Die Hauptstadt Lettlands war das Ziel des ersten Deportationszugs, der 1941 Stuttgart verließ. Tausende Juden aus Baden-Württemberg fanden dort den Tod. Lange waren sie vergessen – bis der Holocaust-Überlebende Marger Vestermanis eine neue Erinnerungskultur begründete.

Korrespondenten: Christopher Ziedler (zie)

Stuttgart/Riga - Der Taxifahrer hat noch nie jemanden an diesen Ort gebracht. So muss er in Großbuchstaben auf ein Blatt Papier gekritzelt werden: B-I-K-E-R-N-I-E-K-I. Aus der malerischen Altstadt von Riga geht es vorbei an den Plattenbausiedlungen aus der Sowjetära hinaus in die Vororte der lettischen Hauptstadt. In einem Wäldchen hält der Fahrer, das Navi hat es befohlen, und fragt seinen Kunden, ob er wirklich sicher sei, hier abgesetzt werden zu wollen. Ist er.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein wird der Straßenlärm leiser. Sattes Grün, Vogelgezwitscher. Am Ende des Weges öffnet sich die lange, schmale Schneise zu einer Lichtung. Ein Meer aus Steinen liegt dem Besucher zu Füßen. Sie erinnern an die 46 000 Menschen, die hier ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden, ehe die deutschen Besatzer ihre Leichen wieder ausgruben und verbrannten, um die Spuren ihres Tuns zu verwischen. „Enterdung“ nannten die Nazis das mit ihrer unnachahmlichen Fähigkeit, das Grauen hinter harmlos klingenden Worten zu verstecken. Ihre Opfer in Bikernieki waren politisch Verfolgte, sowjetische Kriegsgefangene und ein Großteil der rund 25 000 Juden aus Deutschland und Österreich, die ins Baltikum verschleppt wurden.

Städtenamen, über die steinerne Oase verstreut, erinnern an die Herkunft derer, die hier, fernab der Heimat, den Tod fanden: Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Marburg, Nürnberg, Osnabrück, Stuttgart. Aus 14 Städten des – damals sogenannten – Altreichs kamen 25 Todeszüge in Riga an. Der erste Deportationszug, der am 1. Dezember 1941 den Stuttgarter Nordbahnhof verließ, führte in die lettische Hauptstadt. Es war der Beginn des Holocaust im Südwesten.

In einen Waggon gepfercht ist auch Hannelore Marx, die damals den Mädchennamen Kahn trägt. „Am 1. Dezember um drei Uhr morgens, während die Einwohner Stuttgarts friedlich schliefen, wurden ungefähr 1350 Juden aus der Versammlungshalle mit dem Lastwagen zum Nordbahnhof gefahren und in total überfüllte Personenzüge verladen“, schreibt die in die USA emigrierte Überlebende im Buch „Stuttgart Riga New York“. Die Fahrt nach Riga dauert drei Tage und drei Nächte. Bei der Ankunft werden Hannelore und ihre Eltern von SS-Männern ins Lager Jungfernhof geprügelt, wo Kälte, Hunger und Sklavenarbeit bald die ersten Todesopfer fordern.

Die Eltern von Hannelore Marx wurden erschossen

Es dauert nicht lange, bis ihre Eltern dazugehören. Erst wird ihre Mutter Hilde abgeführt, später ihr Vater Max. „Bis zum heutigen Tag sehe ich meine Mutter vor mir“, schreibt die Tochter, „wie sie mit all den anderen im Bus wegfährt zu ihrem letzten Bestimmungsort, vor ein Erschießungskommando.“ Auch ihnen sind die Stuttgarter Steine im Wald von Bikernieki gewidmet – so wie vor ihrem alten Haus in der Stitzenburgstraße zwei Stolpersteine aus Messing an Max und Hilde Kahn erinnern. Nach der Befreiung des KZ kehrte Hannelore Marx für kurze Zeit nach Stuttgart zurück, hielt es aber nicht aus, wollte „nur noch weg“. In Amerika arbeitete sie für die Gesellschaft der Überlebenden des Ghettos von Riga. Stuttgart hat auch die meisten der wenigen Überlebenden für immer verloren.

