Dino des Stuttgarter Nachtlebens Nach 43 Jahren zieht der Kings Club ins „Exil“ um

Von Uwe Bogen 

Das Gerücht, wonach der Kings Club nach 43 Jahren schließt, stimmt – aber am anderen Ort geht’s weiter. Die alten Kellerräume werden auf unbestimmte Zeit saniert. Eine frühere Spielhalle wird zum Interimslokal, das „KC im Exil“ heißt.

Blick in den Kings Club, der 1977  eröffnet wurde und  mit der Boa die älteste Disco von Stuttgart ist Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel 6 Bilder
Blick in den Kings Club, der 1977 eröffnet wurde und mit der Boa die älteste Disco von Stuttgart ist Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel

Stuttgart. - Die Wirtin hat die Nase voll. Immer wieder fiel in ihrem Kings Club an der Calwer Straße der Strom aus, knallten Sicherungen raus. Unfreiwillig wurde der Dino des Nachtlebens, der 1977 eröffnet worden ist, dann ohne Licht zum riesigen Darkroom. Eigentlich wollte Laura Halding-Hoppenheit ihr Kellerlokal während des laufenden Betriebs sanieren. Die elektrischen Leitungen und Wasserrohre müssen ausgetauscht, die Toiletten erneuert werden. „Horrrror“ seien die Räume, in denen Freddie Mercury in den 1980ern gefeiert hat, „völlig marode!“ Weder die Brauerei noch die Hausverwaltung hätten sich um die dringend notwendige Erneuerung gekümmert, sagt die Stadträtin mit den feuerroten Haaren, deren Lieblingswort ein Wort mit vielen Rs ist. Wenn sie „Horrrrror“ sagt, vibriert alles.

„Ein Exil kann auch sexy sein“

Die Handwerker waren da – doch es wurde nicht viel besser. Inzwischen hat die „Mutter der Schwulen“ eingesehen: Ein radikaler Schnitt muss her! Ohne Schließung gelingt die Sanierung nicht. Soll es einer der ältesten Schwulendiscos von Deutschland besser ergehen als der Staatsoper am Eckensee? Für den dringend erforderlichen Umbau muss da wie dort eine Interimsstätte her. Clublegende Laura hat den Theaterleuten was voraus: Sie ist bereits fündig geworden und kann Ende Januar mit Sack und Pack umziehen. Ein derartiger Ortswechsel auf Zeit ist ein Novum im Stuttgarter Nachtleben.

In eine ehemalige Spielhalle an der Torstraße geht’s, wenige Schritte vom Tagblattturm entfernt. In welcher Farbe sie ihr Interimslokal einrichten wird, ist klar – in Rot! „Ein Exil kann auch sexy sein“, meint die Wirtin, „von außen reinschauen kann man nicht.“ Für Laura Halding-Hoppenheit, deren Alter keiner nennen darf, der überleben will, ist der Umzug „ein Anfang“. Sie gehe „mit Freude“ an die Herausforderung und sagt diesen schönen Satz: „Wie in der Liebe ist nie zu spät für neue Wege.“

Die Wirtin ist frisch verliebt

Kein Zufall ist es, dass die Wirtin von Liebe spricht, für die es nie zu spät sei. Amors Pfeil hat sie getroffen. Ihr neuer Lebensgefährte ist der international gefeierte Bildhauer und Fotograf Peter Jacobi aus Wurmberg im Enzkreis, der wie sie in Rumänien geboren ist. Gerade bereitet der 84-jährige Künstler eine Ausstellung in Bukarest vor. Bis zu seiner Pensionierung war er Professor an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim. „Ich bin seine Muse“, sagt Laura. Aber auch er unterstützt ihre Arbeit. „Er war sogar schon im KC und begeistert von meine vielen wunderbaren Kindern“, erzählt sie.

Als der Kings Club 1977 in einem Keller an der Calwer Straße ohne Beleuchtung fast heimlich eröffnete (nach illegalem Vorlauf), flogen wenig später Steine durch den Eingang. Heute wünschen die Gäste ein helleres Fassadenlicht – verstecken will sich keiner mehr. In Rumänien hatte Laura einen tyrannischen Vater ertragen. Zum Kunststudium ging’s nach Hamburg, wo die Liaison mit einem Chefredakteur begann. In den 1970ern zog sie mit ihm in eine Villa nach Stuttgart. Dort wollte sich kein Spießerglück einstellen. Wohl fühlte sie sich nachts mit schwulen Künstlern. Nach der Trennung von ihrem Mann verlor Laura den goldenen Käfig. Fortan musste sie Geld verdienen, weshalb sie im KC jobbte. In dessen Betreiber Thomas Bergmeister verliebte sie sich, war für ihn „die erste und letzte Frau“. Bald wurde sie selbst Chefin des Kings-Kellers.

Zum ersten Mal in über vier Jahrzehnten muss die Chefin nun mit ihrem Club umziehen. Weil Laura, die arbeiten will, bis sie 100 ist, nicht weiß, wie lange die Sanierung dauert, wollte sie ihr KC nicht einfach nur schließen, sondern macht an anderer Stelle weiter. Es geht ins „sexy Exil“ – sozusagen ins „Sexil“.

Hauptsache, das wird kein Horrrror!

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