Stuttgarter Gemeinschaftsschule Früher Brennpunktschule, heute „Wohlfühlort“

Lernen auf dem Flur – oder im Lernatelier, beides ist möglich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wer seine Ziele erreicht und sich an die Regeln hält, erhält mehr Freiheiten. An der Schickhardt-Gemeinschaftsschule lernen Fünft- und Sechstklässler anders – mit erstaunlichem Erfolg.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Drei Klassenarbeiten in der Woche, dazu Vokabeltests und jede Menge Hausaufgaben – die Zeit vor dem Notenschluss hat es für die meisten Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen in sich. Dass es auch anders gehen kann, zeigt die Schickhardt-Gemeinschaftsschule in Stuttgart. Dort kann es zwar vorkommen, dass ein Kind drei Lernnachweise in einer Woche ablegt – aber nur, wenn es das so für sich selbst entschieden hat. Klassische Klassenarbeiten hat die Schule für Stufe 5 und 6 abgeschafft.

 

Seit dem Schuljahr 2024/25 geht die Gemeinschaftsschule (GMS) neue Wege und denkt Schule beginnend mit der Stufe 5 komplett anders. Das neue Lernkonzept ist inspiriert von der Alemannenschule Wutöschingen (Waldshut), die damit den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Statt Klassenzimmer gibt es Lernateliers mit büroartigen Einzelarbeitsplätzen. Die Kinder legen ihre Lernziele für die Tage selbst fest. Je besser sie darin sind, ihre Ziele zu erfüllen und die Regeln einzuhalten, desto mehr Freiheiten erarbeiten sie sich – bis sie zu den „Senkrechtstartern“ gehören.

Senkrechtstarter dürfen überall auf dem Schulgelände lernen

Es gibt in dem System Neustarter, Starter und Senkrechtstarter. Neustarter sind vor allem im Lernatelier, mit einer Erlaubniskarte der Lehrkraft dürfen sie auch auf dem „Marktplatz“ lernen, also in der Bibliothek, auf dem Flur oder im Bewegungsraum. Starter müssen ihren Lernort an der Tafel markieren; Senkrechtstarter dürfen sich komplett frei auf dem Schulgelände bewegen und als einzige in den schön gestalteten Ruhe-Raum. Hält sich ein Kind nicht an die Regeln oder stört, verliert es im Gegenzug Freiheiten und landet vielleicht sogar in der streng beaufsichtigten „Starthilfe“.

Am Standort Heusteig der Stuttgarter GMS arbeiten inzwischen die Stufen 5 und 6 nach dem neuen Konzept – und die beteiligten Lehrkräfte wirken fast ungläubig, wenn sie erzählen, welche Erfolge sie erzielen. Kinder, die zu Beginn der Klasse große Probleme mit der Organisation gehabt hätten, seien heute Senkrechtstarter. Die Kinder erzählten ihnen auch, wie gerne sie in die Schule kämen – „die Schule ist für sie ein Wohlfühlort“, sagt die Deutschlehrerin Emilia Bodenschatz.

Ihr Kollege Thomas Brörken erzählt von einem Schüler, der auf die „Vier-Tage-Woche“ hinarbeite. An vier Tagen will er seine Lernziele erreichen, damit er am fünften Tag nur noch das machen könne, was ihm Spaß mache. Das habe der Sechstklässler, den sie ins Begabtenförderprogramm aufnehmen wollen, ihnen im Lerncoaching verkündet. Ein anderer Sechstklässler sei sehr begabt in Mathematik, der lerne mit dem Material der achten Klasse. „Die Freiheit hat er bei uns“, so Brörken. Umgekehrt arbeite ein Schulwechsler aus Klasse 6 in Englisch mit den Lernpaketen von Stufe 5, um seine Lücken aufzuarbeiten, ergänzt Tobias Rapp.

Die Lernbegleiter (im Bild Tobias Rapp) kümmern sich individuell um ihre Schülerinnen und Schüler. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Französischlehrer steht immer noch unter dem Eindruck dieses Morgens: Eigentlich starten die Kinder mit dem „Ankommen“: Sie machen eine Stunde Sport, sind im Malatelier, Musizieren oder Lesen. Oder sie drehen mit dem Schulhund eine Runde. Doch diesmal hätten mehrere Schülerinnen und Schüler gebeten, ins Lernatelier gehen zu dürfen. Sie wollten an ihren Lernpaketen weiterarbeiten. Im alten System sei das nicht vorgekommen, so Rapp.

Das Elterninteresse sei unglaublich groß, so die Schulleiterin

Geändert haben sie in den eineinhalb Jahren immer wieder etwas. Es gibt jetzt Fachecken, in die Schülerinnen und Schüler mit ihren Fragen kommen können. Fachlehrer betreuen diese, manchmal auch Schüler. Im nächsten Schuljahr wollen sie auch Zehntklässler, die auf erweitertem Niveau lernen, in den Fachecken einsetzen. Die Lernateliers wurden neu organisiert: in Stufe 6 haben die Senkrechtstarter nun zwei eigene Räume, damit sich die Lernbegleiter mehr auf die Starter und Neustarter konzentrieren können, die mehr Unterstützung benötigen.

Auch unter Eltern hat sich herumgesprochen, dass die Stuttgarter Schule anders arbeitet. „Wir stoßen auf unglaublich großes Interesse“, sagt die Schulleiterin Sandra Vöhringer. Eltern hätten Sorge, überhaupt einen Platz zu bekommen. Beim Infotag seien 140 Interessenten gewesen – für 112 Plätze. Das sei für ihre Schule eine völlig neue Größenordnung.

Von anderen Schulen kämen zudem weiter viele Anfragen wegen Hospitationen – eine erreichte sie sogar aus der Schweiz. Dort wollte man erfahren, ob das Konzept auch in einer Großstadt klappt, wo die Schülerschaft größere Herausforderungen mit sich bringt als im beschaulichen Wutöschingen. „Es funktioniert auch in der Großstadt“, bilanziert Schulleiterin Sandra Vöhringer. Deshalb machten sie weiter. Die jetzigen Sechstklässler würden in vier Jahren in Klasse 10 im neuen System lernen. Und auch andere Stuttgarter Gemeinschaftsschulen machten sich auf den Weg. So setze die Plieninger Körschtalschule seit diesem Schuljahr ebenfalls auf das neue Konzept.

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