Neid und Eifersucht spielen in vielen Beziehungen und Freundschaften eine Rolle. Foto: Unsplash/ Brent Ninaber
Die Stuttgarterin Clara lernt in einer schwierigen Phase Silvia kennen. Die neue Freundin baut sie auf. Dann kommt es zum Bruch. Wann ist eine Freundschaft noch zu retten?
Tanja Capuana
24.01.2026 - 07:00 Uhr
Das vergangene Jahr war nicht leicht für Clara: Zuerst die Trennung von ihrem Ehemann, die sie dazu zwang, mit ihrem vierjährigen Sohn wieder bei ihren Eltern einzuziehen, weil sie als Alleinerziehende keine Wohnung fand und zudem bei der Betreuung ihres Kindes auf deren Hilfe angewiesen war. Dann fühlte sie sich einsam, weil ihre Freundinnen 50 Kilometer entfernt lebten und es schwieriger wurde, ihre sozialen Kontakte zu pflegen.
Dann lernte sie Silvia kennen. „Meine Mutter kannte sie aus einem Sprachkurs und trotz des Altersunterschieds von rund 25 Jahren verstanden sich die beiden blendend“, sagt die 40-Jährige. „Silvia war so alt wie ich, ebenfalls alleinerziehend, aber ein anderer Typ. Ich hatte Übergewicht, kleidete mich eher unauffällig, während sie schlank und hübsch war.“ Claras Mutter gab ihr die Nummer von Silvia, weil sie glaubte, die beiden würden sich sicher gut verstehen.
Die neue Freundin half ihr dabei, sich umzustylen
Kurz darauf verabredeten sie sich in einem Café – und schnell waren Clara und Silvia ein Herz und eine Seele. Sie unternahmen öfter etwas zusammen und telefonierten fast täglich. „Sie half mir dabei, mich umzustylen und motivierte mich, mit ihr zum Sport zu gehen“, erzählt Clara.
Nach einigen Monaten fühlte sich die Stuttgarterin wie ein anderer Mensch: „Ich nahm ab, kaufte mir schickere Klamotten und machte wieder mehr aus mir.“ Silvia ermutigte Clara, wieder auf Dates zu gehen. Clara verabredete sich, erzählte aber nur ihrer neuen Freundin davon, wenn sie sich mit anderen Männern traf. Ihre Mutter fand es nicht gut, wenn Single-Mütter auf Dates gehen.
Nach einem Jahr verliebte sich Clara in Timo und ging mit ihm eine Beziehung ein. Silvia verhielt sich ihm gegenüber ungewohnt abweisend. Dann unterstellte sie Clara, dass sie sich rar mache, seit sie einen Freund habe und sich negativ verändert hätte. „Das traf mich sehr, weil es nicht stimmte“, erinnert sich Clara.
Die neue Freundin sagte schon bald wieder Verabredungen ab
Silvia zog sich auf einmal zurück, reagierte nicht mehr auf WhatsApp-Nachrichten, schüttete ihr Herz stattdessen bei Claras Mutter aus. Nach einem klärenden Gespräch dachte Clara: „Okay, alles wird wieder gut.“ Doch schon bald sagte Silvia Verabredungen ab – etwa weil Clara keine Lust hatte, Chauffeurin für sie zu spielen oder nicht schon wieder im Café oder Restaurant für sie bezahlen wollte.
Und wieder beschwerte sich Silvia nicht bei Clara, sondern bei deren Mutter. Außerdem zeigte sie der Mutter persönliche WhatsApp-Nachrichten, aus denen hervorging, dass Clara in den vergangenen Monaten Verabredungen hatte, wenn ihr Sohn beim Vater war. „Das war etwas, das meine Mutter bis dahin nicht wusste“, so Clara. Gleichzeitig setzte Silvia gezielt Lügen über Clara in die Welt, die ihre Mutter glaubte.
