Stuttgarter des Jahres Wärme schenken im kalten Milieu

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Barbara Hürttle arbeitet seit fast 20 Jahren im Prostituiertencafé La Strada im Leonhardsviertel. Dafür ist sie nun mit dem Ehrenamtspreis „Stuttgarter des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Stuttgart - Mittlerweile schockt Barbara Hürttle fast nichts mehr. An das Leid und die Armut der Prostituierten, die sie im Café La Strada im Leonhardsviertel betreut, hat sie sich zwangsweise gewöhnt. Auch an den Anblick, wenn die Frauen mit blauen Augen oder anderen Spuren von Schlägen ihrer Zuhälter in die Anlaufstelle kommen. Und doch wird die selbstsichere und beherzte Frau sehr leise, wenn sie sich an die ein oder andere Geschichte aus ihrer langen Zeit als Ehrenamtlerin erinnert.

Da war zum Beispiel vor Jahren „dieses junge und bildhübsche Mädchen“, erzählt Hürttle. Es war den Drogen verfallen, musste anschaffen, um sich die Sucht zu finanzieren. Hürttle erinnert sich, dass ihre Eltern regelmäßig im Café anriefen, um zu fragen, ob ihre Tochter überhaupt noch lebe. „Nicht auszumalen“, sagt die 63-Jährige, die zwei Kinder hat, und schüttelt den Kopf. Vor einem Jahr kam das einst so hübsche Ding nach langer Zeit wieder in die Einrichtung an der Jakobstraße. „Als alte Frau, runtergekommen, ohne Zähne“, berichtet Hürttle. Sie hat es nicht geschafft, von den Drogen loszukommen.

Junge Frauen werden zur Prostitution gezwungen

Die Frauen von Alkohol und Drogen wegzubringen oder sie gar beim Ausstieg aus der Prostitution zu begleiten, sei natürlich das hehre Ziel, sagt Barbara Hürttle. Ihre Aufgabe als Ehrenamtlerin sei es aber vor allem, den Gästen kurzfristig und unmittelbar zu helfen – sei es mit Kleidung, einem Essen oder nur einer freundlichen Geste. Das tut Hürttle seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten. Ein Engagement, das Anerkennung verdient, wie in Hürttles Fall gleich zwei Bekannte finden. Unabhängig voneinander haben Marlies Franz und Birgit Henzler die einstige Lehrerin für den Stuttgarter des Jahres vorgeschlagen. „Für mich ist sie mit ihrem umfassenden Engagement ein echtes Vorbild“, sagt die La-Strada-Kollegin Henzler. Und tatsächlich ist Hürttle eine von zehn Gewinnern, die am 23. März in den Wagenhallen für ihr ehrenamtliches Engagement geehrt worden sind. Die Stuttgarter Versicherungsgruppe und die Stuttgarter Zeitung hatten den Preis ausgelobt, der mit je 3000 Euro dotiert war.

An vier Abenden in der Woche ist das Café für Frauen geöffnet, an einem ist ein Arzt da. An zwei weiteren Tagen ist die Einrichtung als Café Strich-Punkt Anlaufstelle für Stricher. Träger sind die Caritas, das Gesundheitsamt, die Aids-Hilfe und der Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen Schwierigkeiten. Die Prostituierten bekommen Getränke und ein warmes Essen kostenlos, ebenso Kondome und gespendete Kleidung. „Vor allem können sich die Frauen aber ausruhen, sich vom Stress auf der Straße erholen“, sagt Barbara Hürttle. Ins La Strada kommen keine reichen Edelhuren aus Bordellen. „Das sind junge Mädchen aus Osteuropa, die in ihrer Heimat von Männern geködert wurden“, erzählt Hürttle. Oft werde sie gefragt, warum sie Spenden für Prostituierte sammle, die würden doch gut verdienen. Zwangsprostitution unter einem brutalen Zuhälter sei wahrlich nichts zum reich werden, weiß es Hürttle besser.