Menschen aus vielen Teilen von Württemberg und Hohenzollern waren an Bord des ersten Deportationszuges. Auf der Passagierliste, die zur Todesliste wurde, finden sich Namen nicht nur aus den größeren Städten Stuttgart, Ulm oder Heilbronn, sondern auch aus vielen kleineren, in denen lebendige jüdische Gemeinden existierten – Bad Buchau oder Haigerloch zum Beispiel oder Göppingen sowie die zum selben Landkreis gehörenden Orte Süßen und Weißenstein. Die Überreste der Opfer in diesem Wäldchen von Bikernieki zu wissen, Luftlinie knapp 1400 Kilometer von ihrem früheren Lebensumfeld entfernt, lässt die Dimension des deutschen Menschheitsverbrechens erahnen.

Den Mann zu treffen, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass ihre Namen nicht dem Vergessen anheimgefallen sind, ist nicht schwer. „Kommen Sie, wenn Sie in Riga sind, einfach am Mittwoch ins Jüdische Museum – da bin ich immer“, schreibt Marger Vestermanis per E-Mail. Das alte jüdische Theater in der Skolas iela Nummer 6 war einer der Fixpunkte des kulturellen Lebens der 43 000 Rigaer Juden, ehe die Nazis kamen, sie in ein Ghetto in der Moskauer Vorstadt steckten und zum überwiegenden Teil töteten. Die schweren Holztüren und Kronleuchter, das weitläufige Foyer und die breiten Treppenaufgänge sind in die Jahre gekommen, versprühen aber noch etwas vom alten Glanz. Die Geschichten an den Wänden erzählen, wie abrupt er erloschen ist. Die 7000 Juden, die heute in Riga leben, sind vor allem Kinder von Zuwanderern. In einem Büro im dritten Stock sitzt, wie versprochen, Marger Vestermanis, der den Holocaust überlebte und blieb. Es ist sechs Uhr am Abend, und er will eigentlich bald nach Hause. Als er später fertig erzählt hat, geht es auf Mitternacht zu.

Platz schaffen für die nächsten Todeskandidaten

Willkommen sind die Juden aus Stuttgart und den anderen deutschen Städten in Lettland nicht gewesen. Nicht weil man etwas gegen sie gehabt hätte, sondern weil ihre Ankunft für viele das Ende bedeutete. „Es war schrecklich mitanzusehen, wie die Frauen und Kinder aus den Häusern getrieben wurden, um Platz zu schaffen für die nächsten Todeskandidaten“, erzählt Vestermanis im schönen alten Deutsch, das früher in Riga gesprochen wurde. Viele der Ghettobewohner werden direkt in den Wald von Bikernieki geführt, erschossen und verscharrt. Der 16-jährige Vestermanis sieht die Eltern und seine Schwester wenige Tage nach Ankunft der „Deutschen“ zum letzten Mal, er selbst kommt später ins Konzentrationslager Riga-Kaiserwald. Trotzdem kann er keinen Hass auf die Neuankömmlinge empfinden und gibt einen Teil seiner Essensration ab: „Die Kinder haben gebettelt, Onkelchen, Onkelchen, gib uns ein Stück Brot, und ich gab es ihnen. Das waren doch Schicksalsgenossen.“

Vestermanis lebt, weil er auf einem Todesmarsch 1944 in die lettischen Wälder fliehen konnte. Monatelang überlebte er im Frontgebiet zwischen der heranrückenden Roten Armee und der sich zurückziehenden Wehrmacht. Er schloss sich Partisanen an, die gegen die Deutschen kämpften. So erfolgreich, dass Vestermanis später, als er vom russischen Militär quasi übernommen wurde, den Orden des Großen Vaterländischen Kriegs zweiter Klasse angehängt bekam. Er trägt ihn auch heute noch – obwohl solche Symbole der Sowjetära im unabhängigen Lettland verpönt und verboten sind – ab und an heimlich und mit Stolz: „Er beweist, dass ich nicht nur Opfer war.“

