Viele Kinder und Jugendliche haben seelische Probleme. Foto: dpa/Fabian Sommer
Laut der neuen Copsy-Studie ist ein erheblicher Teil von Kindern und Jugendlichen auch nach der Coronazeit noch psychisch stark belastet. Wie die Lage im Südwesten ist und welche Hilfen geplant sind, erklären Fachleute.
Doch in den vergangenen fünf Jahren hat sich diese Entwicklung noch verfestigt, weshalb die Anfragen für eine psychiatrische Behandlung in dieser Altersgruppe gestiegen sind. Im Zentrum für Seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart waren allein im vergangenen Jahr mehr als 5600 Patienten in stationärer oder teilstationärer Behandlung, davon rund 470 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Was die Kinder und Jugendliche so belastet und welche Hilfen zumindest in Baden-Württemberg geplant sind, zeigt diese Übersicht.
Wie viele Kinder und Jugendliche haben seelische Probleme?
Gerade hat das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die jüngste Auswertung der großen Studie „Corona und Psyche“ – kurz Copsy – veröffentlicht. Demnach hat sich die Lebensqualität und psychische Gesundheit junger Menschen, die während der Corona-Pandemie erheblich beeinträchtigt gewesen sind, in den Vorjahren zwar verbessert. Dieser Trend ist jedoch noch nicht wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie angekommen. Nach Auswertung der Copsy-Studie beurteilt jedes fünfte Kind (21 Prozent) im Alter von 7 bis 22 Jahren sein Wohlbefinden eher schlecht, es zeigt Angstsymptome und psychische Auffälligkeiten. „Es geht den Kindern und Jugendlichen nach wie vor psychisch schlechter als vor der Corona-Pandemie“, sagt Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer. Damals hatten rund 15 Prozent der Kinder von einer geminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität gesprochen.
Was sind die Gründe für die seelischen Beeinträchtigungen?
Es ist vor allem die Verunsicherung angesichts politischer und ökologischer Krisen, die seit der Pandemie stärker in das Bewusstsein der Heranwachsenden rücken. Und ein Teil von ihnen hatte bislang weder die Zeit noch die Bedingungen, sich psychisch zu erholen: 72 Prozent machen sich große Sorgen in Bezug auf Kriege. Auch die Angst vor Terrorismus (70 Prozent), Wirtschaftskrisen (62 Prozent) und Klimakrise (57 Prozent) beschäftigt den Nachwuchs.
Wie wird aus Angst und Sorge eine psychische Erkrankung?
Bei Kindern mit Sorgen und Ängsten ist das Risiko für psychische Auffälligkeit dreifach erhöht. Weitere Risikofaktoren sind eine geringe Bildung und ein geringes Einkommen der Eltern. „Armut ist ein entscheidender Risikofaktor für psychische Störungen“, sagt Fricke. „Bei Patienten im Krankenhaus sind es häufig vor allem Themen aus dem privaten Umfeld, die mit der Krankheit zusammenhängen, die Sorgen bereiten.“ Nicht selten sind Themen mit schulischer Überforderung, die als großen Stress wahrgenommen werden und die Erkrankungen negativ beeinflussen.
Wie sehr schadet ein hoher Medienkonsum der Psyche?
Nach Angaben der Autoren der Copsy-Studie nutzen pro Tag 40 Prozent der Kinder mehr als vier Stunden ihr Smartphone, Tablet oder ihren Computer. Auf diese Weise kommen diese ungefiltert an Informationen über globale Krisen, gleichzeitig erhöht sich das Risiko, über digitale Medien Ausgrenzung und Mobbing zu erfahren.
Welche psychischen Erkrankungen sind im Südwesten häufig?
Im Zentrum für Seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart benötigen insbesondere Mädchen deutlich häufiger eine zügige stationäre Behandlung. Ihnen wird oft eine begleitende Depression bei Essstörungen diagnostiziert oder aber eine beginnende Persönlichkeitsstörung. Teils ist auch beides zusammen der Fall.
„Mein Eindruck ist, dass der aktuell jugendlichen Generation es häufig an gesellschaftlicher Orientierung fehlt“, sagt Oliver Fricke, Kinder- und Jugendpsychiater. Foto: Klinikum Stuttgart, Unternehmenskommunikation/RAUTENBERG
Dieses Ungleichgewicht war zwar auch schon vor der Pandemie zu beobachten, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Fricke. Dieser Trend habe sich aber deutlich verstärkt. „Aktuell wissen wir nicht, ob dies daran liegt, dass die kranken Jungen noch nicht in Kontakt mit dem Kliniksystem sind oder die Mädchen in der Tat schwerer erkranken“, sagt Fricke.
