Stuttgarter forscht in der Wüste Lut Wie sich über 68 Grad Celsius anfühlen

Hitze, Trockenheit, Felsen, Steine, Sand: So lebensfeindlich die Wüste Lut auch erscheinen mag, es gibt Tiere, die mit diesen Bedingungen zurechtkommen. Foto: Rajaei

Der Stuttgarter Insektenforscher Hossein Rajaei und seine Kollegen haben in der iranischen Wüste Lut neue Erkenntnisse gesammelt. Forschung unter härtesten Bedingungen.

Stuttgart - Die Begeisterung ist Hossein Rajaei anzumerken: „Das sind wirklich unglaubliche Formen – es ist wie Kunst“, sagt der Biologe über die Wüste Lut. Dieses unwirtliche Gebiet ist weit größer als Österreich und erstreckt sich im Osten Irans entlang der afghanischen Grenze. Bereits zweimal – im November 2016 und im März 2017 – war der gebürtige Iraner, der seit 2014 am Stuttgarter Naturkundemuseum als Kurator für die Schmetterlinge zuständig ist, in diesem auch heute noch weitgehend unbekannten Gebiet. Seither berichtet er immer wieder auf verschiedenen Fachveranstaltungen über seine Erfahrungen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er und seine Kollegen bei der Erkundung des Hitzepols der Erde gewonnen haben.

 

2005 hat die US-Weltraumbehörde Nasa mit 70,7 Grad die weltweit bisher höchste Bodentemperatur in ebendieser Wüste gemessen. Auch in den anderen fünf Jahren der Mission des Satelliten „Aqua“ zeichneten dessen Messgeräte für Oberflächentemperaturen Werte von mehr als 68 Grad auf. Da können weder die Sahara noch das amerikanische Death Valley oder das Zentrum Australiens mithalten. So wird der Name der Wüste verständlich: „Lut heißt auf Farsi leer“, berichtet Rajaei – fügt aber sofort an: „Leer heißt aber nicht ohne Leben, die Wüste Lut ist kein toter Bereich!“

Wie sehr lebt die Wüste?

Doch wie viel Leben gibt es tatsächlich in dieser auf den ersten Blick absolut unwirtlichen Region? Dies zu klären, war die Hauptaufgabe der beiden Expeditionen, die auch mit der heutigen modernen Technik eine extreme Herausforderung darstellen. Zu den tagsüber mörderischen Temperaturen kommen die abenteuerlichen Fahrten über Sanddünen und Salzpfannen sowie die Gefahr von Sandstürmen: „Drei Mal haben wir das erlebt – das ist die Hölle“, erinnert sich Rajaei.

Die treibend Kraft hinter diesen abenteuerlichen Expeditionen ist vor allem der Botanikprofessor Hossein Akhani von der Universität Teheran. Er hatte zehn iranische Experten eingeladen, die in verschiedenen Ländern tätig sind – darunter auch Hossein Rajaei, dessen zweite Reise in die Wüste Lut von der Gesellschaft zur Förderung des Naturkundemuseums Stuttgart unterstützt wurde. Mit von der Partie waren noch die Fahrer, ein Arzt sowie der Abenteurer und Naturschützer Bahmann Izadi – „ein absoluter Wüstenkenner“, wie Rajaei anerkennend anmerkt. Und dann gibt er einen kleinen Einblick in das Expeditionsleben: „Wenn du eine Düne überqueren willst, musst du zuerst erkunden, wie du hochfahren kannst – und vor allem, wie es auf der anderen Seite weitergeht.“ Dann geht’s mit Anlauf nach oben – „und du kannst nur hoffen, dass du hochkommst – und heil wieder runter.“

„Wir haben nur eine Erde – und wir müssen wissen, was auf ihr vorgeht“

Aber warum nehmen Wissenschaftler wie Hossein Rajaei solche Strapazen auf sich? Und warum muss sich ein Schmetterlingsexperte aus Stuttgart mit Wüstentieren befassen, wo es doch auch hierzulande noch viel zu erforschen gibt, wie nicht zuletzt das derzeitige Insektensterben zeigt? „Wir haben nur eine Erde – und wir müssen wissen, was auf ihr vorgeht“, erläutert Rajaei. Gerade auch für den Menschen spielen Wüsten und vor allem ihr unaufhaltsames Vordringen in Zeiten der Klimaerwärmung eine wichtige Rolle. Wichtig wird das insbesondere im Hinblick auf den Verlust an Lebensräumen – Stichwort Klimaflüchtlinge – sowie die Biodiversität, die Artenvielfalt. „Wir wollen verstehen, was da passiert und was wir dagegen tun können“, sagt Rajaei.

Noch läuft die Auswertung der vielen Daten, die während der Expeditionen erhoben wurden. Aber schon jetzt ist klar, dass die Wüste Lut viele Überraschungen bietet – wenn man sie genauer erkundet. „Mehr als 50 Arten von Wirbeltieren haben wir bisher identifiziert“, berichtet Rajaei – und erwähnt neben zahlreichen Vogelarten insbesondere den Rüppelfuchs, einen Verwandten unseres Rotfuchses. Die Vielfalt der wirbellosen Tiere ist naturgemäß noch deutlich größer: Da haben die Experten die 100-Arten-Marke schon längst hinter sich gelassen – und es werden im Zuge der Bestimmung der eingesammelten Tiere immer noch mehr. Pflanzen indes sind wirklich selten: Vermutlich weniger als 20 Arten dürften es nach bisheriger Kenntnis schaffen, in dieser mörderischen Umgebung zu überleben.

Für viele Tiere ist die Wüste eine Todesfalle

Bei den Tieren dominieren Vögel und Insekten – oft werden sie allerdings nur tot gefunden. Die bisherigen Erkenntnisse der Forscher haben ergeben, dass sie zumeist von außen in die Wüste hineinfliegen, dort den lebensfeindlichen Bedingungen zum Opfer fallen und dann als willkommene Nahrungsquelle für die Wüstentiere dienen. Diese verstecken und vergraben sich tagsüber und gehen nachts auf Jagd.

Allerdings gibt es noch viel zu erforschen in der Wüste Lut – und so wollen die Wissenschaftler wiederkommen. Großes Interesse haben sie zum Beispiel an den extrem salzhaltigen Wasserstellen, die sie in nur 80 Zentimeter Tiefe gefunden haben – ausgerechnet in der heißesten Region. Temperaturmessungen zeigen zudem, dass es in wenigen Zentimetern Tiefe vergleichsweise angenehm ist. Nun will man genauer untersuchen, wie viele Tiere sich im Boden aufhalten. „Dabei wollen diese Verrückten sogar auch mal im Sommer in die Wüste fahren“, berichtet Rajaei von den derzeitigen Plänen – und gibt noch einen vielsagenden Einblick in seine Wüstenerfahrungen: „Wenn Du dort bist, willst du nur raus aus dem Sand. Sobald du draußen bist, wünscht du dir, dass du wieder drin bist – ich hoffe, das klappt noch mal.“

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