Die Stadt Stuttgart erinnert an die 192 unter Nazi-Oberbürgermeister Karl Strölin ausgestoßenen Bediensteten und stellt sich damit ihrer historischen Verantwortung.
„Was fällt Euch hier auf?“ So lautete die Standardfrage, wenn Harald Stingele vom Lern- und Gedenkort Hotel Silber und Marc Fischer vom Stadtjugendring mit Jugendlichen im 1. Stock des Stuttgarter Rathauses vor der Ahnengalerie der Stuttgarter Oberbürgermeister standen. Die Antwort der Jungen lautete meist: „Hier hängen nur Männer!“ Das stimmt. Doch noch etwas anderes sticht ins Auge. Es gibt eine Lücke. Nach Karl Lautenschlager und vor Arnulf Klett, also zwischen 1933 und 1945, so der optische Eindruck, hatte Stuttgart keinen Oberbürgermeister – was nicht stimmt, denn auch in jener Zeit gab es ein Stadtoberhaupt: Karl Strölin (1890-1963), in dem Stingele den „Zerstörer der Demokratie in Stuttgart“ sieht. Unter seiner Regie sei die kommunale Verwaltung zerschlagen worden. Fabian Mayer, der heutige Erste Bürgermeister, nennt Strölin einen überzeugten Nationalsozialisten, der das Rathaus zum „Instrument nationalsozialistischer Herrschaft und ideologischer Durchdringung“ gemacht habe. In der Ahnengalerie im Rathaus wurde er jedoch stillschweigend ausgespart.
Die Mitarbeiter wurden mit der Entlassung um ihre berufliche Existenz gebracht
Stingele und Fischer waren entschlossen, daran etwas zu ändern. Sie entwickelten die Idee einer Theaterperformance im Rathaus, die diese Lücke thematisieren sollte. Corona verhinderte die Ausführung. Stattdessen entstand ein Filmprojekt mit dem Namen „Die doppelte Lücke“. Thema war nicht nur die OB-Lücke, sondern auch die lückenhafte Erinnerung an die städtischen Mitarbeiter, die nach dem von den Nazis erlassenen Gesetz mit dem verschleiernden Namen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933 ausgegrenzt und damit um ihre berufliche Existenz gebracht wurden: Menschen, die der SPD oder der KPD angehörten, jüdischer Herkunft waren oder den Nazis aus anderen Gründen nicht passten. Als „Entlassungsgrund“ wurde häufig auch „Mitglied der RGO“ genannt. Das Kürzel stand für „Revolutionäre Gewerkschaftsopposition“, eine kommunistische Strömung innerhalb der freien Gewerkschaften. Von 192 betroffenen städtischen Mitarbeitern kennt man die Namen. Vielleicht waren es noch mehr.
Im Juli 2021 wurde der von der Aktion Stolperkunst und dem Theater La Lune realisierte Film im Gemeinderat gezeigt. Er gab den Anstoß für die Gründung einer Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der „doppelten Lücke“ und schließlich zur Einrichtung eines Erinnerungsortes im Rathaus, der jetzt – 92 Jahre nach dem begangenen Unrecht – im Beisein von Nachfahren der damals Betroffenen feierlich eröffnet wurde. Fabian Mayer sprach dabei von einem „Meilenstein der Erinnerungskultur“ in Stuttgart: „Wir stellen uns der historischen Verantwortung, die wir als Stadtverwaltung für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit tragen.“ Die Gleichschaltung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten habe keinesfalls nur die große Politik betroffen, sondern sich auch auf kommunaler Ebene vollzogen: „Das Unrecht war nicht nur dort, es war genauso auch hier“, sagte er. Und das Ausmaß dieses Unrechts war groß.
„Lebendiger Appell für die Demokratie“
Beispielhaft nannte Mayer die Schicksale der im Rathaus beschäftigten jüdischen Fürsorgerin Emmy Brüll, die im KZ Ravensbrück ermordet wurde, und das ihrer Kollegin Emilie Levi; sie starb nach einer Zwangsevakuierung in Eschenau. Ihre Schwester Julie Levi wurde vom Killesberg aus nach Riga deportiert und umgebracht. Auch der bei der Stadt beschäftigte Schlosser Rudolf Sperandio zählte zu den Betroffenen. Er saß im KZ Heuberg und später im Polizeigefängnis Stuttgart ein. Nachfahren von ihm, Claus, Adele und Karin Sperandio aus dem Stuttgarter Osten, nehmen an der Feierstunde teil. „Es ist wichtig, dass das publik gemacht wird“, sagen sie. „Vielleicht gelingt es damit, Menschen wachzurütteln.“ Auch Nachfahren von Heinrich Baumann sind da. Er war Transportarbeiter, Kommunist und Stadtrat. Die Nazis veranlassten seinen „Dienstaustritt“ aus dem Gemeinderat. Baumann wurde ins KZ-Heuberg gebracht und starb später im KZ Dachau.
Ihnen und den anderen von der Stadt Ausgestoßenen ist der Erinnerungsort gewidmet. Die systematische Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung, werde dank des Engagements vieler Beteiligter „in unserem Rathaus nun sichtbar gemacht“, betonte Mayer im Beisein von Alt-OB Fritz Kuhn. Gestaltet wurde die Raum- und Lichtinstallation unter der Treppe im Erdgeschoss von dem Designstudio Goldmannart. In einer Dauerschleife läuft dort „Die doppelte Lücke“. Die Namen der betroffenen Mitarbeiter leuchten auf und sind zudem auf einer großen Tafel festgehalten. An einem Medientisch können die Biografien abgerufen werden. Mayer spricht von „Respekt vor den Opfern“. Gleichzeitig sei Geschichte ein „lebendiger Appell, unsere Demokratie zu stärken und Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft zu übernehmen“. Sie bedürfe der stetigen Pflege und einer klaren Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung.
Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, bekräftigte, dieser Lückenschluss der Erinnerung sei auch für das eigene Handeln relevant. Bildung sei ein Weg, um „die Herzen der Menschen zu erreichen“ und zu verhindern, „dass neue Lücken gerissen werden, die es später dann wieder zu füllen gilt“. Der Gesamtpersonalratsvorsitzende der Stadt Stuttgart, Tomas Brause, erinnerte daran, „dass Demokratie am Arbeitsplatz beginnt“. Die Kommune sei „der Maschinenraum der Demokratie“ und ihr Funktionieren wichtig für das Vertrauen in die Demokratie. Die Dauerausstellung im Rathaus könne helfen, sich bewusst zu machen, „dass wir wachsam bleiben müssen“. Treffende Worte, eine Gedicht-Rezitation der Schauspielerin Julianna Herzberg und stille Töne des Gitarristen Jonas Khalil machten bei der Eröffnung deutlich: die Erinnerungslücke füllt sich. Was noch fehlt, ist die Umgestaltung der Ahnengalerie im ersten Stock, damit sich hoffentlich bald die Frage erübrigt: „Was fällt Euch auf?“