Stuttgarter des Jahres: Roland Baur Unermüdlich im Einsatz für Drogensüchtige

Roland Baur hat  lange dafür gekämpft, dass Abhängige Substitutionsmittel bekommen. Unser Bild zeigt ihn vor der Diamorphin-Ausgabe von Release. Foto:Lichtgut/Achim Zweygarth Foto:  
Roland Baur hat lange dafür gekämpft, dass Abhängige Substitutionsmittel bekommen. Unser Bild zeigt ihn vor der Diamorphin-Ausgabe von Release. Foto:Lichtgut/Achim Zweygarth

Roland Baur vom JES kennt das Leben am Rand der Gesellschaft aus eigener Anschauung. Für sein Engagement ist er mit dem Titel Stuttgarter des Jahres ausgezeichnet worden.

Filder-Zeitung: Sabine Schwieder (ssc)
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Stuttgart - Stuttgart - Seine Biografie gleicht einem Film, nichts Menschliches ist diesem Stuttgarter des Jahres fremd: Roland Baur vom Verein JES (Junkies, Ehemalige, Substituierte) weiß genau um die Situation von Drogenabhängigen. Er gehörte dieser Szene selbst viele Jahre lang an. Als einer, der Drogen auch weitergab, wurde er wiederholt zu Gefängnisstrafen verurteilt. Und zu einer Zeit, als Aids noch eine Krankheit war, von der man glaubte, sie treffe nur Homosexuelle, stellten die Ärzte eine HIV-Infektion bei ihm fest. Roland Baur kennt das Leben am Rand der Gesellschaft aus eigener Anschauung – gerade deshalb setzt er sich unermüdlich für diejenigen ein, die ähnliche Erfahrungen haben.

Seine Überzeugungsarbeit für das Thema Substitution durch Ersatzdrogen bereitete den Boden für die Diamorphin-Ausgabe des Vereins Release an der Kriegsbergstraße. In der Stuttgarter Aidshilfe engagiert Roland Baur sich seit vielen Jahren für Junkies und Substituierte gleichermaßen. Die Neugründung der örtlichen JES-Gruppe geht auf sein Engagement zurück. Sein Pate, ein Mitstreiter im JES-Vorstand, fand, dies alles müsse endlich einmal gewürdigt werde. Die Jury des Ehrenamtspreises Stuttgarter des Jahres, der von der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Versicherungsgruppe ausgelobt wird, schloss sich dieser Bitte an.

Roland Bauer erzählt offen von seinem Leben

Roland Baur, 1955 in Bad Cannstatt geboren und in Fellbach aufgewachsen, bezeichnet seine Kindheit als glücklich, er habe viel Zuwendung erhalten. Doch als Jugendlicher war er nicht nur interessiert an der Kulturszene Stuttgarts, sondern auch an der „mitschwingenden Drogenszene“, wie er sagt. Vom ersten Kiffen als 13-Jähriger ging er zu Opiaten über: Heroin, später auch Kokain. „Meine Eltern haben lange zu mir gehalten, obwohl ich sie angelogen habe“, sagt Baur, der im Gespräch offen und detailliert von seinem Leben erzählt. Erst nach vielen Versuchen, ihm zu helfen, habe die Familie dann einen radikalen Schnitt gezogen. Darunter leidet der 61-Jährige heute noch.

Sein Lebensweg ist von vielen Brüchen gekennzeichnet, die Drogen scheinen lange Zeit die einzige Konstante gewesen zu sein. Nach dem Abitur und zwei Semestern Studium fuhr er als Zivildienstleistender behinderte Kinder zu ihren Schulen. „Dabei war ich die ganze Zeit auf Drogen“, erzählt er freimütig. „Das hat aber niemand gemerkt, weil ich verantwortungsvoll damit umgegangen bin.“ Diese Einstellung, die von vielen auch kritisch gesehen wird, prägt ihn bis heute: Baur ist fest davon überzeugt, dass nicht die Drogen an sich das Problem sind, sondern die Begleitumstände. Den abwertenden Begriff Junkie benutzt er daher nie, für ihn geht es immer um „Drogengebraucher“. 1977 kam er das erste Mal in Haft, weil er gedealt hatte – er hatte den Notarzt gerufen, als eine Abhängige eine Überdosis Drogen genommen hatte. Mit dem Notarzt kam die Polizei. Das Warten auf einen Therapieplatz brachte ihn noch tiefer in die Sucht – und die Therapie brachte keinen Erfolg. Zeitweise lebte Baur als „Edelpenner“ in Stuttgart, übernachtete im Auto, duschte gelegentlich bei Freunden. Zwischendurch fand er Arbeit, doch das Heroin war ständiger Begleiter und sorgte dafür, dass nichts Bestand hatte.

