Stuttgarter Gardinenfabrik Bunte Designs aus Herrenberg von einer Firma „mit Weltruf“

Die Entwürfe der Designerinnen (v.l. de Boer, Bernstiel, Hildebrand) waren vielfältig und individuell. Foto: Marlise Sifrig

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte sich die Fabrik in Herrenberg an. Mit ihren Entwürfen verschaffte sie sich ein Alleinstellungsmerkmal. Noch heute sind ihre Spuren zu finden.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Von außen sieht sie wenig spektakulär aus: die ehemalige Stoffdruckhalle der Stuttgarter Gardinenfabrik in Herrenberg. Sie würde nicht weiter auffallen, wäre sie nicht jüngst ins Rampenlicht gerückt worden. Der heutige Eigentümer möchte sie abreißen, das Landesdenkmalamt legte ein Veto ein.

 

Die Halle hat Architekt Hermann Blomeier entworfen, ein Bauhaus-Schüler. Sie sei, so das Denkmalamt, ein exemplarisches Beispiel seiner Baukunst. Der Eigentümer hingegen hat für die Halle keine Verwendung. Er rief den Petitionsausschuss des Landtags an, der nun einen Entscheidung treffen muss.

Stuttgarter Gardinenfabrik in Herrenberg

Während die Zukunft der Halle noch ungewiss ist, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Claudia Nowak-Walz ist Historikerin und Mitglied der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg. Die Frauengeschichtswerkstatt hat 2024 den Designerinnen der Stuttgarter Gardinenfabrik mit einer Ausstellung ein Denkmal gesetzt und zur Geschichte der Fabrik geforscht. „Das war eine Firma von Weltruf, die oft mit der Pausa in Mössingen verglichen wird“, sagt Nowak-Walz.

Die Frauen der Geschichtswerkstatt bei der Vorbereitung der Ausstellung mit Stoffen der Stuttgarter Gardinenfabrik, ganz rechts ist Claudia Nowak-Walz. Foto: Anke Kumbier

Gegründet 1934 in Stuttgart, zog die Gardinenfabrik nach dem Krieg nach Herrenberg. Erste Pläne für den Umzug gab es laut Nowak-Walz schon 1939/1940. Warum die Wahl auf Herrenberg fiel, ist unklar. Möglicherweise gab es dort die passenden Flächen, um sich zu erweitern.

So befanden sich die Verwaltung und das Entwurfsatelier beispielsweise in der Straße Schießmauer, dort, wo heute die Moschee ist. Auf dem benachbarten Gelände war ab 1950 die Weberei untergebracht. Und 1957 wurde nur wenige Meter entfernt die Stoffdruckhalle an der Mühlstraße 22 eingeweiht.

Designerinnen spielen wichtige Rolle

Maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beigetragen haben seine Designerinnen, allen voran Margret Hildebrand. Sie leitete nach dem Krieg das Entwurfsatelier. Mit ihren Dessins gewann sie internationale Preise, 1956 wurde sie Professorin für Textildesign an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Dessins von Antoinett de Boer (links) und Hannelore Österlen (rechts). Foto: Marlise Sifrig

Hildebrand und Geschäftsführer Hans Goltermann war es laut Nowak-Walz wichtig, dass „Künstler, Techniker und Kaufmann“ an einem Strang ziehen. „Sie legten großen Wert darauf, dass keine Entwürfe zugekauft wurden, sondern sie mit eigenen Dessins arbeiteten“, sagt die Historikerin.

Eine vermutlich wegweisende Entscheidung. So entstanden Stoffe, die eben nicht nach Ware von der Stange aussehen, sondern ihren ganz eigenen Charakter haben – mit klaren Linien, aber auch bunten Farben und wilden Mustern. Und die in der Druckhalle in der Mühlstraße auf Stoff gebracht wurden.

Welche Bedeutung die Druckhalle hatte

„Hildebrand hat auf die Vorteile einer eigenen Druckerei hingewiesen“, sagt Nowak-Walz. So bot eine eigene Druckerei beispielsweise die Möglichkeit, Testdrucke von neuen Dessins zu machen, ohne dass die Entwürfe von der Konkurrenz kopiert werden konnten, erklärt die Historikerin.

Mehrere von Hildebrands Schülerinnen arbeiteten später für das Unternehmen. Unter ihnen Antoinette de Boer, die 1963 Leiterin des Entwurfsateliers wurde. Anlässlich der Ausstellung der Frauengeschichtswerkstatt besuchte sie Herrenberg. „Riesengroßes Kompliment“ hinterließ sie als Gruß im Gästebuch.

Während sich die Bedeutung der Fabrik anhand von gewonnen Preisen, der Tatsache, dass ein Bauhaus-Schüler die Druckhalle entwarf, und Aufträgen – wie beispielsweise die Ausstattung mehrere Ministerin in Bonn – gut belegen lässt, fällt es schwerer, ihre Rolle in der Herrenberger Stadtgeschichte einzuordnen.

„Es ist unklar, wie viele Menschen dort zu Hochzeiten beschäftigt waren,“ sagt Nowak-Walz. Bekannt sei nur, dass es zuletzt, im Jahr 1999, etwa 70 Mitarbeiter waren. Da waren die glanzvollen Zeiten der Gardinenfabrik schon vorbei. Sie musste Insolvenz anmelden und stellte schließlich die Produktion ein.

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