Stuttgarter Friedenspreis 2013 Kretschmann findet die richtigen Worte

Von SIR/dpa 

Was die Überlebenden von Sant'Anna durchgemacht haben, ist nicht in Worte zu fassen. Für ihr Engagement zur Aufarbeitung und zur Völkerverständigung bekommen sie den Stuttgarter Friedenspreis.

Der Ministerpräsident von Beden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), begrüßt in Stuttgart einen Überlebenden des NS-Masakers von SantAnna di Stazzema. Foto: dpa 5 Bilder
Der Ministerpräsident von Beden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), begrüßt in Stuttgart einen Überlebenden des NS-Masakers von Sant'Anna di Stazzema. Foto: dpa

Was die Überlebenden von Sant'Anna durchgemacht haben, ist nicht in Worte zu fassen. Für ihr Engagement zur Aufarbeitung und zur Völkerverständigung bekommen sie den Stuttgarter Friedenspreis.

Stuttgart - Zwei Überlebende des NS-Massakers von Sant'Anna di Stazzema in Italien sind am Sonntag mit dem Stuttgarter Friedenspreis ausgezeichnet worden. Enio Mancini und Enrico Pieri erhielten die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung der Bürgerinitiative „Die AnStifter“ für ihr jahrelanges Engagement zur juristischen Aufarbeitung und für die internationale Verständigung. Zuvor wurden sie von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Neuen Schloss empfangen.

Der Regierungschef nannte die Tat vom 12. August 1944 mit Hunderten Toten ein „bestialisches Verbrechen“ und zeigte Verständnis für die Enttäuschung der Opfer über den bisherigen Verlauf der juristischen Aufarbeitung.

Das Massaker von Sant'Anna war eines der schlimmsten Nazi-Kriegsverbrechen in Italien. Soldaten der Waffen-SS erschossen am 12. August 1944 zur Vergeltung von Partisanenangriffen innerhalb weniger Stunden Hunderte Menschen, darunter Frauen und Kinder. Die gerichtliche Verfolgung der Täter zog sich sowohl in Italien als auch in Deutschland jahrzehntelang hin. Ein Strafe musste bis heute kein Beteiligter verbüßen. Bundespräsident Joachim Gauck hatte das Bergdorf in der Toskana im vergangenen März besucht und dazu aufgerufen, die Opfer niemals zu vergessen.

2012 wurden Ermittlungen eingestellt, Überlebende kämpfen weiter

Im Oktober 2012 hatte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Den Beschuldigten könnten keine Morde nachgewiesen werden, hieß es damals. Das hatte in Italien Wut und Unverständnis ausgelöst. Gegen die Einstellung hatte ein Überlebender des Massakers im Januar schließlich Beschwerde eingelegt. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hatte vor wenigen Tagen jedoch mitgeteilt, dass es den Antrag auf Erzwingung einer Klage weitgehend ablehnt.

Die Überlebenden wollen sich aber nicht entmutigen lassen. Man prüfe eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe, sagte Gabriele Heinecke, Anwältin eines Überlebenden, am Sonntag am Rande der Verleihung.

Kretschmann zeigte Verständnis für die Enttäuschung der Opfer. „Es ist empörend, dass bis heute kein einziger Täter, kein Kommandeur und Vorgesetzer, kein einziger Soldat, der an diesem Verbrechen beteiligt war, dafür eine Strafe verbüßen musste“, sagte der Grünen-Politiker laut vorab verteiltem Redemanuskript. Ihm stehe es aber nicht zu, die Entscheidung unabhängiger Gerichte zu bewerten. Hinter verschlossenen Türen unterhielt sich der Regierungschef mit den Überlebenden und ihren Angehörigen.

Mit einer 60-köpfigen Reisegruppe waren sie aus Italien zur Preisverleihung nach Stuttgart gekommen. Enio Mancini und Enrico Pieri erhielten wegen ihres jahrelangen Engagements zur juristischen Aufarbeitung sowie für internationale Verständigung den Stuttgarter Friedenspreis 2013. Zur Verleihung am Abend war allerdings nur Pieri gekommen, Mancini konnte den Veranstaltern zufolge aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Deutschland kommen. In ihrer Laudatio mahnte die italienische Journalistin und frühere Preisträgerin Giuliana Sgrena, das Gedenken an die Opfer zu bewahren. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an die schleppende Aufklärung vor Gericht - sowohl in Italien als auch hierzulande.

Pieri hatte zuvor einen sehr persönlichen Einblick in sein Leben gegeben: Das Massaker der Nazis sei ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen, sagte er mit bewegenden Worten. Seine Absicht sei immer die Aussöhnung gewesen.

Ein weiterer Überlebender schilderte, wie er quasi nur durch eine Fügung des Schicksals überlebte. Eingeschlossen in einem Stall, den die Täter anschließend niedergebrannt hätten, habe er die Ermordung seiner Mutter mit ansehen müssen, erzählte er mit stockender Stimme. Mit letztem Mut habe seine Mutter noch eine heroische Tat vollbracht und einem Peiniger ihren Holzschuh ins Gesicht geworfen. Dafür habe dieser sie schließlich erschossen. Er selbst wurde später mit schweren Verletzungen aus dem abgebrannten Stall gerettet.

 

 

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