Der Gemeinderat will offenbar bereits am 5. Juni – wenige Tage vor der Kommunalwahl – einen Grundsatzbeschluss zum Bau des Konzertforums auf dem früheren Areal der Sektkellerei Rilling in Bad Cannstatt fassen. Einen entsprechenden Vorschlag hat Stadtrat Jürgen Sauer (CDU) am Mittwoch im Verwaltungsausschuss gemacht. Das Projekt mit einem Konzertsaal für bis zu 1100 Zuhörer hat einen Umfang von inzwischen grob geschätzt 98,7 Millionen Euro. Darin enthalten wären zehn Millionen Euro für den Flächen- oder Gebäudekauf für die Büros des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO), der Stuttgarter Philharmoniker und der Internationalen Bachakademie am Standort.
Zehn Millionen sollen von Spendern kommen
Die Bachakademie als weiteren Partner wollte SKO-Intendant Markus Korselt nicht bestätigen. Korselt und die Trias GmbH mit dessen Geschäftsführer, Architekten und Grundstückseigentümer Cemal Isin hatten die Pläne Ende November 2023 als „gemeinwohlorientiertes Projekt“ präsentiert. Zehn Millionen Euro, bestätigte Korselt, sollen durch Spenden aufgebracht werden. Womöglich könnten 15 Millionen öffentliche Fördermittel eingeworben werden. Das Areal im Cannstatter Sanierungsgebiet ist eigentlich längst für Wohnungsbau vorgesehen.
Im Doppelhaushalt 2024/2025 hatten die Pläne, weil in einer frühen Phase, keine Aufnahme gefunden. Nun aber soll der Grundsatzbeschluss rasch erfolgen. In der Debatte am Mittwoch warb Verwaltungs- und Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) für den Neubau, auch weil das Siegle-Hauses am Leonhardsplatz in der City, Heimstatt der Philharmoniker, für rund 50 Millionen Euro saniert werden müsse. Die Philharmoniker bräuchten dann für vier Jahre ein Interim, welches einen zweistelligen Millionenbetrag kosten werde. Da das Land die Philharmoniker zur Hälfte mit finanziere, sei dessen Beteiligung am Neubau möglich, das Siegle-Haus würde für andere Nutzungen frei.
Wie steht es um die alte Bausubstanz?
Eine klare Ansage machte Mayer zu den Forderungen der 2019 gegründeten Konzerthaus-Initiative e. V., die eine neue große Philharmonie an der Liederhalle oder auf den Flächen von Stuttgart 21 fordert. Diese Pläne würden „in diesem und vermutlich auch im ersten Teil des nächsten Jahrzehnts keine Rolle spielen. Das ist finanziell nicht stemmbar“, so der Bürgermeister.
Die Finanzierung ist allerdings, neben Fragen des Städtebaus, auch beim Cannstatter Konzertforum ein Knackpunkt. „Wir können keinen Blankoscheck ausstellen“, hatte Sauer bei der Diskussion zum Städtebau am Dienstag gesagt. Den dürfte die Stadt sowieso nicht unterzeichnen, aber auch 100 Millionen Euro in einem Nachtragshaushalt wären „derzeit nicht genehmigungsfähig“, warnt Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU). Der Neubau könne frühestens in den nächsten Doppelhaushalt 2026/2027 aufgenommen werden. Das Forum sei „das Gegenteil von Einsparung“, es stehe in Konkurrenz zu vielen anderen Kulturprojekten, monierte Fuhrmann, der eine noch höhere Neuverschuldung befürchtet. 2025 sind Kreditaufnahmen in Höhe von 770 Millionen Euro vorgesehen. Keine Rolle spielte in der Debatte die Bausubstanz, auf die das Konzertforum gegründet werden soll. Die Rilling-Keller sind als Lagerfläche vorgesehen. Laut früheren Mietern musste hier schon Wasser abgepumpt werden.
Nur das Linksbündnis hat Bedenken
Der Rat scheint allerdings trotz dieser Warnung zum Grundsatzbeschluss entschlossen. Bis auf das Linksbündnis, das mehr Wohnraum in der Neckarvorstadt fordert, bezeichneten alle Fraktionen das Projekt als „große Chance“, der Bedarf sei da. Offenbar ist die Mehrheit auch dazu bereit, die Wohnbaupläne zu beerdigen und einen Architektenwettbewerb für das Konzertforum, der Investoren ansonsten vorgegeben wird, zu erlassen. Dann würde auf ein Werkstattverfahren umgeschwenkt. Neben der planenden Trias GmbH würden wohl zwei Büros zur Mitplanung eingeladen.
Bau und Betrieb, der einen Zuschuss von 700 000 Euro im Jahr erfordern könnte, würden wie beim Kunstmuseum über eine gemeinnützige Stiftungs gGmbH abgewickelt. Spender und Orchester könnten Sitze in ansonsten städtisch dominierten Aufsichtsgremien und einem Beirat erhalten.
Die Pläne waren von Trias seit November erheblich verändert worden. Ein Probensaal musste ausgelagert, eine Hubbühne vorgesehen, die Verwaltung umgesetzt werden, der Raumbedarf wuchs. Leicht abgespeckt (rund 80 Zimmer) wurden die Pläne von Trias für ein Hotel am Konzertforum. Es soll privat vermarktet werden.