Stuttgarter des Jahres Petra Reichelt hilft Langzeitarbeitslosen

Petra Reichelt gehört zu den Gründern der Boutique PragA, in der Ehrenamtliche und Langzeitarbeitslose gemeinsam alten Textilien neuen Schliff geben Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Petra Reichel t gehört zu den Gründern der Boutique PragA, in der Ehrenamtliche und Langzeitarbeitslose gemeinsam alten Textilien neuen Schliff geben Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für Petra Reichelt ist ehrenamtliche Arbeit selbstverständlich, ob im Kirchengemeinderat oder im Chor. Sie wurde von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung als Stuttgarterin des Jahres geehrt.

Filder-Zeitung: Sabine Schwieder (ssc)
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Stuttgart - Für Petra Reichelt ist ehrenamtliche Arbeit selbstverständlich, ob im Kirchengemeinderat oder im Chor. Bei ihrer Arbeit für die Second-Hand-Boutique PragA am Pragfriedhof aber kann sie mehrere Vorlieben gut vereinen: Sie liebt es, alte Textilien in schicke Neuheiten zu verwandeln, und sie findet es anregend, Menschen zusammenzuführen und ihnen die Gelegenheit zu einer Begegnung zu ermöglichen. Der Kirchengemeinderat der Katholischen Pfarrei St. Georg im Stuttgarter Norden fand ihr Engagement so beeindruckend, dass er beschloss, Petra Reichelt für den Stuttgarter des Jahres zu nominieren. Der Preis der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Versicherungsgruppe wurde in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben.

Petra Reichelt kam, wie sie erzählt, an einem Sonntag im Jahr 1954 als „Kind Nummer acht einer Großfamilie im Ostalbkreis“ zur Welt. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie in Stuttgart ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Hauswirtschaftsleiterin. Während eines Ferienjobs bei der Post lernte sie ihren zukünftigen Mann Uwe kennen, 1973 und 1976 kamen die Söhne auf die Welt. In dieser Zeit hatte die Familie Vorrang, doch als Mutter konnte sie ihre Kreativität ausleben: Sie probierte neue Rezepte aus, beackerte den gepachteten Garten und widmete sich vor allem dem Nähen. In der Chorvereinigung Feuerbach sang sie die Altstimme, und schon bald begann sie, für die Sängerinnen und Sänger Kaffeekränzchen und Gartenfeste zu organisieren.

Aus sechs Frauen wurde eine Gruppe von mehr als 50

1987 gelang ihr der Wiedereinstieg in den Beruf. „Aber damals gab es keine Halbtagsstellen“, erklärt sie den Branchenwechsel: 27 Jahre lang arbeitete Petra Reichelt als Sachbearbeiterin bei einer Krankenkasse.

Durch einen Tanzkurs für Ehepaare kamen die Reichelts mit der Kirchengemeinde St. Georg in Kontakt. Beide sind fest verwurzelt in dieser Gemeinschaft. Besonders viel Freude haben sie an den von der Pfarrei organisierten Reisen, von denen die erste nach Rom führte. Schließlich wurde Petra Reichelt in den Kirchengemeinderat gewählt. „Ich habe gleich den Ausschuss Geselligkeit und Freizeit und den für Senioren übernommen“, amüsiert sie sich. Sie ist nämlich fest davon überzeugt, dass gemeinsames Feiern wichtig sind: „In unserer Leistungsgesellschaft werden die sozialen Kontakte und Hobbys oft vernachlässigt“, bedauert sie. „Das ist keine gute Voraussetzung fürs Alter.“ Aus einem lockeren Zusammenschluss von sechs Frauen der Kirchengemeinde wurde dank ihrer Zielstrebigkeit die Gruppe „50plus“, in der mittlerweile 25 bis 30 Frauen und Männer gemeinsam ein Jahresprogramm auf die Beine stellen.

Ab 2001 setzte Petra Reichelt gemeinsam mit dem damaligen Diakon Alfred Nicklaus verschiedene soziale Projekte in Gang. In den folgenden Jahren entstanden die Nachbarschaftshilfe, der Tauschring Nord-Pool und, wie sie sagt, „das größte, schwierigste, aber auch schönste Projekt“: die Second-Hand-Boutique PragA, die im September 2008 eröffnet wurde. Der erste Teil des Namens bezieht sich auf den Stadtteil Auf der Prag, der zweite auf das große Ziel des Projekts: Arbeit.

Der Job ist, Ehrenamtliche zu rekrutieren

Unterstützt vom Caritasverband für Stuttgart, der Kirchengemeinde St. Georg und der evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart Nord mieteten die Organisatoren einige Räume an der Friedhofstraße, um eine helle, freundliche Boutique mit bequemen Umkleidekabinen einzurichten. Hier werden die Kleiderspenden gewaschen, in der Nähwerkstatt wieder aufgepeppt und zu erschwinglichen Preisen an Frauen jeden Alters verkauft. „Da geht es auch um Nachhaltigkeit“, betont Petra Reichelt den ökologischen Aspekt. Nebenbei handelt es sich um eines der erfolgreichsten Projekte der Caritas, das seit langem Bestand hat und sich zu 80 Prozent aus dem Verkauf der gespendeten Waren finanziert.

Neben Petra Reichelt tun derzeit drei Langzeitarbeitslose sowie 16 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen Dienst. Die festen Mitarbeiterinnen wurden vom Jobcenter in sogenannte Ein-Euro-Jobs vermittelt. In der Boutique PragA gewöhnen sich die Frauen an eine geregelte Tagesstruktur, gewinnen Selbstbewusstsein und machen sich für den sogenannten ersten Arbeitsmarkt fit. Anfangs waren es sogar 15 Langzeitarbeitslose, doch die Fördermaßnahmen wurden mehr und mehr gekürzt. Deshalb gehört es auch zu Petra Reichelts Aufgaben, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zu rekrutieren, am liebsten natürlich Textilfachkräfte.

„Es ist ein Ort der Begegnung“, hebt sie hervor: PragA ist ein Ort, an dem sich Arme und Reiche, Arbeitende und Arbeitslose begegnen und auch mal ein Tässchen Kaffee miteinander trinken. „Da wird so manches Vorurteil gegenüber Langzeitarbeitslosen abgebaut“, sagt Petra Reichelt: Wer hier freundlich beraten wurde, kommt gerne wieder. Zweimal im Jahr gibt es eine Aktion auch für Herrenmode, gelegentlich wird eine Ausstellung eröffnet oder es gibt eine Gelegenheit, die schönsten Exemplare in einer Modenschau zu präsentieren. Besonders stolz aber ist Petra Reichelt auf das eigene Label: Unter dem Namen „busy bees“ werden alte Textilien in schicke Accessoires verwandelt. Da werden die Ärmel eines Ballkleides zu einer Tasche; ein Kaschmirpulli liefert Pulswärmer; eine Jacke wird zu einem schönen Brillen-Etui; die alte Bluse der Großmutter als Kissenbezug zu einem Erinnerungsstück. „Wunderschöne Geschenke, und alles Unikate“, sagt Petra Reichelt.




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