Stuttgarter Fußballvereine Stress am Spielfeldrand – „Das Schlimmste sind die Eltern“
Immer wieder rasten Eltern aus, wenn sie ihrem Nachwuchs beim Fußballspielen zuschauen. Auch Stuttgarter Vereine kennen das. Und greifen zum Teil hart durch.
Immer wieder rasten Eltern aus, wenn sie ihrem Nachwuchs beim Fußballspielen zuschauen. Auch Stuttgarter Vereine kennen das. Und greifen zum Teil hart durch.
Kürzlich nach einem A-Jugend-Spiel in Stuttgart-Rot: Bis zu 25 Menschen geraten in eine Schlägerei, offenbar ausgelöst durch Ereignisse während und nach der Partie. Nach Angaben des Vereins waren sowohl die Spieler als auch Familienmitglieder beteiligt.
Was genau passiert ist, ist unklar – die Vereine schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Klar ist jedoch: Stress am Spielfeldrand kommt im Fußball immer wieder vor. Und zwar nicht nur unter Spielern. Auch Eltern verhalten sich oft wie die Axt im Walde, wenn sie ihren Kids zuschauen – wobei die oft deutlich jünger sind als die 17- oder 18-jährigen Spieler der A-Jugend. Wie gehen Stuttgarter Vereine damit um?
Norbert Stippel, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) bei den Stuttgarter Kickers, hat natürlich von dem Vorfall gehört. In seinem Verein komme so etwas zwar nicht in diesem Ausmaß vor. Aber er findet es schlimm, welche Bedeutung Eltern dem Sport zum Teil beimessen. „Die Kinder spielen nur Fußball“, sagt er. Manchmal könne man meinen, es handle sich um die Champions League, und nicht um ein Spiel von Zehnjährigen. „Ich sage immer wieder zu Eltern: Außer euch kennt kein Mensch das Ergebnis.“ Viel wichtiger sei ihm, dass die Kinder Spaß haben.
Oftmals übertragen Eltern ihren eigenen Ehrgeiz auf die Kinder, sagt der 65-Jährige. Die Emotionalität sei definitiv schlimmer geworden. „Eigentlich ist es schön zu sehen, wie Eltern mit Freude dabei sind und ihre Kinder anfeuern“, sagt er. Aber es gebe Menschen, die über die Stränge schlagen. Deshalb hat der Verein einen Verhaltenskodex für Eltern erstellt, an den er sie zu jedem Saisonstart wieder erinnert.
„Es ist auch schon vorgekommen, dass ich Eltern und auch Kinder aus dem Verein geworfen habe“, sagt er. Als Pädagoge – er ist Lehrer an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) – belastet ihn das sehr. „Weil ich weiß, was das mit Kindern macht“, sagt er. Er lasse die Eltern dem Kind erklären, warum es nicht mehr mitspielen darf. „Ich kann mit jeder Niederlage umgehen“, sagt Stippel. „Aber wenn ich mitbekomme, dass die Kinder nicht richtig behandelt werden, habe ich eine ganz kurze Zündschnur.“
Auch die Sportgemeinschaft West kennt sich mit pöbelnden Zuschauern aus. Früher hatte der Verein einen schlechten Ruf, sagt Jugend-Abteilungsleiter Frank Ramminger. „Woche für Woche kam es an den Spieltagen zu Auseinandersetzungen auf und neben dem Platz“, sagt er. Auch wenn die Eltern damals nicht ausschlaggebend für die schlechte Stimmung waren, sondern eher die Spieler selbst und ihre Freunde, zog der Verein daraus Schlüsse.
Die halten auch überambitionierte Eltern in Schach – denn oft würden die den Stress ins Spiel bringen, nicht die Kinder und Jugendliche auf dem Feld. Die Lösung: „Es muss jemand vor Ort sein“, sagt er. Für die Organisation der Jugendabteilung setzte der Verein einen Hauptamtlichen ein, der seitdem auch während der Spiele als Ansprechpartner dient und frühzeitig einschreiten kann, wenn etwas passiert. „Das hat bis heute gut funktioniert“, sagt Ramminger.
