Stuttgarter Bürgermeisterin Susanne Eisenmann wird Kultusministerin

Von Jörg Nauke 

Die Stadt verliert nach elf Jahren im Amt ihre streitbare Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Sie wird Kultusministerin im Kabinett der grün-schwarzen Landesregierung.

Susanne Eisenmann (CDU) übernimmt das Kultusministerium. Foto: dpa
Susanne Eisenmann (CDU) übernimmt das Kultusministerium. Foto: dpa

Stuttgart - Die Stadt verliert nach elf Jahren im Amt ihre streitbare Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Die Christdemokratin Susanne Eisenmann (51) hat zwar „nicht mit offenem Fenster geschlafen“, um ja kein Jobangebot zu verpassen. Die Arbeit im Rathaus mache ihr Spaß, vor allem wohl das Kreuzen scharfer Klingen in den Ausschüssen. Aber wenn sich Landeschef Thomas Strobl, der gute Freund aus JU-Tagen und Gast bei ihrer Hochzeit mit Ex-Ministerpräsident Günther Oettingers ehemaligem Sprecher Christoph Dahl, ihr den Posten der Kultusministerin anträgt, dann ist eine Ablehnung keine Option. Jetzt hat die VfB-Anhängerin seit Jugendtagen wenigstens einen Grund zu jubeln.

Die Arbeit im Land ist ihr nicht fremd: Mit 27 war sie frisch von der Uni, wo sie über mittelalterliche Predigtlehre in Rhetorik und Dialektik promovierte, ins Büro des damaligen Fraktionsvorsitzenden Günther Oettinger gekommen. Mit 29 Jahren wurde sie in den Gemeinderat gewählt, mit 38 wurde sie Fraktionsvorsitzende, was die Zahl der Parteigänger, die sich im Laufe der Zeit auf die Füße getreten fühlten, signifikant erhöht hat.

Im Jahr 2005 zur Bürgermeisterin gewählt

Dass Reinhold Uhl ihr Nachfolger wurde und nicht sein Favorit Dieter Wahl, bewertete der damalige Kreischef Christoph Palmer als rotverdächtiges Foul; er unterstellte ihr auch, die Wahl seines von einer Sitzungsgeldaffäre gebeutelten Freundes Roland Schmid torpediert zu haben. Unvergessen bleibt Palmers – nach der Ohrfeige gegen Joachim Pfeiffer – zweiter legendärer Auftritt im Ratskeller, als er die Rivalin vor laufender Kamera aus dem Saal warf. 2005 wurde Eisenmann mit bescheidenen 35 von 61 Stimmen zur Bürgermeisterin und Nachfolgerin der - von Palmer - aus Duisburg abgeworbenen glücklosen Iris Jana Magdowski gewählt. 2013 wurde Eisenmann mit eindrucksvollen 46 Stimmen bestätigt. Ihre zweite Amtszeit hätte am 30. Juni 2021 geendet.

Mit ihrer Abberufung ins Ministeramt sind die politischen Gegner, vor allem jene in den eigenen Reihen, falsch gelegen, die glaubten, Eisenmann habe die Partei und deren Vertreter jahrelang einfach zu oft genervt und mit ihren grünen-nahen Positionen gereizt, als dass sie in der CDU noch etwas reißen könnte. Der ehrgeizigen und heimatverbundenen Stuttgarterin ist zuzutrauen, dass sie das zusätzlich motivieren könnte, das Rathaus zu verlassen, zumal der Posten ein ideales Sprungbrett für eine Rückkehr in vier Jahren sein könnte, wenn es gilt, den Posten des Oberbürgermeisters zurückzuerobern. Man kann sich nach dem Wahldebakel von 2012 kaum vorstellen, dass die Union noch einmal wagt, einen externen Bewerber aufzustellen, zumal, wenn eine in Stuttgart geborene Ministerin die Hand heben würde.

Eisenmann verlor 2011 Kampf um Kreisvorsitz

Wenn es nach Eisenmann gegangen wäre, hätte sie schon Fritz Kuhn die Stirn geboten. Mangels Hausmacht musste sie aber ihre Ambitionen begraben, freilich nicht ohne Ausrufungszeichen, indem sie sich hinter den Bewerber Andreas Renner stellte. Das ist ein Grund für die herzliche Abneigung, in der sich die Sillenbucher Eisenmann und Kreischef Stefan Kaufmann verbunden sind.

