Stuttgarter Footballer in Boston Johnsons Traum: Maultaschen, Football und Tom Brady

Jakob Johnson kämpft um einen Platz im finalen NFL-Kader der Patriots Foto: AP

Jakob Johnson kommt aus Stuttgart und lebt in den USA seinen Traum: Der 24-Jährige kämpft zurzeit bei den legendären New England Patriots um Superstar Tom Brady um einen Platz im NFL-Kader. Wir haben Johnson in Boston besucht und über seine Träume gesprochen und was er in den USA vermisst.

Boston - Wer es böse mit Jakob Johnson meint, könnte denken, dass seine Tage bei den New England Patriots gezählt sind. Denn in der riesigen Kabine des Superbowl-Champions hat der Stuttgarter seinen Platz direkt neben einer der drei Ausgangstüren. „EXIT“ steht in roten Großbuchstaben schräg links über seinem Spind. Der wiederum befindet sich in der „death row“, wie Johnson mit einem breiten Grinsen den kleinen, engen Gang bezeichnet, in dem alle Rookies untergebracht sind.

 

Diese „Todesreihe“ wird es in einigen Tagen nicht mehr geben. Am 31. August müssen alle 32 Vereine der National Football League ihre Kader von 90 auf 53 Profis reduzieren. Dann endet die Saisonvorbereitung. Und dann entscheidet sich, mit wem die Trainer in die eine Woche später beginnende, neue Spielzeit gehen wollen – und mit wem nicht. Johnson lacht, als er auf den Tag der sogenannten „roster cuts“ angesprochen wird. „Ich habe da keine Hand drin. Mein Fokus ist es, jede Woche besser zu werden. Was dann passiert, passiert“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Auch wenn er es nicht schafft, darf er weiter mittrainieren

Was locker klingt, ist auch so gemeint. Das liegt nicht nur daran, dass dieser Jakob Elijah Johnson (24) generell ein Typ mit einem fröhlichen Gemüt und einer positiven Grundeinstellung ist, sondern auch an seinem Sonderstatus. Denn Johnson hat seinen Platz bei den Patriots genauso sicher wie Quarterback-King Tom Brady.

Der deutsche Fullback, der vergangene Saison noch für die Stuttgart Scorpions in der German Football League spielte, kam über das International Player Pathway Program in die Liga. Dieses Konzept soll es ausländischen Spielern ermöglichen, sich unter NFL-Bedingungen zu beweisen. Johnson war einer von sieben Akteuren, die eine Einladung nach Florida bekamen und dort drei Monate unter Anleitung von NFL-Trainern zusammen mit NFL-Routiniers trainieren konnten. Vier von ihnen waren so gut, dass sie einen Verein fanden. Darunter Johnson, der im April bei den Patriots unterschrieb.

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Das Besondere: Selbst wenn er es nicht in New Englands 53er-Saisonkader schafft – und die Chance ist sehr gering, da die Patriots mit James Develin einen der besten Fullbacks der Liga haben –, wird Johnson den sechsmaligen Meister nicht verlassen müssen. Sein Sonderstatus erlaubt es ihm, ein Jahr lang mit zu trainieren. Johnson kann also weiterhin auf höchstem Niveau Erfahrung sammeln, sich in den täglichen Einheiten mit den Besten messen – und bekommt rund 120 000 US-Dollar Gehalt dafür. Allerdings, auch das ist vorgeschrieben, darf er nicht in Liga-Spielen eingesetzt werden.

„Komm früh, bleib lang und arbeite hart“

Genugtuung, Zufriedenheit oder Frust ist bei ihm deshalb nicht zu spüren. Johnson macht das, was er schon immer in seiner Football-Karriere getan hat, egal ob bei den Scorpions, in der Highschool-Mannschaft in Jacksonville/Florida oder im College-Team der Universität von Tennessee – „jeden Tag mein Bestes geben“. Und er befolgt den Ratschlag, den ihm Sebastian Vollmer gegeben hat, der von 2009 bis 2017 bei den Patriots spielte und zweimal den Superbowl gewann. „Komm früh, bleib lang und arbeite hart.“

Um 5.30 Uhr klingelt Johnson’s Wecker. Er wohnt in einem Hotel unweit des Gillette Stadium in Foxborough. Sein Arbeitstag in der Arena beginnt um 6 Uhr und ist umfangreich. Frühstück, Kraftraum, Meeting, Training, Meetings, Meetings, Meetings. Vor 20.15 Uhr verlässt er nie das Stadion. Und wenn er zurück im Hotel ist, studiert Johnson auf Videos noch Spielzüge und Laufwege.

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Der legendäre Trainer Bill Belichick, der New England zu allen sechs Meistertiteln geführt hat, spricht über seinen schwäbischen Profi wie über so viele: „Er arbeitet hart, hat eine großartige Einstellung und will sich jeden Tag verbessern.“ Vielmehr darf von Belichick allerdings auch nicht erwartet werden. Er ist dafür bekannt, stets grummelig zu wirken und wortkarg zu sein.

Dem Coach ist es egal, wo seine Spieler herkommen. Er unterscheidet nicht zwischen Nationalitäten, sondern nur zwischen gut und schlecht. Trotzdem sticht Johnson heraus. Als er nach dem 10:3-Testspielsieg gegen die Carolina Panthers in der Umkleide steht und sich mit uns unterhält, zücken Mitspieler ihre Handys. Sie wissen zwar, dass Johnson aus Deutschland kommt, aber sie hatten ihn noch nie Deutsch reden gehört. Obwohl sein Vater Amerikaner ist, legt Johnson darauf Wert, dass sein Vorname deutsch ausgesprochen wird. Er ist Jakob – und nicht „Dschäkob“.

Der Blick ging nicht in die USA – sondern nach Schwäbisch Hall

Als er noch klein war, keine langen Rastas und auch keinen definierten Körper hatte, war American Football für ihn in Stuttgart ganz weit weg. Fußball, Basketball, Ringen waren seine Sportarten. Er machte zudem das bronzene DLRG-Abzeichen und spielte lange Zeit Gitarre. Die Faszination für das lederne Ei kam erst 2007, im mittleren Teenageralter. Und selbst in der Jugend der Scorpions schaute Johnson nie nach Amerika, sondern vor allem nach Schwäbisch Hall, zu den Unicorns. „Die Rivalität war immer da, diese Spiele mussten wir gewinnen“, sagt er. Erst als die amerikanischen Importspieler der Scorpions ihn darauf aufmerksam machten, dass er vom Talent her das Zeug hätte, an einem US-College zu spielen, sei dies „der Funke gewesen, der bei mir den Ehrgeiz geweckt hat, dass das Ganze eine Möglichkeit ist“, sagt Johnson.

In Foxborough vermisst er vor allem seine drei kleinen Schwestern – „und natürlich das deutsche Essen. Vor allem Käsespätzle und Maultaschen. Die typischen schwäbischen Sachen eben.“ Freundin Britney, die er an der Universität kennenlernte und mit nach Deutschland nahm, werde hoffentlich bald zu ihm in die USA kommen, sagt Johnson. Denn seine nahe Zukunft liegt mitten in Massachusetts. Und hier wird er bei den Patriots demnächst einen richtigen Spind bekommen, weiter weg von der Ausgangstür mit dem großen, roten „EXIT“-Schild.

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