Stuttgarter Facebook-Gruppe Digitales Schwelgen in Nostalgie

Von Pascal Thiel 

Was macht Sie zu einem echten Stuttgarter? Keine Ahnung? Die Facebook-Gruppe „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn...“ von Moderator und Journalist Chris Fleischhauer gibt Antworten.

„Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn du die 15 noch kennst“ – solche und ähnliche Sprüche und Fotos finden sich in gleichnamigen Facebook-Gruppe. Foto: Zweygarth
„Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn du die 15 noch kennst“ – solche und ähnliche Sprüche und Fotos finden sich in gleichnamigen Facebook-Gruppe. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Woran denken Sie, wenn Sie nach Stuttgart gefragt werden? Was macht für Sie das Leben in Stuttgart aus? Wodurch identifizieren Sie sich als Stuttgarter? Diese Fragen stellen sich im Social Web viele Seiten und Blogs. Auf Facebook erlebt dieser Tage eine Gruppe eine Explosion ihre Beliebtheitsgrades. „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn…“ von Moderator und Journalist Chris Fleischhauer gewinnt täglich um die 1000 Mitglieder hinzu. Schon am Wochenende könnte die Gruppe an der 10.000er-Marke kratzen. Hier kann jeder seine ganz eigene Meinung zu dem namensgebenden Satz „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn…“ ergänzen. Von „…der Zwiebelrostbraten zu jeder Zeit schmeckt“, über „...du als kleiner Bub beim Breuninger durch die Spielwarenabteilung gelaufen bist“ oder „...du schon mal in der Lerche einkaufen warst“ findet man allerlei Heimatlich-Nostalgisches.

Seit zwei Jahren ist in den sozialen Medien ein inflationärer Anstieg solcher Heimatseiten zu erkennen. Immer mehr Menschen scheinen das Bedürfnis zu haben, sich mit anderen Nutzern über die guten alten Zeiten auszutauschen. Immer dabei: eine große Portion Lokalpatriotismus, Tradition und Nostalgie. Losgetreten wurde diese Welle im Frühjahr 2012 durch den ersten „When you live in…“-Tumblr aus Berlin. Sinn dieser Blogs ist der Ausdruck von bekannten Klischees einer bestimmten Stadt, um diese dann mit sich bewegenden GIF-Bildchen zwinkernd zu kommentieren. Diese Animationen sind zumeist aus Material von Filmen, TV-Serien und Youtube-Clips zusammengebastelt. Mittlerweile gibt es diese Blogs für alle großen Städte in Deutschland. Unter anderem in Köln, Berlin, München und auch Stuttgart erfreut man sich der Inhalte dieser Seiten.

Stuttgart ist auf Facebook präsent

In eine ähnliche Richtung gehen „Things, People don’t say“-Blogs. Hier können Bewohner einer bestimmten Stadt oder Region Sätze einschicken, die sie in ihrer Gegend niemals sagen würden. Die einfallsreichsten, spannendsten und lustigsten Einfälle werden dann veröffentlicht. Im Juni 2013 startete der Stuttgarter Radiosender „DIENEUE 107.7“ die Seite für Stuttgart. Seitdem posten die Administratoren von „Things Stuttgarter don’t say – Dinge, die wo ein Stuttgarter nie sagen wird“ mehrmals pro Woche Aussagen wie „Karlsruhe wäre die schönere Landeshauptstadt“, „Der FC Bayern hat jeden gewonnen Titel absolut verdient“ oder „War ganz einfach eine Wohnung zu finden.“

Bei „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn…“ wendet Chris Fleischhauer eine ähnliche Methode an. Die Zielgruppe sind Menschen, die schon seit zwanzig, dreißig Jahren in Stuttgart leben oder hier geboren wurden.“ Im Fokus stehen jedoch nicht nur Bilder, wie etwa beim Stuttgart-Album im Fokus. Auch ganz einfache Gedankenschnipsel finden Anklang in der Gruppe. So schwelgt man genüsslich in Erinnerungen an den kleinen Schlossplatz, die mittlerweile bankrotte Lerche oder die alte „Zacke“. Und schiebt halb verblichene Fotos von längst sanierten Straßenzügen, abgerissenen Gebäuden und Oldtimer-Straßenbahnen hin und her.

Fleischhauer: „Wieder eins sein“

Bemerkenswert ist, dass Fleischhauer die Gruppe bereits vor zwei Jahren gründete. Jedoch kam sie nie über 400 bis 500 Mitglieder hinaus. Dementsprechend bescheiden waren die Aktivitäten in der Gruppe. So war der Moderator und Journalist ziemlich überrascht, als die Mitgliederzahlen vor einigen Tagen plötzlich in die Höhe schnellten. Warum die Gruppe nach zwei Jahren plötzlich so gefragt ist, kann sich Fleischhauer nicht erklären: „Früher waren Posts sehr selten, nur manchmal war jemand in der Gruppe aktiv. Dann wurden es plötzlich immer mehr Mitglieder. Keine Ahnung warum.“ Die Lösung dieses Rätsels kennt womöglich nur Facebook selbst. Möglich ist, dass die Gemeinschaft von einem sich langweilenden Mitglied reaktiviert wurde. Diese Vermutung ist naheliegend, da es sich bei „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist, wenn…“ um eine Facebook-Gruppe und keine Facebook-Seite handelt. Denn anders als bei einer Seite werden die Aktivität sowie der Bekanntheitsgrad einer Gruppe nur durch ihre Mitglieder gesteuert. So ist eine plötzliche Aktivierung durchaus möglich..

Fleischhauer sieht einen Trend der Nutzer der neuen Medien, „alte Zeiten“ gemeinsam online wieder aufleben zu lassen: „Der Wandel Stuttgarts, die vielen Veränderungen im Stadtbild schaffen das Bedürfnis, gemeinsame Erinnerungen zu teilen. Dabei muss das ‚Alte’ jedoch nicht besser oder schlechter sein.“ Besonders nach den letzten Jahren, in der Stuttgart vom Konflikt um seinen Hauptbahnhof in zwei Lager gerissen wurde, sehnten sich die Stuttgarter nach Harmonie in der Stadt: „Sie wollen endlich wieder eins sein.“ Mit seiner Gruppe möchte Fleischhauer einen Teil dazu beitragen.

Die Geschichtswerkstatt: Stuttgart von Zeit zu Zeit

In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv erkundet die Stuttgarter Zeitung die Historie der Landeshauptstadt. In der Geschichtswerkstatt „Stuttgart – Von Zeit zu Zeit“ entdecken unsere Leser bekannte Orte im Wandel der Zeit, kuriose Ereignisse sowie Menschen, die noch heute von Bedeutung sind. Historisches Bildmaterial rundet die Reise in die Vergangenheit ab.

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