Stuttgarter Büro baut das Einheitsdenkmal Die Wahrer der Waage

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Der Streit um das Einheitsdenkmal in Berlin zieht sich seit Jahren dahin. Für die Ideengeber um Johannes Milla wäre das eigentlich ein Grund zur Verzweiflung. Doch der Stuttgarter strotzt vor Optimismus.

Erstaunlich robuste Naturen: Architekt Sebastian Letz (links) und Johannes Milla vor dem Denkmalsentwurf. Foto: Milla & Partner
Erstaunlich robuste Naturen: Architekt Sebastian Letz (links) und Johannes Milla vor dem Denkmalsentwurf. Foto: Milla & Partner

Stuttgart - Einheitswippe – das hören sie gar nicht gern. „Wippe, das klingt so nach Spielplatz“, sagt Sebastian Letz. Stimmt, wer denkt dabei nicht unwillkürlich an fröhlich kreischende Kinder, die sich gegenseitig in die Luft katapultieren? „Das Wort Einheitswippe verwenden Gegner, um unseren Entwurf negativ zu belegen oder als banal zu diffamieren“, ergänzt Johannes Milla. „Dabei wird unser Denkmal niemals wippen.“ Es spricht nun wieder Letz. „Das Denkmal neigt sich ganz langsam, wie eine Waage, zur einen oder zur anderen Seite. Voraussetzung ist, dass sich mindestens zwanzig Menschen zusammentun und gemeinsam in die entsprechende Richtung gehen.“ Also heißt es am Arbeitsplatz der beiden in der Stuttgarter Agentur Milla & Partner konsequent nur so: „Einheitswaage“.

Die Pläne sind fertig. Geschehen ist nichts.

Das Wort von der Wippe wird sich vermutlich dennoch halten. Schlicht deshalb, weil es geläufig ist. Wie anders sollen die Medien ihre Leser, Hörer oder Zuschauer daran erinnern, dass da immer noch etwas ist – ein Thema, eine Bau-, besser: eine Leerstelle: das „Denkmal für Freiheit und Einheit“, das in der Hauptstadt erinnern soll an die Bürgerrevolution in der DDR 1989 und die deutsche Vereinigung 1990. Der Deutsche Bundestag hat es so 2007 beschlossen, vor fast zehn Jahren. Es gab zwei künstlerische Wettbewerbe. Eine Jury hat am 13. April 2011 einen klaren Sieger gekürt: den Entwurf „Bürger in Bewegung“ aus Stuttgart. Der Bauplatz ist klar: am Ufer der Spree. Die Pläne sind fertig. Das Geld steht bereit. Die Baugenehmigung ist erteilt. Geschehen ist nichts.

Letzteres stimmt natürlich nicht. Es stimmt allenfalls aus der Sicht des Bürgers, der in Berlins Mitte zwar inzwischen auf der Baustelle des Humboldtforums die ­ersten nachgebauten Barockverkleidungen des alten Preußenschlosses, aber kein modernes, zeitgemäßes Einheitsdenkmal findet. In Wirklichkeit ist seit April 2011 ganz viel geschehen, ein unglaubliches kulturpolitisches Hin und Her, böse gestimmt kann man darin einen Intrigenstadel erkennen, eine Geschichte mit derart vielen Details und Wendungen, dass sie jede Zeitungsseite sprengt. Man müsste von Mosaiken aus der Kaiserzeit erzählen, die plötzlich im Grund des Bauplatzes auftauchen und ganz vielleicht zu schützen wären, und von Fledermäusen, die erst umgesiedelt werden sollen, zu aller Überraschung aber dann von ganz allein weiterfliegen.

Die Kosten sind gestiegen – aber nicht explodiert

Man müsste von einer Kulturstaats­ministerin des Bundes erzählen, die plötzlich zu Protokoll gibt, Einheitsdenkmäler grundsätzlich blöd zu finden, und von Finanzplänen, die topsecret beim Haushaltsausschuss des Bundestages landen und vor einer „Kostenexplosion“ des Denkmals warnen, um sich später bei genauerem Nachrechnen als, vorsichtig gesagt, unsachgemäß zu erweisen: Die Kosten des Denkmals sind im Lauf der nunmehr sechs Planungsjahre von zehn auf elf Millionen Euro gestiegen – aber eben nicht auf 15.

Das Ergebnis? Im Frühjahr 2016 schien das Einheitsdenkmal für die Hauptstadt mausetot und zur Befriedigung besagter Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) begraben. Und dann neigt sich die politische Waagschale doch wieder zur ­anderen Seite, weil Bundestagspräsident Norbert Lammert vor dem großen Haus der Bundesversammlung darauf hinweist, dass man so mit Beschlüssen des Bundestages nicht umgehen darf. Woraufhin die beiden Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) bei ihrem allwöchentlichen Arbeitsfrühstück am 14. Februar beschließen, die „Einheitswaage“ werde nun doch gebaut. Basta.

