Stuttgarter Frühlingsfest Andrea Kühnle, die gute Seele vom Cannstatter Wasen

Andrea Kühnle verabschiedet sich vom Wasen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Sie kennt jeden und jede. Und weiß praktisch alles, was man übers Frühlingsfest und Volksfest wissen kann. Für drei Generationen von Schaustellern war sie Kummerkasten, Helferin in der Not, Krankenschwester, Hundesitterin und Ansprechpartnerin.

Ein Mal hat sie gefehlt seit 1978. 1993 war sie bei der Eröffnung des Volkfestes nicht auf dem Wasen. Weil sie einen Bänderriss hatte. Doch zuhause ausgehalten hat sie es nicht, sie ließ sich auf den Wasen fahren. Und saß dienstags wieder im Büro. Doch nun wird Andrea Kühnle es verlassen. Nach dem Frühlingsfest geht sie in den Ruhestand.

 

Jeder kennt sie

Bevor der Rummel auf Touren kommt, ist es wie Venedig im Winter. Ohne Besucher gehört der Platz den Einheimischen, den Schaustellern. Sie fegen, sie putzen, sie reparieren, sie gehen Gassi mit ihren Hunden, die Kinder stromern zur Wasenschule, sie empfangen Lieferanten, räumen ein und halten ein Pläuschchen. Fürs Foto gehen wir mit Andrea Kühnle (64) über den Platz, und man braucht Zeit dafür. Händeschütteln hier, ein Gruß da, ein kurzes Gespräch dort. Alle kennen sie. „Da stehen die Beisels mit ihrer Kindereisenbahn“, sagt sie, „da war schon die Oma immer da. Die hat mir zu jedem Fest aus Bad Dürkheim eine Kiste Trauben mitgebracht.“

Das Los fiel richtig

Am 12. Juni 1978 war ihr erster Tag im Verkehrsamt. Dort war man zuständig für die Veranstaltungen der Stadt. Ein Jahr lang war sie zuvor in der Lernabteilung gewesen, dann wurden den jungen Leuten Stellen angeboten. „Wir waren zu zweit, die ins Verkehrsamt wollten“, erinnert sich Kühnle. Aber nur ein Platz war zu vergeben. Also wurde gelost. Sie hatte Glück. Und arbeitete fortan im Hindenburgbau – und auf dem Wasen.

Arbeit in der leeren Baracke

„Vom ersten Tag an habe ich fürs Volksfest und Frühlingsfest gearbeitet, später kam der Weihnachtsmarkt hinzu“, sagt sie. Und wer fürs Volksfest arbeitet, schafft auf dem Wasen. Nicht nur der Rummel war damals ein anderer, die Zelte noch nicht die Paläste von heute mit Holzboden, Logen und ellenlangen Speisekarten. Eine Zeltplane, Tische, Bänke, eine Bühne, Bier und Göckele, das reichte zum Feiern. Noch schwäbisch-karger gab sich die Stadt als Veranstalter. Die Holzbaracke war zugig – und leer. „Am Anfang war das eine Holzbaracke, die war leer bis auf die Schreibtische. Wir haben alles mitgebracht, Stühle, Schreibtische, Akten.“ Später war dann immerhin das Mobiliar vorhanden.

Was gibt es zu tun?

Während draußen das Schaustellerdorf entstand und wuchs, erfasste Kühnle die Bewerbungen schon für die nächsten Feste, tippte und sortierte, „den ganzen Schreibkram halt“, damals noch mit doppeltem Durchschlag. Sie verteilte Standplätze, gab Durchfahrts- und Parkscheine aus, Wasser- und Telefonanschluss, Bändel für die Hunde der Schausteller, Lieferanten wollen rein und raus, Wiegekosten für den Müll abrechnen, all das, was es braucht, damit der Rummel läuft.

Das Lexikon des Wasens

Und weil man es mit Menschen zu tun hat, war sie immer auch „der Kummerkasten“. Man schwätzte miteinander, sie erfuhr, wer sich verliebt hatte, wer krank war, wer gestorben ist, wer Nachwuchs bekommen hatte, passte auf den Hund auf. Und wenn einer mit dem Hammer oder Messer hantiert hatte und abgerutscht war, hatte sie ein Pflaster und einen Verband parat. Und aufmunternde Worte. Für die Schausteller ist sie das Mädchen für alles, für die Kollegen „das Wasen-Lexikon“. Oder für die Jüngeren: Die Wikipedia des Volksfestes. Telefonnummern, Adressen, Namen, Fahrgeschäfte, das hat sie alles im Kopf. „Ich habe das zigmal geschrieben“, sagt sie und lächelt.

Gute Nerven braucht es

Doch robust muss ein, wer sich unter dem fahrenden Volk und ihren Gästen bewegt. „Ich musste mich durchsetzen“, erinnert sie sich, „als ich angefangen habe, da wollten die Schausteller immer den Chef sprechen. Die haben mich einfach übersehen.“ Das waren die Zeiten als knorrige Persönlichkeiten wie Walter Weitmann und Fritz Kinzler den Platz regierten, Wasenkönig und Imperator genannt, Typen mit Ecken und Kanten, die fast immer recht hatten und sich wenig sagen ließen.„Mit dem Fritz Kinzler hatte ich mal Streit am Telefon“, sagt Kühnle, „er war sehr fordernd und ich ließ mir das nicht gefallen.“ Als es ihr zu blöd wurde, legte sie auf. „Vier Jahre später war ich bei einem Schaustellertreffen, setze mich auf den letzten freien Platz, gegenüber saß Fritz Kinzler. Er fragte mich: Haben Sie sich wieder beruhigt?“

Ein langes Gedächtnis

Als Testfahrerin gefragt

Hat sie. Ohne gute Nerven geht es nicht. Und einen stabilen Magen braucht es auch. Achterbahn fahren ist ihre Leidenschaft. Da war der Job ganz hilfreich. Testfahrerin ist auch noch so eine Facette ihrer Arbeit, über die man reden sollte. Als die Löwenthals an ihrer Wildwasserbahn herumgebastelten, weil sie dachten, eine Rückwartsfahrt wäre ziemlich aufregend, taten sie das nach dem Frühlingsfest. Und Kühnle war das Versuchskaninchen. Es hat alles funktioniert.

Endlich im September in Urlaub

Aus dem Verkehrsamt wurde das Marktamt und die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Aus der Holzbaracke ein Neubau, aus der Schreibmaschine der Computer, aus dem Brief die E-Mail. Fast ein halbes Jahrhundert hat sie die Feste begleitet und vorbereitet, nun ist demnächst Schluss. Die Rente ruft. Obschon die Schausteller schon Schlange standen und ihr neue Jobs angeboten haben. Den Strauß der Schaustellerinnen hat sie gerne genommen, und privat schaut sie mit den Enkeln vorbei, doch das Kapitel ist vorbei.

Endlich kann sie in Urlaub gehen, wann sie will. „Im September nach Südtirol, eine Woche lang“, das war ihr 46 Jahre lang nicht vergönnt. Denn vor dem Volksfest, da gab es keinen Urlaub. Nicht mal nach der Geburt ihres Sohnes hatte sie die sechs Monate Elternzeit. Nach fünf Monaten kam sie wieder zum Dienst. Denn es stand natürlich ein Volksfest an.

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