Welche Hilfen sind jetzt nötig?
Den Forderungen der Autoren der Copsy-Studie insbesondere nach mehr Prävention kann sich Fricke anschließen: So wünschen sich die Experten Strukturen insbesondere in den Schulen, um die Seelen der Kinder zu stärken – etwa mit der Versorgung von Schulpsychologen und die Vermittlung von Medienkompetenz. „Bereits vor der Pandemie gab es einen relativen Mangel an Behandlungsangeboten für psychisch kranke Jugendliche“, sagt Fricke. Häufig ist es aber besser vor als nach der Pandemie gelungen, mit unterstützenden Maßnahmen wie beispielsweise der Jugendhilfe ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.
Welche Hilfen will das Land Baden-Württemberg zur Verfügung stellen?
Schon im Jahr 2021 wurde eine Task Force eingerichtet, um Familien besser in Sachen Prävention, Krisen und Suchtgefährdung zu unterstützen. Auch wurde die Zahl der Betten und Plätze im Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie erhöht. Künftig sollen zudem in den Landkreisen sogenannte jugendpsychiatrische Verbünde entstehen – also Zusammenschlüsse aus Fachärzten und Jugendhilfe-Einrichtungen –, die Kindern und Jugendlichen frühzeitig bedarfsgerechte Hilfen zukommen lassen sollen, um ihre psychische Gesundheit zu fördern. Eine Arbeitsgruppe des Landesarbeitskreises Psychiatrie sei damit schon befasst, heißt es seitens des Gesundheitsministeriums.
Welche Hilfen gibt es in Schulen?
Nachdem die Bundesfamilienministerin im September 2023 beschlossen hat, 100 „Mental Health Coaches“ ausbilden und an Schulen entsenden, wurden auch in Baden-Württemberg an acht Programmstandorten mit 24 Schulen solche Experten eingestellt. Sie sollen unter anderem mit Hilfe von Projekten die guten Klassengemeinschaft fördern, was nachweislich auf die einzelnen Schüler eine positive Wirkung habe – auch auf dessen mentale Gesundheit. „Insgesamt stehen im System der Schulpsychologischen Dienste in Baden-Württemberg 194 Planstellen für Schulpsychologinnen und Schulpsychologen und rund 1600 Beratungslehrkräfte an den Schulen zur Verfügung“, heißt es seitens des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Im Rahmen des Programms „Lernen mit Rückenwind“ wurden zudem zeitlich befristet weitere psychologische Unterstützungskräfte angestellt
Was stärkt die Seele von Kindern?
Die Copsy-Studie hat gezeigt, dass Kinder, die sich daheim geliebt fühlten, Zeit mit ihren Eltern verbrächten und einen Tagesablauf mit Struktur erlebten, eine bessere seelische Widerstandskraft haben.
Ein wichtiger Schutzfaktor ist zudem die Entwicklung einer guten „internalen Kontrollüberzeugung“, sagt Fricke. „Das bedeutet, dass ich mich selber gut einschätzen kann und mit einem Gefühl der Sicherheit die Projekte in Angriff nehme, die ich dann auch erfolgreich bewältige.“
Was können Eltern tun?
Beratung Eltern sollten in diesem Fall professionellen Rat einholen. Erster Ansprechpartner ist dabei die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Auch Beratungsstellen unterschiedlicher Anbieter und das Jugendamt können eine Anlaufstelle sein. Wenn sich der Verdacht auf eine seelische Erkrankung erhärtet, sollte man in eine kinder- und jugendpsychiatrische Sprechstunde gehen – oder es sollte der Besuch in einer psychotherapeutischen Praxis für Kinder- und Jugendliche erfolgen.
Vorbild Kinder und Jugendliche brauchen weniger Handy- und Medienzeit – stattdessen das Erlernen von mehr Kompetenz im Umgang damit. Da seien auch die Eltern als Vorbilder in der Pflicht: „Wenn die Eltern am Esstisch das Handy nicht weglegen können, kann ich nicht erwarten, dass die Kinder das machen“, sagt die Hamburger Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer.
Copsy Die Ergebnisse der Copsy-Studie gelten als besonders valide. Denn es handelt sich um eine sogenannte Längsschnittstudie, für die seit Beginn der Pandemie knapp 2900 Familien mit Kindern und Jugendlichen im Alter von sieben bis 22 Jahren aus ganz Deutschland immer wieder befragt wurden.