Stuttgarter Bürgerchor Odysseus will zurück nach Stuttgart

Von Armin Friedl 

Der Stuttgarter Bürgerchor will das Homer-Epos „Odysseus“ im Theaterhaus vortragen – Großer Erfolg des Projekts in der Türkei

Der Stuttgarter Bürgerchor Foto: GRAFFITI
Der Stuttgarter Bürgerchor Foto: GRAFFITI

Stuttgart - Zehn Jahre soll es gedauert haben, bis Odysseus seine Heimreise nach Ithaka als siegreicher Feldherr glücklich beenden konnte. Das war schon für antike Verhältnisse ein gehöriges Zeitmaß, das dementsprechend die Fantasie seiner Zeitgenossen beflügelte. Was mag er da wohl alles erlebt haben? – Heute sollte es nicht mehr so lange dauern, bis eine Stuttgarter Fassung von Homers „Odyssee“ aus dem Raum der Ägäis wieder zurückkehrt in die Heimat ins Schwabenland.

Der Bürger als Chor auf der Bühne

Denn dies ist zugleich eine Rückkehr des Projekts Bürgerchor. In der Saison 2005/2006 wurde Volker Lösch Hausregisseur am Staatsschauspiel Stuttgart unter Intendant Hasko Weber. Und die Spezialität von Lösch waren jene Bürgerchöre. Also Auftritte von bis zu 150 Menschen auf der Bühne, die da allerdings nicht gesungen, sondern gemeinsam gesprochen haben. Damit haben sie eine der ältesten Theaterformen aus der Antike wieder belebt. Meist waren das gegenwartsbezogene kritische Texte in klassischen Stücken, häufig gesprochen von Menschen, deren Lebensrealität einen Bezug zu den Themen der Stücke hatte. So etwa der Auftritt von Migrantinnen in „Medea“. Auch bei den Montagsdemonstrationen gegen das Projekt Stuttgart 21 sind Lösch und Teile des Bürgerchors immer wieder aufgetreten.

Wanderungen auf dem Hoppenlau-Friedhof

Einige von damals fasziniert nach wie vor diese Form des Auftretens, deshalb haben sie den Verein Bürgerchor Stuttgart gegründet. Das knappe Dutzend tritt seit einigen Jahren auf bei langen Nächten, veranstaltet Stadtspaziergänge, unter anderem im Hoppenlau-Friedhof. Der Württembergische Kunstverein hat seine Türen stets geöffnet für den Bürgerchor, dort hat er Veranstaltungen gemacht zu Themen wie „Verbrannte Bücher“ oder „Utopische Manifeste“.

Einer dieser Aktiven ist Klaus Grabowski: „Die Chorprojekte mit Lösch haben mich sehr geprägt“. Heute ist er im Ruhestand, zuvor war er Journalist und Pressesprecher. Aus luftigen Gedanken, entstanden bei einem Jahrgangstreffen früherer Kommilitonen in einer lauen Mittelmeer-Nacht im türkischen Marmaris, hat er die Idee einer Stuttgarter Fassung von Homers „Odyssee“ so weit vorangetrieben, dass sie nun auch in Stuttgart aufgeführt werden kann. Jetzt geht es noch darum, die finanzielle Grundlage dafür zu schaffen, konkret um knapp 10 000 Euro. Die Art und Weise, wie dies zusammenkommen soll, entspricht konsequent der Idee des Bürgerchors. An der crowdfunding-Aktion, eingerichtet bei der BW-Bank, kann sich jeder bis einschließlich 6. Juni online daran beteiligen (www.bw-crowd.de/odyssee-stuttgart), auch mit kleinen Summen. Die BW-Bank zahlt pro Spender noch etwas dazu. Ist die Summe erreicht, geht das Geld an das Projekt. Wird sie nicht erreicht, erhalten die Einzahler ihre Summen zurück.

Erste Aufführung in Marmaris

Grabowski: „Die Idee des Bürgerchors kam bei den einstigen Kommilitonen sehr gut an. Da war der Wunsch da, so etwas vor Ort zu machen in Marmaris. Etwa ein Probenwochenende.“ Daraus wurde erheblich mehr. Marmaris hat zwar eine ausgedehnte Partyzone, aber dort leben auch viele kunstsinnige Bürger, die stolz sind auf ihr Kammerorchester vor Ort sowie auf einen Konzertsaal. Und so kam es nicht nur zu einem Probenwochenende, sondern auch zu einer bestens besuchten Aufführung der Stuttgarter Bürgerchor-Odyssee in Marmaris.

Kürzungen und Modernisierungen

„Das war schon sehr ambitioniert, sich solch einen Stoff vorzunehmen“, so Grabowski, „aber im Mittelmeer-Raum auch naheliegend.“ Zumal mit dem Kammerorchester auch ein Kompositionsauftrag vergeben konnte und Musiker dafür vorhanden waren. Die Stuttgarter wollten dazu eine Übersetzung ins Deutsche und entschieden sich für den Klassiker von Johann Heinrich Voß. Das Problem: Wortgetreu vorgetragen, dauert eine solche Aufführung mehr als 12 Stunden. Da musste also kräftig gekürzt werden.

Das nächste Problem: Die von Voß gewählte Hexameter-Rhythmik mag zwar den Lesefluss fördern, als Bühnenvortrag ist sie jedoch nach einigen Minuten einlullend bis einschläfernd. Da musste sich ein Sprachtrainer was einfallen lassen. „Denn gleichzeitig war es das Bestreben, möglichst viel Originalton zu bewahren“, so Grabowski.

Jetzt hoffen die Beteiligten, dass es mit der Aufführung auch in finanzieller Hinsicht klappt. Als Aufführungstermin angesetzt ist der Februar oder März nächsten Jahres im Theaterhaus.

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