Stuttgarter Flüchtlinge nach Paris-Attentat Wie denken die Flüchtlinge darüber?

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Seit den Terroranschlägen in Paris sind die Flüchtlinge in Europa als Sicherheitsrisiko in den Fokus gerückt. Vier Flüchtlinge aus der Region Stuttgart erzählen, wie sie die Attentate in Frankreich und die aktuelle politische Diskussion wahrnehmen.

Viele Flüchtlinge verfolgen die Nachrichten zu den IS-Anschlägen in Paris mit Sorge. Foto: dpa-Zentralbild
Viele Flüchtlinge verfolgen die Nachrichten zu den IS-Anschlägen in Paris mit Sorge. Foto: dpa-Zentralbild

Seit den Anschlägen in Paris wird diskutiert, ob die Flüchtlinge in Europa ein Sicherheitsrisiko darstellen. Vier Flüchtlinge aus der Region Stuttgart schildern ihre Sicht auf die Attentate, den Islam und ihre Angst vor Diskriminierung.

Namariq Al-Rawi (24), aus dem Irak

Namariq Al-Rawi Foto: privat
„Als ich von den Anschlägen in Paris hörte, bekam ich sehr große Angst. Ich traute mich nicht mehr auf die Straße. Sofort waren die Erinnerungen an den 19. Oktober 2014 wieder da. An diesem Tag wurden mehrere meiner Verwandten bei einem Bombenanschlag des IS in Bagdad getötet. Ich dachte immer, dass Europa sicherer ist als die islamische Welt. Jetzt weiß ich, dass wir alle Teil derselben brutalen Welt sind. Meine toten Angehörigen in Bagdad hatten Träume und Ziele für ihr Leben, aber in den globalen Nachrichten waren sie nur eine Zahl. Bei den Opfern von Paris ist das anders – ich nehme das aber niemandem übel. Hier in Europa sind solche Anschläge eben etwas Neues. Ich habe große Angst, dass sich Terroristen und Fanatiker unter die Flüchtlinge mischen. Als Kind einer gemischt schiitisch-sunnitischen Ehe fühle ich mich gefährdet durch die sunnitischen Islamisten.“

Malak Yacoub (45) aus Syrien

Malak Yacoub Foto: StZ
„Die Anschläge in Paris sind tragisch. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass so etwas in Syrien täglich passiert. Genau aus diesem Grund flüchten ja so viele Syrer aus ihrer Heimat. Ich habe Angst davor, dass die Europäer uns Flüchtlinge in einen Topf mit den Dschihadisten werfen. Meine Frau und ich sind Christen und wir lieben Deutschland. Es tut weh, dass manche Deutsche kein gutes Bild von Flüchtlingen haben und jeden Kontakt mit uns vermeiden. Ich glaube, wenn die Deutschen sehen würden, wie wir hier leben und wie es in unserer Heimat zugeht, könnten sie mehr Verständnis für uns aufbringen. Gleichzeitig müssen die Flüchtlinge noch mehr versuchen, sich an die hiesige Kultur anzupassen.“

Flavia Qaja (15) aus Albanien

Flavia Qaja Foto: StZ
„Ich hatte am Montag meinen ersten Schultag in der neunten Klasse des Geislinger Michelberg-Gymnasiums. Im Unterricht wurde viel über die Anschläge in Paris, Terroristen und Religion gesprochen. Da ich die einzige Muslimin in der Klasse bin, wurde ich von meinen neuen Mitschülern richtig ausgefragt. Immer wieder habe ich den Satz wiederholt: ‚Die Terroristen des Islamischen Staats gehören keiner Religion an. Wenn sie einer Religion angehören würden, könnten sie so etwas nicht tun.’ Irgendwann meinten die Lehrer dann, dass ich nicht auf alle Fragen meiner Mitschüler antworten muss. Schließlich müssten sich Deutsche auch nicht ständig für die Nationalsozialisten erklären.

Ahmed Al-Saleh (25) aus Syrien

Ahmed Al-Saleh Foto: StZ
„Ich finde schrecklich, was in Paris passiert ist. Aus meiner Sicht kann niemand sicher sein, dass sich nicht auch Terroristen unter die Flüchtlinge mischen. Die Flüchtlinge, die ich kenne, sind zwar keine radikalen Muslime – aber ich kenne schließlich nicht alle. Wie gut die deutschen Behörden über den Hintergrund der Flüchtlinge informiert sind, weiß ich nicht. Aber ich stelle immer wieder fest, dass viele der arabischen Flüchtlinge sich nur als Syrer ausgeben – in Wirklichkeit sind sie aber Palästinenser, Libanesen oder Iraker. Mit dem Islam sind die Anschläge in Paris aus meiner Sicht gar nicht zu vereinbaren. Für Muslime ist es verboten, andere Menschen einfach umzubringen! Wenn ich von gewaltbereiten Flüchtlingen höre, werde ich das melden. Deutschland hat mir sehr geholfen – im Gegenzug möchte ich auch Deutschland helfen. Und wir Flüchtlinge haben ja den Krieg verlassen, um an einem sicheren Ort Ruhe zu finden.“