Der Bundestagsabgeordnete hatte sich bekanntlich für den Unternehmer Sebastian Turner entschieden, was gründlich daneben gegangen war und in eine versteckte Rücktrittsforderung Eisenmanns mündete. Auch der Duzfreund Strobl bekam sein Fett weg. „Damit hatte er kein Problem“, betont Eisenmann. „Politisch darf man auch einmal unterschiedlicher Meinung sein und muss Kritik auch aushalten.“ Eisenmann hatte nach der krachenden Niederlage bei der Landtagswahl 2011 gegen Kaufmann den Kampf um den Kreisvorsitz verloren. Der Vorwurf, die angestaubte Union sei für eine großstädtische Bevölkerung nicht mehr attraktiv, war deshalb nicht falsch, nur ihre Vorschläge erschienen der Parteibasis seinerzeit offenbar zu grün angehaucht. Heute ist vieles Teil der Verabredung von Schwarz-Grün im Rathaus. Gerade aber ihr Hang zum Pragmatismus, etwa im Schulbereich, wo sie für Gemeinschaftsschulen, Inklusion und eine dreijährige Kitapflicht wirbt, sowie die parteiübergreifende Suche nach Mehrheiten auch jenseits der CDU, dürften ihr die Unterstützung der Grünen-Vertreter in der neuen Koalition gesichert haben.

Die Spekulationen im Rathaus über den Nachfolger haben begonnen

Im Rathaus spekuliert man derweil über die Nachfolge. Den Normalfall, dass der Fraktionschef nachrückt, gibt es diesmal nicht: Alexander Kotz hat abgewinkt. Aber es werden den CDU-Stadträten Jürgen Sauer, Kultursprecher und Vorsitzender, des SV Vaihingen, sowie dem Sportkreisvorsitzenden Fred-Jürgen Stradinger Ambitionen nachgesagt. Auch Karin Maag, die zweite Stuttgarter Bundestagsabgeordnete, ist im Gespräch – allerdings wohl eher bei einer Neuordnung auf der Bürgermeisterbank. Gut möglich auch, dass OB Fritz Kuhn (Grüne) die Kultur für sich beansprucht. Er tritt gerne als Förderer der schönen Künste auf.

Eisenmann sah sich weniger in der Pflicht, sich „zum Darling der Kulturszene zu machen“, wie es Winfried Kretschmanns Redenschreiber, Ex-Grünen-Stadtrat Michael Kienzle, einmal sagte. Sie sei zuverlässig ansprechbar für die Nöte, sie vertrete die Interessen der Stadtkultur pragmatisch nach außen und verwalte sie innen kompetent. Sie selbst sieht sich nicht in der Pflicht, Dauergast im Staatstheater zu sein, sondern eher, sich in der Kulturszene für eine bessere finanzielle Ausstattung zu sorgen.

Im Sport hat sie sich ebenfalls für eine optimierte Förderung der Vereine verkämpft. Auch hier gab es Streit – mit dem VfB-Vorstand, aber auch mit Allianz-Volleyballmanager Bernhard Lobmüller, der die Leistungen seines Bundesligateams von der Stadt nicht genug gewürdigt sieht. In einer Volksfestloge gerieten die beiden spektakulär aneinander. Im Spitzensport hat sie Akzente gesetzt, etwa bei der Organisation der Fußball-WM 2006, wo man ihr in der Spätphase die Verantwortung für das Stuttgarter Sommermärchen übertrug. Dass es die Bilder vom umjubelten Empfang nach dem verlorenen Halbfinale vor dem Hotel Zeppelin gab, ist Eisenmann zu verdanken. Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Oliver Bierhoff hatten die totale Isolation gefordert – die Bürgermeisterin verständigte sich aber mit dem Hoteldirektor.

Unvergessen auch die Rad-WM 2007 in der Hochphase der Dopingenthüllungen, als sie vergeblich ein Startverbot für den späteren Weltmeister Paolo Bettini einzuklagen versuchte. „Eisenmann gedopt“, tobte ein Leserbriefschreiber. International hingegen gab es Lob und Anerkennung. Bettini zielte beim Überschreiten der Ziellinie mit einem imaginären Gewehr in den Vip-Bereich – jeder wusste damals, auf wen er es abgesehen hatte.




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