Da lohnt es sich wohl, in Stuttgart mal wieder in der Heusteigstraße 44 vorbeizuschauen. Hier hat die Agentur Milla & Partner in einer alten Villa ihren Sitz, hier arbeiten siebzig Mitarbeiter erfolgreich an Ausstellungen und Besucherzentren für Bayer, Bosch und Bundesbank, erarbeiten Konzepte für die deutschen Expo-Pavillons und gewinnen internationale Preise. Hier trifft man den Firmenchef Johannes Milla (56) und seinen Kreativdirektor und Architekten Sebastian Letz (45), der den Denkmalsentwurf maßgeblich entwickelt und ausgefeilt hat (zu Beginn war auch die Choreografin Sasha Waltz mit im Boot). Und als Erstes fragt man natürlich: Haben Sie überhaupt noch Lust auf das Ding? Und beide sind verdutzt und nicken emsig: „Ja, klar.“

Die friedliche Revolution schreit nach einem Denkmal

Woher kommt die Unermüdlichkeit? „Ich hatte familiäre Bindungen in die DDR“, erzählt Letz. „Mein Vater stammt aus Thüringen, war in den Westen gewechselt. Ich habe mitbekommen, welchen Preis DDR-Bürger zahlen mussten, wenn sie für mehr Rechte und Freiheiten eintraten. Diese Erfahrung hat mich beim Entwurf motiviert.“ Und Milla ergänzt: „Dass es den Menschen in der DDR gelungen ist, 1989 friedlich eine Diktatur zu stürzen, ist ein unglaubliches Glück. Wir haben doch inzwischen genug Revolutionen scheitern sehen, zuletzt beim Arabischen Frühling. Das macht noch deutlicher, welche völlig einzigartige Sternstunde die Deutschen hier erlebt haben.“ Und dafür kein Denkmal? Undenkbar für die beiden.

Und schon wenden sie sich freudig wieder ihren Modellen und Simulationen zu. Weil sie von Anfang an immer wieder zu hören bekamen, das mit der Wippe, pardon: Waage könne unmöglich funktionieren, haben sie wirklich alles durchgetestet und führen die Resultate gerne vor. Sie haben im Mannheimer Hafen mithilfe einer Klappbrücke die ideale Heb- und Senkgeschwindigkeit entwickelt. Das war 2012. Sie haben versteckt in einem Kleingartengebiet in der Nähe der Schleyerhalle die Waagschale eins zu eins auf festem Grund nachgebaut, um den für Fußgänger perfekten Aufstiegswinkel zu finden. Das war 2013. Sie haben mit Ingenieuren nach dem besten Material geforscht (das Stahl-Raumfachwerk wird oben belegt mit „gebundenem Edelsplitt“) und die Technik für die „Fußbodenheizung“ entwickelt, die bei einer Lufttemperatur von 5 Grad anspringt. „Da rutscht nichts.“

Nur einige Feuilletonisten mäkeln herum

„Natürlich funktioniert es“, sagen sie: Bis zu 1400 Menschen finden Platz zum Flanieren auf der insgesamt 50 Meter breiten Schale – die sich dank eines komplexen Feder- und Dämpfungssystems bewegen kann, aber nur dann, wenn diese Flaneure miteinander kommunizieren und damit just vor Ort im Kleinen umsetzen, was die große Inschrift der Schale als großes historisches Zitat, als Programm zeigt: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.“ Wer das nicht mag, empfindet es (wie jüngst die Tageszeitung „Welt“) als „eine Art konkretistische Symbolbeugung, der keine Metapher zu schlicht erscheint“. Alle anderen staunen über ein Staats-Denk-Mal von einer Leichtigkeit und Sinnfälligkeit, aber auch von einer Würde und Präsenz, wie es die Welt eben noch nicht gesehen hat, und das auch endlich mal ohne beigestelltes Erklärzentrum auskommt. Milla: „Fast immer reicht eine Viertelstunde Präsentation aus, um selbst härteste Skeptiker von der Qualität unseres Entwurfes zu überzeugen.“ Kleine Pause. „Ach was, zehn Minuten“.

Im Heusteigviertel wird übrigens weder geklagt noch geschimpft. Dabei hätten die beiden wohl allen Grund, die Hände über den Kopf zu schlagen angesichts von Beamten, die ihre Geringschätzung kaum verhehlen, über Politiker, die nicht mit offenen Karten spielen, über Berliner, Münchner und Frankfurter Feuilletonisten, die Milla & Partner den Firmenstandort Stuttgart übel nehmen („kunschtvoll“ tituliert besagter „Welt“-Artikel ihre Denkmalsidee, und das war kein Setzfehler). Aber über all die Jahre sind Milla und Letz selbst zu einer Art Politiker in eigener Sache geworden. Sie wählen ihre Worte supergenau. Sie müssen mit den Leuten zusammenarbeiten, die eben noch, na ja, reserviert waren, zum Beispiel im Bundesamt für Bauwesen. Also bleiben sie stets bedacht.

Jetzt muss der Spatenstich kommen

Beispiel gefällig? Wenn der Besucher fragt, was den Unterschied ausmache zwischen der Arbeit für ein Unternehmen und für die öffentliche Hand, antwortet Letz: „Wenn sich ein privater Auftraggeber erst einmal für uns entschieden hat, dann will er auch, dass wir rasch vorankommen und schnell auf die Eröffnung zusteuern.“ Und dann endet der Satz. Äh, und der Rest des Vergleichs? Wer mag, denkt ihn sich dazu. Milla und Letz schaffen lieber. Kunstvoll.

Ach ja, ein schneller erster Spatenstich wäre jetzt schön. Warum nicht am 17. Juni? Bundestagspräsident Norbert Lammert könnte die Schaufel schwingen, schließlich ist das Parlament der Auftraggeber des Denkmals. Und sicher ist sicher: Im Herbst wird gewählt. Wer weiß, wer danach mit wem regiert. Die Linke war stets gegen das Denkmal. Und Lammert wird dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören.