Drei unter Drei und ein Hund Zu Besuch bei einer Stuttgarter Drillingsfamilie

Im Spielzimmer mit Kind, Kegel und kleinem Hund. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Three under three: Stefanie und Johannes Bergmann sind Eltern von anderthalbjährigen Drillingen. Wir haben die Familie in Stuttgart-Zuffenhausen besucht. Wie findet man Kitaplätze? Welche Unterstützung bekommt man? Und haben die zwei noch Hobbys?

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Der Zwillingskinderwagen am Hauseingang ist der erste untrügliche Hinweis: Hier, in der zweigeschossigen Wohnung in Zuffenhausen, wohnt eine Familie mit mehr als einem Kind. Doch der erste Eindruck trügt, es wohnen sogar drei Kinder hier, Drillinge um genauer zu sein: Elise, Marie und Hannes Bergmann, dreieiig, achtzehn Monate alt. „Wir sind gerade fertig geworden“, sagt Johannes Bergmann, als er die Türe öffnet, und meint damit das Fertigmachen der Kinder nach dem Mittagsschlaf. Aufwecken, wickeln, anziehen, Snack, dreimal. Ein kleiner Hund rennt aufgeregt zwischen Türe und Wohnzimmer hin und her, wo Stefanie Bergmann ihre Kids beim Klettern auf einem kleinen Holzgerüst beaufsichtigt. Zumindest zwei von ihnen, das dritte rennt dem Hund hinterher, versucht ihn zu fangen, während Johannes die Jacken aufhängt. Langweilig wird’s hier nicht, so viel ist klar.

 

Die Wohnung wird mit Drillingen schnell zu klein

Vor einem halben Jahr erst ist die junge fünfköpfige Familie mit Hund von Bad Cannstatt nach Zuffenhausen in eine größere 4,5-Zimmer-Wohnung mit Garten gezogen. Es war schließlich klar, dass die alte Wohnung in absehbarer Zeit viel zu klein geworden wäre. Dass im ganzen unteren Geschoss der neuen zweistöckigen Wohnung dicker, fluffiger Teppich verlegt ist, ist purer (glücklicher) Zufall: Die Vormieterin hat ihn verlegen lassen. Mit drei kleinen Kindern, die noch hie und da stolpern und gerne auf dem Boden herumturnen, nicht die schlechteste Situation, auch wenn sich Steffi und Johannes mit der Optik noch nicht ganz angefreundet haben. Aber Form follows Family Function, wie Le Corbusier schon wusste.

Diese Woche starten die Kids in die Kita. Alle drei sind in derselben untergekommen, bis zuletzt war die Situation aber noch offen. Angenommen worden waren erst nur die beiden Mädchen, Hannes war auf die Warteliste gesetzt worden und rutschte als Geschwisterchen im Nachrückverfahren kurz vor knapp nach. Viele Eltern haben schon Schwierigkeiten für ein oder zwei Kinder einen Platz zu finden. Mit three under three ist die Chance noch geringer. Erst recht in derselben Einrichtung.

Die Betriebskita von Johannes hatte dem Elternpaar direkt abgesagt. Der 30-Jährige arbeitet 80 Prozent Teilzeit als Krankenpfleger, während Steffi in Elternzeit ist, mindestens noch das kommende Jahr. Pro Kind können drei Jahre genommen werden, insgesamt aber maximal acht.

Intoleranz gegenüber Familien mit Kindern ist Alltag

Und auch im Alltag stößt die fünfköpfige Familie auf ungeahnte Hürden. „Ich wünschte, die Leute hätten mehr Verständnis“, sagt Steffi. Sie erinnert sich an eine Situation in der Bahn, als sie mit allen drei Kindern und Zwillingskinderwagen unterwegs war. Ein älterer Herr war unhöflich geworden, nachdem er schwer an ihnen vorbeigekommen ist. Ein halbes Jahr lang fuhr Steffi danach keine Bahn mehr. Intoleranz und mangelnde Empathie verletzt.

„Viele Leute starren, manche tuscheln, einige sprechen uns auch an“, sagt die Mutter. Kein Gang vor die Tür, ohne, dass sie jemand auf die Drillinge anspricht. „In den meisten Fällen entstehen daraus dann aber nette Gespräche“, darin sind sich beide Elternteile einig. Allerdings fiele jedes Mal der Satz „Drillinge: Das könnte ich nicht!“. Als stellte sich einem diese Frage.

Dass Stefanie und Johannes wiederum ohne Drillinge nicht mehr können, wird jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar. Zwischen Kind wickeln, das andere am Stuhlschaukeln hindern und dem dritten einen angelutschten Keks abnehmen, werfen sich die beiden glückliche Blicke zu. Sie sind ein eingespieltes Team, gehen sich gegenseitig zur Hand und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wir sind super happy, von Anfang an“, sagt Steffi und hebt zum zwanzigsten Mal ein fallengelassenes Quetschie auf, während sie Marie auf dem Arm hält, die mit aller Kraft versucht, die Vorhänge hinter Steffi von der Stange zu rupfen. Der Drillingsgeburt gingen zwei Fehlgeburten voraus. Über drei gesunde Kinder könne man sich doch nur freuen, findet sie.

Dass es Drillinge werden, wusste das Paar vom ersten Ultraschall an, auch wenn sich das dritte zunächst hinter den anderen beiden versteckt hatte. „Das hat kurz sogar die schallende Gynäkologin überrascht“, schmunzelt Johannes. „Ab diesem Moment hatten wir aber nur noch Glücksgefühle.“ – „Und haben die ganze Zeit gelacht“, fügt Steffi schmunzelnd hinzu. Was genau auf die junge Familie mit Drillingen zukommen würde, wurde ihnen erst nach und nach klar.

Nicht nur die werdenden Eltern sind ahnungslos

Zum Teil sporadischer, als sie sich gewünscht hätten: Sowohl Pro familia als auch das Jugendamt schienen überfordert mit der Beratungssituation. Es wurden Flyer ausgeteilt, mehr nicht. „Alles rund um die finanzielle Unterstützung mussten wir selbst herausfinden. Dass man zum Kindergeld noch zusätzlich einen Kinderzuschlag beantragen kann, oder dass wir Anrecht auf Wohngeld haben, zum Beispiel“, erinnert sich Johannes. Das hat das Paar viel Zeit und Energie gekostet, während es sich auf die Ankunft der drei Kinder vorbereitet hat.

Zum Glück können und wollen die Großeltern mit anpacken. Die Familie hat einen Betreuungsplan aufgestellt, in dem die Omas und Opas fester Bestandteil sind. Die einen nehmen zum Beispiel abwechselnd einen der Drillinge von Donnerstag auf Samstag mit zu ihnen nach Hause, sodass an zwei Nächten auf ein Kind auch je ein betreuendes Elternteil kommt. An den anderen Tagen kommen wiederum die anderen Großeltern vorbei und helfen Steffi im Alltag, wenn Johannes arbeitet. „Ich bin nie allein mit drei Kindern“, sagt die Mama, die dankbar ist für all den Support.

„Die zwei Nächte etwa, an denen wir nur zwei Kinder zuhause haben, ändern wirklich alles“, findet das Elternpaar. Denn je besser die Drillinge laufen können – und aktuell sind sie schon recht flink unterwegs – desto mehr fällt ins Gewicht, dass quasi immer mindestens ein Paar Arme zu wenig da ist, um den dritten Flitzer davon abzuhalten, zu rennen, zu fallen oder irgendetwas in den Mund zu stecken, das da nicht reingehört. Das Spielzimmer hat daher ein kniehohes Laufgitter auf der offenen Seite, das man notfalls zumachen kann, wenn man doch mal alleine mit den Drillingen ist. „Ich kann zum Beispiel nicht alle drei mit aufs Klo nehmen oder hoch und runter tragen, wenn ich etwas aus dem zweiten Stock holen möchte“, sagt Steffi. Doch lange wird das Gitter nicht mehr als Barriere akzeptiert werden, das ahnt das Paar schon.

ABC Club unterstützt Drillings- und Mehrlingsfamilien

„Meine Mutter hatte uns dann noch den Tipp gegeben, uns beim ABC Club zu melden“, verrät Steffi. Der Verein informiert Familien mit Drillingen und mehr und vernetzt sie untereinander. Dort erst haben sie Infos, Kontakte zu anderen Mehrlingsfamilien und Angebote wie einen Online-Stammtisch bekommen. „Das war gerade am Anfang sehr hilfreich“, sagt Johannes. „Gerade wenn’s um Fragen geht, wie etwa, was man am Anfang alles braucht.“ Ihre größte Anschaffung der Drillinge wegen war wohl das neue Auto, sagen sie rückblickend. Denn die wenigsten Wagen fassen auf der Rückbank drei Kindersitze, selbst unter den Kombis.

Durch den ABC Club bekam die Drillingsfamilie auch schon Besuch von zwei werdenden Elternpaaren, die ebenfalls Drillinge erwarten. „Das hätte ich damals auch gebraucht“, sagt Steffi, „jemanden, der mir wirklich aus eigener Erfahrung sagen kann, wie es ist und worauf es ankommt.“ Auf einen Drillingskinderwagen zum Beispiel nicht. „Damit kommt man nicht in die U-Bahn, man kann nicht in der Stadt spazieren gehen. Sie sind viel zu schwer, zu groß und zu sperrig“, verrät die Drillingsmama. „Man kann das Ding als Frau alleine dann nicht mehr schieben, sobald die Kinder ein bisschen was wiegen.“ Schon der Zwillingskinderwagen ist in Sachen Größe und Gewicht eine Herausforderung.

Rausgehen ist mit three under three eine Mammutaufgabe

Welche Vorstellungen haben den Realitäts-Check außerdem nicht bestanden? „Ich hatte mir vorher nicht ausgemalt, dass man so ans Zuhause gefesselt ist, weil schlichtweg nichts auf drei Kinder ausgelegt ist“, gibt Steffi zu. „Es ist wirklich schwierig, irgendwohin zu gehen oder mit ihnen etwas zu unternehmen. Geschweige denn, die drei draußen frei herumlaufen zu lassen.“ Gerade in der aktuellen Phase, in der Elise, Marie und Hannes das Laufen frisch für sich entdeckt haben, ohne auf ihre Eltern zu hören, gestaltet sich das Rausgehen schwierig, wenn nicht drei Erwachsene dabei sind. „Zu zweit ist man nur am Rennen“, bestätigt Johannes.

Im Urlaub war die fünfköpfige Familie mit Hund seit der Schwangerschaft nicht. „Frühestens nächstes Jahr können wir darüber nachdenken“, sagt Steffi. Zu unüberschaubar sei die Situation mit drei Kleinkindern in einer fremden, nicht kindersicheren Urlaubsumgebung.

„Wir haben’s noch nicht mal ins Freibad geschafft“, bringt die Drillingsmama die Urlaubsfantasien in die Realität zurück. Wenn’s auf einen Tagesausflug in die Wilhelma geht, sind beide Elternteile eine gute Stunde mit den Vorbereitungen beschäftigt. „Und das ist schon unsere eingespielte Routine, auf die sechzig Minuten haben wir uns sozusagen heruntergearbeitet“, geben sie zu bedenken.

Hobbys? Eher nicht

Auf die Frage, ob sie noch Hobbys haben, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Nein.“ Es bleibt keine Zeit für Sport, für Konzerte, für Kino, für Zeit zu zweit. Während Johannes zwei rennenden Kids ins Spielzimmer folgt, hält Steffi das dritte davon ab, sich dazuzugesellen und überlegt. „Ich glaube, ich war im letzten Jahr auf einer Hochzeit und auf einem Geburtstag – das war’s“, fasst sie nach kurzer Überlegung ihre abendliche Freizeitaktivität des vergangenen Jahres zusammen. „Vielleicht wäre es theoretisch auch öfter umsetzbar, aber meistens fehlt dann auch die Lust, abends noch auszugehen oder etwas zu machen, weil man so k.o. vom Alltag ist“, ruft Johannes aus dem Spielzimmer heraus, mit Blick auf seine Handvoll gescheiterter Versuche, seit der Geburt wieder mit Sport anzufangen. Er kann sich neben besagter Hochzeit nur noch an einen Abend erinnern, an dem er abends das Haus verlassen hat, um sich mit Freunden zu treffen. Denn am nächsten Tag geht’s für alle Familienmitglieder um fünf Uhr wieder los, unerbittlich.

Die geregelte Kita-Situation ist nun ein kleiner Hoffnungsschimmer, um Hobbys wieder aufleben zu lassen und mehr gemeinsame Zeit als Paar verbringen zu können. Sobald die Eingewöhnungsphase überstanden ist, haben die beiden an Johannes‘ freiem Tag, Mittwoch, wieder Zeit füreinander. „Darauf freuen wir uns schon“, sagen die beiden lachend, ein Kind unter jedem Arm. „Und wenn wir wieder mal zusammen auf ein Konzert gehen können“, bringt Johannes ein gemeinsames Hobby ins Gespräch, das die letzten zwei Jahre erst mal auf Eis lag. „Ach stimmt“, erinnert sich Steffi, „das haben wir ja auch mal gemacht.“ There’s more to come.

StZ Archiv: Dieser Text erschien erstmals am 16. November 2024

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