Stuttgarter Erotik-Boutique vor dem Aus Bei Frau Blum reicht es nicht mehr zum Überleben

Mascha Hülseweg (vorne) und Alexander Steinmann hoffen, dass sie mit ihrer Erotik-Boutique Frau Blum im Stuttgarter Westen weitermachen können. Foto: Timo Kabel

In unzähligen Interviews rühmen sie die Energie, die Sexualität liefert. Die Chefinnen von Frau Blum sind Medienstars. Doch ihre Erotikboutique steht vor dem Aus. Können Fans das Geschäft retten?

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Zusammen besuchten sie die Waldorfschule in Stuttgart und sind seit der dritten Klasse Freundinnen fürs Leben: Mascha Hülsewig, 56, und Alexandra Steinmann, 55, war immer klar, dass sie beruflich mal was zusammen aufbauen wollten. Vor neun Jahren eröffneten die beiden im Stuttgarter Westen die Erotik-Boutique Frau Blum, um den Verkauf von Sextoys raus aus der Schmuddelecke zu holen und eine Art Institut für sexuelle Bildung zu gründen – mit Vorträgen, Tipps und dem Mutmachen, das Beste aus der Sexualität zu holen, die ganze Energie zu nutzen, die in ihr steckt. Ums Geldverdienen allein ging es ihnen nie.

 

Gefragt sind die beiden Gründerinnen von Frau Blum (seit vier Jahren gibt es noch ein „Blümchen“, eine weitere Mitarbeiterin) bundesweit für Interviews zu Themen rund um Sexualität. Vom „Stern“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“, von der „Landesschau“ bis zum RTL-Magazin – die Stuttgarterinnen habe ihre oft als bieder verschriene Heimatstadt mit den offenen und toleranten Seiten in die Republik hinausgetragen.

Seit Kriegsbeginn hat ein „schleichender Prozess nach unten“ eingesetzt

Doch damit allein lassen sich die Miete, die Fixkosten und Rechnungen für gelieferte, noch zum Verkauf ausstehende Waren nicht begleichen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs, sagt Mascha Hülsewig, habe „ein schleichender Prozess“ eingesetzt – die Umsätze gingen immer weiter nach unten. „Damals hat eine Schockstarre geherrscht“, erinnert sie sich, „Sexualität, so schien es, spielte angesichts der russischen Bedrohung keine Rolle.“

Viele kleinere Läden hatten Corona dank staatlicher Unterstützung überstanden, doch nun sorgten steigende Energiepreise und explodierende Kosten in allen anderen Bereichen für Schließungen. „Als ich las, dass selbst Tarte & Törtchen schließen musste, die etwa zeitgleich mit uns angefangen haben, dachte ich, Mist, das Überleben von Frau Blum ist auch in Gefahr“, berichtet Mascha Hülsewig und stellt enttäuscht fest: „Wir investieren all unsere Zeit und unser ganzes Herzblut – dennoch reicht es nicht zum Überleben.“

Wie ernst die Lage ist, zeigten die Gespräche mit dem Steuerberater. Die Kosten für die Waren sind extrem angestiegen – doch wenn Frau Blum diese Mehrkosten weitergeben würde, würden sie darauf sitzen bleiben. Was also tun? Die Reißleine ziehen und das Geschäft aufgeben wie viele anderen auch? Dass es finanziell verheerend aussieht, sprach sich bei Freunden und Fans der Erotik-Boutique herum. Die wollen den Untergang nicht mitansehen und beschlossen, etwas für die Rettung eines ganz besonderen Projekts zu tun.

So ist die Aktion „I love Frau Blum“ entstanden, die in der kommenden Woche startet. Der Appell lautet: Kauft gerade jetzt verstärkt ein, um den mit viel Liebe aufgebauten, etwas anderen Sexshop zu retten!

Das Motto lautet: „I love Frau Blum“

Veranstaltungen bei Frau Blum an der Reuchlinstraße 11 im Stuttgarter Westen kann man zum regulären Preis besuchen oder dazu einen Solidaritätsbeitrag von fünf, zehn oder 20 Euro drauflegen. Am 19. Mai kommt etwa die US-Amerikanerin Deborah Sundahl. Die Pionierin in der Erforschung der weiblichen Sexualität sprich über den G-Punkt und weibliche Ejakulation. Im Online-Shop wird es spezielle Angebote unter dem Motto „I love Frau Blum“ geben. Überraschungen werden dann ins Haus geliefert.

Die beiden Inhaberinnen legen Wert auf hochwertige Produkte, Billigware kommt bei ihnen nicht in Frage. „Oberste Priorität hat für uns Material und Design“, sagt Alexandra Steinmann, „gerade im Toybereich sind medizinisch geprüfte und hautfreundliche Inhaltsstoffe sehr wichtig.“ Man gebe seinen Kindern ja auch keine Schnuller mit giftigen Weichmachern.

Sie behandeln Sexualität wie ein Kulturgut

Das Internet ist zwar voll mit Sex und Perversität, aber Frau Blum will aufzeigen, dass Lust noch schöner wird, wenn sie nicht auf das schnelle und kurze Vergnügen abzielt. Kondome bekommt man heutzutage an jeder Supermarktkasse. „Bei uns aber gibt es Kondome in sechs verschiedenen Größen“, berichtet Mascha Hülsewig, „die besser fürs Gefühl sind, wenn sie passen und nicht zu klein oder zu groß sind.“

Wie kaum ein anderes Thema beeinflusst Sexualität fast alle Lebensbereiche des Menschen – sowohl zwischenmenschlich als auch ganz persönlich. Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann behandeln Sexualität wie ein Kulturgut. Denn es sei wichtig, zu sich selbst zu stehen, eigene Wünsche und Bedürfnisse offen zu kommunizieren. Lust und Liebe, sagen die Kämpferinnen gegen Verklemmtheit, halten Körper und Seele gesund. Sie machen klar: Im Netz mögen die digitalen Angebote zwar unüberschaubar sein – am schönsten aber sind Sinnesfreuden immer noch analog.

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