Auch bei der Spvgg Cannstatt ist das Problem bekannt. Jugendleiter Enzo Di Giuseppe findet es zum Teil lächerlich, was er in den Verhaltenskodex für Eltern schreiben muss. Dort stehen Dinge wie „Zum Sport gehören das Gewinnen wie auch das Verlieren“. Oder auch die Bitte, Aufstellungen und andere Entscheidungen des Trainers zu respektieren. Trotzdem seien solche Vorgaben notwendig.
Er sagt den Eltern seiner Neulinge zu Beginn der Saison gebetsmühlenartig: „Das Schlimmste von allen sind die Eltern“. Seine 28-jährige Erfahrung im Jugendfußball hat ihn gelehrt, Klartext zu sprechen. Bestimmte Vereine seien bekannt dafür, dass es bei ihnen Stress gibt. Auch er findet, dass das Verhalten über die Jahre schlimmer, die Emotionen extremer geworden sind. Zum Teil würden die Kinder selbst aggressiv, wenn die Eltern es so übertreiben.
Dabei geht es ihm nicht um Ausrufe wie „Schiri, das war doch kein Abseits!“. Das sei normal. Aber über Beleidigungen oder gar Handgreiflichkeiten müsse man nicht diskutieren. Wegen schlimmerer Vorfälle habe auch er schon Familien aus dem Verein ausschließen müssen. Obwohl das letzte Mal wirklich lange her ist, sagt er. Wenn so etwas passiere, dann eher bei den Auswärtsspielen – wenn weniger Leute wie er aus dem Verein dabei seien. Sonst würden die Eltern aufpassen und sich zusammenreißen.
„Ich denke, die einzige Lösung ist, sich von diesen Leuten zu trennen.“ Außerdem würde er sich vom Württembergischen Fußballverband (WFV) härtere Strafen wünschen. „Es kann immer mal passieren, dass einer ausrastet“, sagt er. „Aber dann muss es Konsequenzen geben.“ Das gilt auch für die Spieler.
Interessant ist, dass die Eltern von Fußballerinnen nach der Erfahrung von Enzo Di Giuseppe nicht so emotional sind wie die von männlichen Spielern. „Die Eltern sind lockerer“, sagt er. Auch das Spiel selbst sei weniger hart. Zwar können sich die Spielerinnen auf dem Platz durchaus mal in die Haare kriegen. „Aber man sieht selten ein brutales Foul oder Handgreiflichkeiten.“
Massimo Guida, Jugendleiter beim VfL Stuttgart, fällt ebenfalls immer wieder auf, dass sich Eltern am Spielfeldrand „extrem zoffen“. „Wir arbeiten da viel dran“, sagt er. Durch Präsenz an Spieltagen und den direkten Dialog mit Eltern sei es schon besser geworden. Auch, weil der Verein auf Prävention setze, auf Eltern zugehe und ihnen die Wirkung und ihre Vorbildfunktion für die Kinder aufzeige.
Denn es gebe immer noch Eltern, die zu energisch an die Sache herangehen – oder zu fürsorglich, etwa, wenn der eigene Nachwuchs gefoult werde. Eskalieren würde es selten, sagt er, meistens bekomme man ganz gut wieder Ruhe rein. Aber er weiß auch: „Theoretisch könnte es schnell mal eskalieren – weil jeder der Meinung ist, dass er recht hat.“
Für manche wird die Situation also immer schlimmer, für andere bessert sie sich. Der Württembergische Fußballverband (WFV) führt Statistiken zu Diskriminierung und Gewalt im gesamten Amateurfußball, also von den Bambinis bis zu den Alten Herren – hierbei geht es allerdings um gemeldete Vorkommnisse insgesamt, nicht nur um von Eltern ausgelöste. Laut diesen Zahlen gehen die Vorfälle zurück. In der Saison 2023/24 wurden dem WFV im Verbandsgebiet zum Beispiel 440 Vorkommnisse der Kategorie Gewalt und Diskriminierung über die Spielberichte gemeldet, teilt ein Sprecher mit. 47 Spiele seien abgebrochen worden – bei fast 100.000 Spielen sei das überschaubar.