Es ist Zeit. Um kurz nach 19 Uhr halte ich den Vogel auf der ausgestreckten Hand. Er sitzt ganz ruhig da. Es ist Dienstag, der 26. Juli. Ich stehe am Anfang eines schmalen, langen Rasenstücks in unserer Wohngegend in Stuttgart-Mitte. Hoffentlich ein guter Ort, um den Vogel fliegen zu lassen. Gleich wird sich zeigen, ob unser Gefühl richtig war: dass er bereit ist für die Lüfte. Ein seichter Wind weht. Was macht der Vogel? Die Federn am Rücken sind leicht aufgeplustert – der Blick ist wach. Doch er rührt sich nicht. Die Minuten vergehen. Ist etwa doch nicht Zeit?
Rund fünf Wochen zuvor. „Da liegt ein kleiner Vogel“, ruft Tom, mein Sohn, am Abend eines heißen Junitages. Tatsächlich: Neben der Hausmauer liegt das Tier völlig entkräftet auf den Steinen. Es muss sich aus dem Nest gestürzt haben, um der Hitze unterm Dach zu entkommen – wie es in diesem Sommer viele kleine Mauersegler getan haben. Der wenige Tage alte Nestling hat noch keine Federn. Er ist zart und dehydriert. Doch er atmet.
Von diesem Moment folgt das Leben dem Takt des Tieres
Für den Rest der Familie ist klar, dass wir uns des Vogels annehmen. Ich bin skeptisch, suche mit dem Handy nach dem nächstgelegenen Vogelschutzzentrum. Das ist in Mössingen – und (wie jedes Jahr um diese Zeit im Juni) überfüllt. Man solle keine Fundvögel vorbeibringen, lese ich. Für Christian, meinen Mann, ist das ein Zeichen: Entweder wir machen es oder keiner. „Also gut“, sage ich schließlich. Was das bedeutet, ahne ich jedoch nicht. Denn von diesem Moment an folgt unser Leben dem Takt des Tieres.
Mauersegler sind faszinierende Vögel. Man nennt sie auch die kleinen Könige der Lüfte. Einmal dem Nest entflogen, bleiben sie bis zur Brutzeit rund zehn Monate lang durchgängig in der Luft. Sie fliegen sogar im Schlaf. Jungvögel können instinktiv fliegen und müssen es nicht erst üben. Das ermöglicht die Fremdaufzucht. Allerdings sollten sie möglichst 40 Gramm beim Abflug wiegen. 38 Gramm sind gut – 35 Gramm wirklich absolute Untergrenze. Die Kraft muss reichen bis nach Afrika.
Es gibt fatale Futterfehler, die den Tod bedeuten können
Unser Ziel sind natürlich 40 Gramm. Als wir den Vogel das erste Mal wiegen, zeigt die Waage die Zahl 18. Fünf Tage später sind es gerade mal 20 Gramm – viel zu wenig. „Vielleicht liegt es an der Waage“, sagt Christian. Er kauft eine neue. Doch das Ergebnis bleibt gleich.
Was machen wir falsch? Wir füttern doch schon alle zwei bis zweieinhalb Stunden – von 6.45 Uhr bis spätestens 22 Uhr. Ich lese über fatale Futterfehler. Besonders schlimm: Regenwürmer. Nur ein einziger Regenwurm könne den Tod bedeuten. Wird der Luftröhrenwurm übertragen, ersticke der Vogel qualvoll Tage später. Mir wird schlecht. Zwar bekommt der Vogel längst die empfohlenen Heimchen und Steppengrillen von uns. Doch an Tag eins haben wir dem ausgehungerten Tier in unserer Unwissenheit nicht einen, sondern gleich zwei Regenwürmer gegeben.
Es folgt die erste schlaflose Nacht
Ich schaue Fiepsi an – so nennen wir ihn wegen seines säuselnden steten Gesangs. Ist er etwa todkrank? Unsertwegen? Ich erzähle meinem Mann von meiner Sorge. Die nächste Nacht schlafen wir beide kaum. Christian schleicht mehrfach ins Wohnzimmer, linst in den Karton des Vogels. Lebt er noch?
2. Juli. 24 Gramm. Christian bereitet das Futter vor. Ich bin krank und kann kaum stehen vor Erschöpfung. Aber fürs Füttern muss ich dazukommen. Das Problem: Fiepsi frisst nicht von alleine. Wie die meisten Mauersegler muss man ihn zwangsernähren: Ihn halten, ihm den Schnabel aufsperren (vorsichtig, sonst bricht er) und dann mit einer Pinzette das Futter so tief in den Schlund stecken, dass er es nicht gleich wieder herausschleudern kann. Bestenfalls hat man also drei Hände. Unser Sohn ist zwar auch ein exzellenter Fütterer, muss aber natürlich in die Schule.
