InterviewStuttgarter Elternbeiratsvorsitzende „Loslassen ist ungeheuer schwer“

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Zunehmend greifen Eltern in den Schulbetrieb ein. Nach dem StZ-Bericht über die Vorfälle an der Schillerschule in Stuttgart erklärt die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, was Eltern bei der Erziehung verunsichert und weshalb sie so schlecht loslassen können.

Das Zutrauen der Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder hat extrem abgenommen, sagt Sabiner Wassmer, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stuttgarter Schulen. Foto: dpa
Das Zutrauen der Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder hat extrem abgenommen, sagt Sabiner Wassmer, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stuttgarter Schulen. Foto: dpa

Stuttgart - Was steckt dahinter, wenn Eltern auch Drittklässler noch bis ins Klassenzimmer begleiten und deren Lehrer durch Tür-und-Angel-Gespräche vom Unterrichten abhalten? Mit diesem Thema, das durch die Vorgänge an der Schillerschule in die Öffentlichkeit gerückt ist, sieht sich auch Sabine Wassmer (51), Stuttgarts frisch im Amt bestätigte Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stuttgarter Schulen, immer wieder konfrontiert.

Frau Wassmer, haben Sie eine Erklärung ­dafür, weshalb Eltern ihre Grundschulkinder bis vors Schultor fahren und ihnen den Ranzen bis ins Klassenzimmer tragen?
Ich kann’s mir nicht erklären. Es könnte sein, dass die Eltern den Unterschied zur Kita noch nicht verinnerlicht haben. Das ist aber an vielen Schulen so. Die Lehrer schütteln da nur noch den Kopf. An ­manchen Eltern verpuffen alle Appelle.
Wie haben Sie es selber gehalten mit dem ­Loslassen?
Sabine Wassmer Foto: LG/Achim Zweygarth
Fragen Sie nicht. Ich bin eine Glucke. Mir ist das ungeheuer schwer gefallen. Am ­Anfang hab ich meine Töchter zur Schule begleitet, zu Fuß. Später hab ich immer Muffe gehabt, ob alles klappt. Ob sie auch wirklich gucken und nicht nur quatschen. Aber sie sind allein gegangen und sie haben mich schnell abserviert, so nach dem ­Motto: Mama, das ist peinlich.
Es scheint eine andere Kindergeneration ­gewesen zu sein.
Ja, dass sich Kinder auch gegen die Eltern zur Wehr setzen und sagen: ‚Bis hierher und nicht weiter’ scheint nicht mehr so häufig zu sein. Oder die Eltern ignorieren es. Es ist ja auch schwierig, weil man ­Zuständigkeiten aufgibt. Und es streiten zwei Seelen in Elterns Brust. Die eine sagt: mein kleines Baby, ich möchte es beschützen vor den Unbilden der Welt. Die andere sagt: man muss Kinder stark machen – aber vielleicht erst nächstes Jahr.
Spielt Angst eine Rolle?
Mit Sicherheit. Es ist die Angst, dass die ­Kinder das nicht allein bewältigen können. Ich habe den Eindruck, das Zutrauen der Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder hat extrem abgenommen. Man versucht, ihnen alles aus dem Weg zu räumen, jede Schwierigkeit. Aber das sind ja auch die Dinge, an denen die Kinder reifen. Und wenn ich einen Schuh nicht richtig zubinden kann, muss ich eben einen Klassenkameraden oder die Lehrerin fragen.
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