Stuttgarter Gemeinderat besetzt Führungsstelle Amtsleiter mit klarer Ansage gegen Land

Raffael Sänger führt künftig das Liegenschaftsamt der Landeshauptstadt. Foto: LHS/Leif Piechowski

Obertürkheim als Ort für eine große Landeserstaufnahmeeinrichtung hält der neue Chef des städtischen Liegenschaftsamtes für keine gute Wahl.

Wer in der Landeshauptstadt zum Amtsleiter gewählt wird, hat in aller Regel die letzte Station seines beruflichen Aufstiegs erreicht. Es ist daher äußerst ungewöhnlich, dass der Gemeinderat innerhalb von rund vier Monaten die Nachfolgefrage an der Spitze erneut regeln muss. Das ist beim Liegenschaftsamt geschehen. Vorausgegangen war der abrupte Abtritt von Thomas Eggenweiler, der den wichtigen Job im April nach wenigen Wochen aus persönlichen Gründen wieder abgegeben und um Rückversetzung zum Landratsamt Esslingen gebeten hatte.

 

Nun hat der Gemeinderat erneut einen Nachfolger für den langjährigen Leiter Thomas Zügel bestimmt, der bereits Ende Juli 2023 seinen altersbedingten Abschied genommen hatte. Gewählt wurde mit 36 von 60 Stimmen Raffael Sänger, 19 Stadträte votierten gegen ihn, fünf enthielten sich. Sänger war der einzige Bewerber, im Verwaltungsausschuss hatten sich noch insgesamt drei Kontrahenten präsentiert. Eggenweiler hatte 44 von 56 Stimmen erhalten.

200 Beschäftigte verwalten 1400 Immobilien

Sänger ist beim Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg Abteilungsleiter für Immobilienmanagement und stellvertretender Amtsleiter in Ludwigsburg mit 110 Mitarbeitenden. Er wolle das Amt in Stuttgart mit innovativen Ideen und hoher Gestaltungskraft strategisch weiterentwickeln, sagte der 45-Jährige vor der Vollversammlung, und betonte, dass er Wert auf kollegiale Zusammenarbeit lege. Ein Schwerpunkte sei die Verbesserung der Unterbringungssituation der Mitarbeitenden der Stadt und die Flüchtlingsunterbringung. Das Stuttgarter Liegenschaftsamt zählt rund 200 Beschäftigte, die 26 000 Grundstücke und 1400 Immobilien der Landeshauptstadt verwalten.

Die Bürgervertreter bekamen bei der Bewerbungsrede Aussagen zu hören, die sich Amtsleiter ansonsten verkneifen, denn ihre Aufgabe ist keine politische. Sänger kritisierte den vom Justiz- und Migrationsministerium in den Blick genommenen Standort Obertürkheim für eine große Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (Lea). „Obertürkheim sehe ich äußerst kritisch“, sagt er, auch weil ein Teil des sogenannten Lea-Privilegs dann nach Esslingen ginge. Mit dem Privileg ist die Anrechnung der in der Lea wohnenden Flüchtlinge auf die von der Stadt über eine Quotenregelung ansonsten aufzunehmende Flüchtlingszahl gemeint. Für die Planung der Lea sind übrigens laut Regierungspräsidium (RP) das Amt Vermögen und Bau Stuttgart – es stellt die Bauvoranfrage – mit Unterstützung durch das RP zuständig.

Seit 2018 beim Land beschäftigt

Der neue Amtsleiter wurde in Filderstadt geboren, studierte Rechtswissenschaften in Konstanz, machte dort am Landgericht sein Referendariat und legte 2011 die zweite juristische Staatsprüfung ab. Zudem absolvierte er ein Magisterstudium an der Universität Santo Tomás in Bogotá in Kolumbien.

Von 2008 bis 2011 war Sänger Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Uni Konstanz, von 2013 bis 2017 dort Wissenschaftlicher Assistent und außerdem in Kanzleien in München, Stuttgart und Wien tätig. 2018 wechselte Sänger zum Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg. In der Betriebsleitung Stuttgart der Behörde war er im Vergabe- und Rechtsreferat tätig, ab 2020 als Leiter der Abteilung für Immobilienmanagement und Fiskalerbschaften in Pforzheim.

Die Leitungsstelle hat die Stadt um eine Stufe höher gruppiert. In den nächsten zwei Jahren solle sie auf B  3 (brutto rund 9000 Euro monatlich) gehoben werden. Die Stadt hat auf vielen Ebenen Personalbedarf.

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