Stuttgarter Frühlingsfest Luft anhalten, Bauch einziehen – Das Dirndl „muss hauteng sitzen“

Daniel Brixner (links) und Dominic Tempelfeld kennen sich mit Trachten aus. Foto: Werner Kuhnle

Schleife rechts oder links? Das kann auf dem Frühlingsfest von Bedeutung sein. Im Krüger-Dirndl-Lagerverkauf gibt es unzählige Trachtenkleider, Spitzenblusen, Lederhosen und Accessoires – und gute Tipps noch dazu.

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Es ist ja nicht so, dass man ohne Dirndl oder Lederhose nicht ins Bierzelt gelassen wird. Aber mit „ganz normaler“ Kleidung fällt man da heutzutage schon auf. Am Samstag startet das Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen – dementsprechend viel los ist im Krüger-Dirndl-Lagerverkauf dieser Tage. Wobei: „Das ist noch kein Vergleich zu der Zeit kurz vor dem Volksfest und dem Oktoberfest“, sagt Daniel Brixner. Er und Dominic Tempelfeld sind die Chefs von DQuadrat, die die Wasen- und Wies’n-Trachtenmoden verkaufen – unter anderem im Pleidelsheimer Industriegebiet.

 

Auf 500 Quadratmetern gibt es hier Dirndlkleider, Lederhosen und alles, was dazugehört. Und das ist eine ganze Menge. Aber allein die Auswahl an Dirndln macht Frau durchaus sprach- und auch ein wenig ratlos. Wo soll man da nur anfangen? Verkäuferin Nicole Akmaz leitet dieser Tage viele Dirndl-Novizinnen an. Da geht es erst einmal um die Länge. Die 50er enden oberhalb vom Knie, die 60er bedecken es, die 70er gehen bis zur Wade.

„Wir verkaufen die meisten Dirndl in Größe 34“

Dann die Größe. „Wir verkaufen die meisten Dirndl in Größe 34“, sagt Daniel Brixner. Wie bitte? Tatsächlich ist Größe 34 bei Weitem nicht die Durchschnitts-Konfektionsgröße der deutschen Damenwelt. Aber der Experte weiß: „Alle Mädels gehen mit 16 zum ersten Mal aufs Volksfest – und da haben die meisten Größe 34.“ Gut für ihn, denn entweder hat sich nach einigen Jahren die Größe geändert oder die Mode.

Auch bei den Trachten gibt es Trends. Die kommen vor allem von Influencern. „Wenn da jemand ein bestimmtes Dirndl anhat“, sagt Daniel Brixner, „dann stehen hier zig Mädels im Laden und wollen genau dieses Teil.“ Aktuell geht es in zwei Richtungen. Zum einen hell, bunt und verspielt mit Tüll, Perlen und Glitzersteinen. Zum anderen die schlichtere Version: dunkelblau oder -grün – auch schwarz – mit viel Samt.

Für was sich die Damen entscheiden, ist typabhängig, sagt Brixner, der auch selbst gern in Tracht auf den Wasen geht. Entscheidend sei, was einem steht und was passt. Das sei beratungsintensiv. Seine Mitarbeiterinnen – die alle als Arbeitskleidung Dirndl tragen – haben deshalb an diesem Nachmittag alle Hände voll zu tun. Nicole Akmaz und ihre Kolleginnen helfen bei der Schnürung am Bauch und gucken, dass BH und Dirndlbluse richtig sitzen.

Apropos. Bei den traditionell weißen Blusen gibt es auch Trends. „Da kommt langsam auch etwas Farbe rein“, hat Daniel Brixner beobachtet. Doch der Klassiker bleibt weiß. Und: „Spitze, Spitze, Spitze.“ In jüngster Zeit werden die gerne tief ausgeschnittenen Blusen wieder hochgeschlossener getragen – auch so ein Trend. „Man(n) wird gelockt, aber nicht mehr so plump“, sagt Daniel Brixner lachend dazu.

Wie soll da noch Maß und Göckele reinpassen?

Die Modelle Cassandra und Carina sind die Klassiker bei den kurzen Spitzenblusen. Drüber kommt dann das Dirndl. „Es muss hauteng sitzen“, sagt Nicole Akmaz vor der Umkleidekabine. Luft anhalten, Bauch einziehen – passt. Wenn man den Reißverschluss selbst zu bekommt, ist das schon mal ein gutes Zeichen, weiß die Expertin. Wenn man dazu Hilfe braucht, ist es aber auch nicht schlimm. Obenrum eng ist die Devise, Frau nimmt automatisch eine sehr aufrechte Haltung ein, nur die Atmung wird etwas flach. Wie da auf dem Wasen noch Maß und Göckele reinpassen sollen? Keine Ahnung.

Das scheint aber auch nicht die Frage zu sein, die die Menschen im Lagerverkauf umtreibt. Die Frühlingsfestbesucher müssen sich ausstatten. Das tun sie immer später, haben die Chefs von DQuadrat festgestellt. „Meistens auf den letzten Drücker.“ Nicht wenige wollen abends auf den Wasen und merken mittags, dass das alte Dirndl nicht mehr passt. Dann muss es schnell gehen.

Daniel Brixner und Dominic Tempelfeld wäre es lieber, wenn die Leute verteilter kämen und nicht alle auf einmal. „Im Herbst gibt es schon Tage, da wissen wir nicht, wie wir das alles bewältigen sollen.“ Aber irgendwie hat es noch immer funktioniert. Und meistens ist so ein Großkampftag auch ganz lustig. Wenn sich vor den Kabinen Schlangen bilden, wird auch der Aufzug und das Lager zum Umziehen genutzt. Die Kunden halten es pragmatisch und reichen die Kleidungsstücke von Kabine zu Kabine weiter, die Stimmung sei meist sehr gelöst, sagt Brixner. „Eine richtige Gaudi.“

Dazu gibt es Popcorn. Ein kleines Maschinchen spuckt den gepufften Mais frisch aus – als Nervennahrung für wartende Männer. Denn die sind, so die Erfahrung von Brixner und Tempelfeld, mit dem Kauf ihrer Lederhosen meistens schneller fertig als die Damen mit ihren Dirndln.

Aber so lange dauert das nun auch wieder nicht. Nikole Akmaz bindet schon die Schleife an der Schürze. Dazu gibt es Wissenswertes: Rechts bedeutet vergeben, links Single.

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