Und dann wiegt er schon wieder zwei Gramm weniger
4. Juli. 27 Gramm. „Es geht aufwärts“, denke ich morgens. „Frisst äußerst unwillig“, notiere ich später. Bis 15 Uhr bin ich alleine. Es ist nicht das erste Mal, aber das erste Mal, dass es ohne Hilfe nicht klappt. Ich bekomme nur halb so viele Grillen verfüttert wie sonst. Am nächsten Morgen hat Fiepsi zwei Gramm abgenommen. Es fühlt sich an wie eine Niederlage. So darf es nicht noch einmal laufen.
„Das ist das einzige Tier, das freiwillig verhungern würde“, sagt meine Schwiegermutter. Eva ist für vier Tage wegen des Vogels aus Bremen angereist. Füttern helfen. Mehr als zwei Tage Homeoffice sind bei Christian nicht drin. Er nimmt sich deshalb eine Woche Urlaub. Ansonsten bin ich auf externe Hilfe angewiesen – mindestens für die Vormittage. Eva ist die Erste von vielen, die zu uns kommen: Kolleginnen, Freundinnen und eine Nachbarin unterstützen beim Füttern. Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen? Das gilt auch für unseren kleinen Mauersegler.
Eine Aufgabe für Kinder: Lebende von toten Grillen trennen
Immer öfter klingelt es bei uns an der Tür: Paketboten bringen lebendes Futter. Wir brauchen bis zu 100 Heimchen und Steppengrillen am Tag, die man einfriert und vor der Fütterung auftaut. Logistisch ist das herausfordernd. Zum Glück dürfen wir die Gefriertruhe des Nachbarns nebenan mitnutzen. Einmal kommt jedoch ein 500er-Pack mit vielen toten Tieren an. Jemand muss die lebenden von den toten Grillen trennen, damit wir kein verdorbenes Futter mit einfrieren. Tom und ein Freund lösen das Problem. Im Garten sortieren sie die Schlechten raus. Zur Belohnung winken schließlich Pokémon-Karten.
12. Juli. Was ist mit Fiepsi los? In den Tagen zuvor ist er geklettert. Nun sitzt er aufgeplustert in einer Ecke im Karton. Ist es Vitamin-B-Mangel? Wir geben das Vitamin oral, wie vom Tierarzt empfohlen. Aber effektiver soll es sein, es unter die Haut in die Kniekehle zu spritzen. Das trauen wir uns nicht. Der Nachbar mit der Gefriertruhe ist Hautarzt – und Tierfreund. Er kommt nach der Arbeit. Angesichts des zarten Vogelbeins muss er schlucken. Die „Operation“ gelingt. In den Tagen danach macht der Vogel einen Schub: Die Flügel sind nun so lang, dass sie sich hinten beeindruckend kreuzen. Er säuselt auch wieder.
Den Grillen muss man die Beine abreißen wegen der Widerhaken
22. Juli. Christian und ich bereiten mal wieder Futter vor. Fiepsi dürfte bald 3000 Grillen und Heimchen intus haben. Ich reiße weiteren zehn die Beine raus (wegen der Widerhaken), mein Mann schneidet die Köpfe ab (weil sich Hinterteile leichter verfüttern lassen). Wir sind ein eingespieltes Team.
Angst, dass unser Pflegling sterben könnte, haben wir nicht mehr. Aber dafür neue Sorgen. Der Abflugtag rückt näher. Und Fiepsi ist immer noch zu leicht, wiegt seit Tagen stabil 34,5 Gramm. Auf 35 Gramm wollen wir ihn noch bringen. Mehr scheint illusorisch. Fiepsi ist ein Meister im Ausspucken von Futter geworden – und im Ausbrechen. Mal windet er sich nach oben aus dem Griff, mal schiebt er sich nach unten, bis der Kopf im Tuch versinkt, mit dem ich ihn halte. Er mag es, wenn man ihm an der Stelle unterm Schnabel krault. Nur fressen mag er nicht. Hat er es geschafft, sich zu entwinden, robbt er schnell zu seinem Karton. Oder er versucht, sich zu verkriechen.
Und dann ist es still im Wohnzimmer
„Flieg bald!“, schreibe ich. Ich sehne mich danach, nicht mehr fremdbestimmt zu sein. Einfach mal den Tag im Freibad zu verbringen – und nicht nach zwei Stunden nach Hause zu hetzen, weil der Vogel wartet. Und ich sehne mich nach einem ganz normalen Arbeitstag ohne stressige Futterunterbrechung. Noch kann ich es mir nicht vorstellen: Aber schon bald wird es anders sein. Da werde ich, werden wir, den Vogel vermissen. Unser Wohnzimmer wird uns seltsam still vorkommen.
Es ist Zeit. Immer noch stehe ich auf dem Rasen. Plötzlich breitet Fiepsi die Flügel aus – und hebt ab. Fliegt niedrig, gewinnt kurz vor der Straße an Höhe, biegt um die Kurve. Wir rennen hinterher. Da sehen wir ihn: einen einzelnen Mauersegler über den Dächern. Mein Sohn weint, die Nachbarin weint, ich weine. Wie schnell er ist! Es fühlt sich magisch an. Flieg, kleiner Mauersegler, flieg nach Afrika!