 174 Präsentationen gibt es im Anschluss moderierte, deutlich längere Chats in separaten Räumen.
Virtuelle und physische Attraktionen
Digitale Menschen sind ein Thema, im „Star Wars“-Universum waren bereits die junge Carrie Fisher („Rogue One“) und der junge Mark Hamill („Mandalorian“) zu sehen. Diesmal geht es um Stimmen: „Künstliche Intelligenzen können jetzt nahezu jede beliebige Stimme nachahmen“, sagt Müller. Wie Menschen sich verlieren in virtuellen wie in realen Welten, darüber reden Kathleen Cohen und Amy Jupiter: Die eine baut virtuelle Attraktionen, die andere physische für Disney-Parks.
Nahezu alle Präsentationen werden bis Ende Juli verfügbar sein für die Teilnehmer, die physisch nur einen Bruchteil wahrnehmen könnten. „Vor Corona hätten wir gar keine Aufzeichnungsrechte bekommen“, sagt Müller. „Nun macht es die Situation erforderlich. Mittelfristig führt an Hybridformaten kein Weg vorbei – der Teilnehmerkreis hat sich bereits erweitert durch Leute, die gar nicht nach Stuttgart kommen könnten.“
Lokale Helden
Ein Stargast ist Doug Trumbull, der Effects Supervisor bei Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968). Er arbeitet schon lange am immersiven Kino der Zukunft, wird den Prototyp eines Monitors zeigen und verspricht ein völlig neues, überwältigendes mediales Erleben auf Messen und in Museen. Victoria Alonso, Vizepräsidentin der Marvel Studios, gibt Einblicke in die Superheldenwelt. Und Christopher Nolans Film „Tenet“ wird unter die Lupe genommen – nicht wegen der digitalen Effekte, sondern wegen der physischen. „Nolan macht alles, was geht, analog“, sagt Müller. „Wir reden also nur über handgemachte Effekte, Stunts, Kameras, die rückwärtslaufen.“
Der physische Raum ist das Studio der Ludwigsburger Filmakademie direkt neben dem Animationsinstitut, das die FMX veranstaltet. „Der Aufwand ist unfassbar, ein Szenenbildner hat uns ein passendes Ambiente geschaffen“, sagt Müller. „Das machen wir der Atmosphäre wegen, damit die FMX eine Repräsentanz hat. Natürlich ohne Publikum, mit maximalen Hygienestandards und Teststation.“ Wegen der Reisebeschränkungen kommen die Livegäste überwiegend aus der Region. Unter anderem zeigen die Stuttgarter Studios Pixomondo und Mackevision, wie sie die VFX für die Serie „Star Trek: Discovery“ und „Jim Knopf“ gemacht haben.
Digitale Kulissen in Echtzeit
Ein Thema der Stunde: virtuelle Produktion. Regisseure, Kameraleute und Schauspieler sehen neuerdings am Studio-Set auf riesigen Monitoren eine fotorealistische Kulisse, wo jahrzehntelang nur Grün war – das meiste wurde hinterher digital eingefügt. „Ein Monster ist nun nicht mehr ein Tennisball als Platzhalter, sondern das Monster“, sagt Müller. „Und man muss nicht mehr mit 200 Leuten in die Wüste reisen. Drei Leute drehen die Landschaft, der Rest passiert im Studio, unabhängig von Witterung und Sonnenstand. Und die LED-Wände sind so hell, dass man keine Scheinwerfer mehr braucht.“ Als Beispiel dient unter anderem George Clooneys Science-Fiction-Film „The Midnight Sky“ der weitgehend so gedreht wurde.
Es ist die 25. FMX, der Trailer ein Zusammenschnitt aus allen vorangegangenen. Gefeiert werde aber erst 2022, sagt Mario Müller – „wenn man wieder nebeneinander stehen, reden, lachen und trinken kann“.