So klagte Silvia wieder, dass Clara sie ignoriere, seit sie einen Freund habe, während sie immer für sie dagewesen sei, als sie noch Single war. „Meine Mutter fühlte sich von mir hintergangen und unsere Beziehung war zudem aufgrund anderer Themen nicht gerade einfach.“
Konnte es die Freundin nicht verwinden, dass es ihr besser ging?
Ein solches Verhalten sei typisch für Menschen, die nicht damit klarkommen, wenn es einer anderen Person im Freundeskreis plötzlich besser als einem selbst geht, erklärt Diplom-Psychologin Sonja Tolevski. „Jemand gewinnt im Lotto oder trifft die Liebe des Lebens und man selbst bleibt quasi hinten an“, sagt die Mannheimerin. „Dann haben wir eine Art Eifersucht oder Neid motiviert, und es werden verschiedene Sachen, die vorher wie so ein Ehrenkodex waren, über Bord geworfen.“
Tolevski glaubt, dass die Freundschaft zwischen den Frauen zunächst wahrscheinlich echt war. Zudem habe es Silvia auch genossen, ihre neue Freundin quasi wieder auf die Beine zu stellen. Aber sie habe nicht damit gerechnet, dass Clara sie irgendwann überholen würde.
Freundinnen im Gespräch – wann ist das Vertrauen ruiniert? Foto: Unsplash/ Priscilla du Preez
Doch lässt sich so eine Freundschaft nach einem Vertrauensbruch eigentlich noch retten? „In so einem Fall muss man sagen, dieser Person kann man eigentlich nicht mehr trauen“, sagt die Psychologin.
Eine sogenannte Red Flag wäre es auch, wenn die beste Freundin mit dem Partner fremdgeht. Dann lässt sich eine Freundschaft in der Regel nicht mehr wiederherstellen. „Man muss selbst ein bisschen abwägen, ob man zu der Person jemals wieder Vertrauen fassen kann“, rät Tolevski. „Wenn nicht, dann ist das so. Auch wenn das für Menschen, die vielleicht besser verzeihen können, in Ordnung sein mag.“
Eine Freundschaft weiterzuführen habe ebenfalls wenig Sinn, wenn es sich um eine einseitige Geschichte handelt. „Also wenn man immer der gleichen Person hilft, die andere aber nie Zeit fürs Helfen hat und man letztlich für selbstverständlich genommen wird“, sagt Tolevski.
Ist die Freundin wirklich eine Bereicherung fürs Leben?
Anders sehe es aus, wenn die beste Freundin in der Regel zu spät kommt oder Treffen kurzfristig absagt – im Grunde ein guter Mensch, aber etwas unzuverlässig ist. Da könnte man ein klärendes Gespräch führen – und anschließend entscheiden, ob man damit leben kann.
Generell sollte man sich die Frage stellen, ob die andere Person eine Bereicherung für das eigene Leben ist, empfiehlt Sonja Tolevski. „Und wenn man diese wichtige Frage nicht mit einem Ja beantworten kann, scheint auf jeden Fall etwas im Argen zu liegen.“ Geht die Freundschaft aufgrund eines Vertrauensbruchs zu Ende, sieht die Diplom-Psychologin es nicht für notwendig, die Beziehung offiziell zu beenden. Legitim sei dann auch, die Freundschaft einfach auslaufen zu lassen.
Clara dagegen hatte sich entschieden, Silvia nochmals zu schreiben und ihr zu sagen, wie enttäuscht sie von ihrem Verhalten ist und dass sie keinen Grund mehr sieht, weiterhin mit ihr befreundet zu sein. „Ich könnte ihr einfach nicht mehr vertrauen“, sagt die Stuttgarterin. Das Verhältnis zu ihrer Mutter hat ebenfalls stark unter Silvias Aktion gelitten. „Ob wir jemals wieder eine Beziehung ohne Spannungen haben werden, weiß ich zum jetzigen Moment nicht“, bedauert Clara.