Seine Hauptarbeit sieht er in der Lobbyarbeit

Als Baur 1985 auf dem Weg von Amsterdam nach Deutschland mit Drogen erwischt wurde, erreichte er einen Tiefpunkt. Zu dieser Zeit wusste man nur wenig über HIV, bei einer Untersuchung im Gefängnis wurde ihm lapidar eröffnet: „Sie haben Aids“, erzählt der 61-Jährige. „Ich hatte so einen Horror davor, im Knast zu sterben. Und ich bin dankbar, dass ich noch lebe. Dankbar auch der viel gescholtenen Pharmaindustrie“, sagt er.

Von dem Moment an, als er zwei Jahre später aus dem Gefängnis kam, engagierte sich Roland Baur in der Stuttgarter Aidshilfe, wo er auch seine jetzige Frau – eine Sozialarbeiterin – kennengelernt hat. In der Geschäftsstelle an der Johannesstraße werden vor allem diejenigen betreut, die HIV-krank sind. Im bundesweiten JES-Netzwerk dagegen sind diejenigen zusammengefasst, die durch ihren Drogengebrauch gefährdet oder bereits angesteckt sind. Nachdem sich eine Stuttgarter JES-Gruppe im Streit aufgelöst hatte, sammelte Roland Baur 2014 erneut Mitstreiter um sich. In seiner ehemaligen Wohnung an der Gutenbergstraße erledigt die Initiative das Organisatorische. Für die Treffen der Selbsthilfegruppe alle 14 Tage stellt der Verein Brücke von der katholischen Kirche einen Raum zur Verfügung. Baur selbst lebt seit 1997 von einer Erwerbsunfähigkeitsrente.

Der 61-Jährige ist viel unterwegs, insbesondere für den JES-Bundesvorstand. Ein Herzensanliegen aber ist ihm der Gedenktag für die verstorbenen Drogenabhängigen. Auf Roland Baurs Initiative gibt es seit 15 Jahren an jedem 21. Juli auch in Stuttgart eine Veranstaltung, an der alle mit dem Thema befassten Einrichtungen beteiligt sind. Sie bestücken einen Informationsstand mit Material, laden zu einem Gottesdienst in die Leonhardskirche ein und suchen nach Schirmherren, unter denen sich Politiker unterschiedlicher Couleur finden. 2009 wurde auf dem Karlsplatz ein Gedenkbaum gepflanzt. „Die dazugehörigen Gedenktafel wird immer wieder zerkratzt oder übersprüht“, bedauert Baur.

Seine Hauptarbeit sieht der Ehrenamtliche allerdings in der Lobbyarbeit. „Wir von JES sind nicht für die totale Freigabe von Drogen, aber mündige Menschen müssen über kleine Mengen verfügen können. Der Staat muss die Kontrolle über das Thema zurückgewinnen. Das ist mit dem bestehenden Betäubungsmittelgesetz aber nicht zu machen“, kritisiert Baur. „Jeder Arzt, der Menschen unterstützt, die Drogen nehmen, steht mit einem Bein im Knast“, erklärt er. „Wenn es den illegalen Dealer an der Straßenecke nicht gäbe, würde sich keiner eine Spritze setzen.“ Er selbst sei als Jugendlicher der Faszination des Illegalen und dem Machtgefühl als Dealer erlegen. Mit einem liberaleren Umgang mit Drogen – davon ist er überzeugt – wäre sein Leben anders verlaufen.




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