Sonst sind seine Erinnerungen an die kommunistische Zeit nicht die besten, da er nach dem Geschichtsstudium zwar Arbeit im Staatsarchiv fand, aber über sein Lebensthema, den Holocaust, weder forschen noch schreiben konnte. Die Opfer des Faschismus waren im Moskauer Machtbereich alle gleich, was speziell den Juden angetan worden war, wurde tabuisiert. Wie für das jüdische Leben insgesamt kein Platz reserviert war. Vestermanis wusste sich zu helfen, publizierte auf Lettisch oder über Kontakte in der DDR. Als unter Michail Gorbatschow Glasnost einkehrte, nutzte er die vorsichtige gesellschaftliche Öffnung bei der ersten sich bietenden Gelegenheit: Ende 1988 lud er 121 Holocaust-Überlebende zu einem Treffen und rief ihnen zu: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Erinnerung an das vernichtete Judentum einfach abstirbt.“ Sie gründeten einen Kulturverein und bekamen in der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung, als plötzlich alles ging, das alte Theater als Treffpunkt zugewiesen.

Eine Ausstellung über das große Sterben

17 000 Exponate sind dort heute zu sehen – über das große Sterben und das vielfältige jüdische Leben in Lettland vor der Schoah. Rote Punkte auf einer aus bunten Glasscherben gefertigten Karte markieren die Orte des Grauens. Marger Vestermanis war es wichtig, auch auf Orte der Hoffnung hinzuweisen. Die grünen Punkte zeigen, dass es auch Menschen gab, die nicht weggeschaut, sondern ihr eigenes Leben riskiert haben, um das anderer zu retten. 576 Fälle, in denen Juden versteckt wurden, hat der Historiker dokumentiert. Das Museum beherbergt auch Habseligkeiten derer, die aus Deutschland nach Riga gebracht wurden, um zu sterben. Auf einer weiteren Karte sind die Zugrouten zu sehen – auch von Stuttgart her.

Auf die Geschichte ihrer eigenen Mitbürger hat Marger Vestermanis die Kollegen in Deutschland förmlich stoßen müssen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schnell bei der Hand gewesen, sich um die Gräber deutscher Soldaten zu kümmern, und Vestermanis hat auch gern geholfen, sie zu lokalisieren. „Aber es gibt noch andere deutsche Massengräber“, hat er den Mitarbeitern gesagt, als diese nach getaner Arbeit wieder abreisen wollten: „Dann endlich hat sich die Kriegsgräberfürsorge dazu bequemt, sich auch für die Opfer des Holocaust zu interessieren.“ Daraus ist im Jahr 2000 das Deutsche Riga-Komitee entstanden, dem inzwischen 38 deutsche Städte angehören, darunter auch Stuttgart.

Vestermanis hält die Erinnerung lebendig

Unter Fachleuten ist Vestermanis’ Rolle bei der Aufarbeitung dieser Geschichte wohlbekannt. „Er hielt zu Zeiten der Sowjetunion, die jüdische Überlebende als angebliche Kollaborateure in den Gulag gesteckt hat, die Erinnerung an die jüdische Geschichte und die Schoah in Lettland wach“, sagt Roland Müller vom Stuttgarter Stadtarchiv. „Und er ist auf lettischer Seite der entscheidende Brückenbauer auch für das Riga-Komitee der deutschen Städte.“ Mittlerweile ist Vestermanis Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Zu Fuß ist er nicht gut unterwegs. In den Wald von Bikernieki, wo sich auch seine Eltern bis auf die Unterhose ausziehen und in die fertig ausgehobenen Gruben hinabsteigen mussten, hat er daher nicht mitkommen mögen. Er kennt die 2001 eingeweihte Stätte ohnehin bestens – ohne ihn gäbe es sie womöglich gar nicht. Für das in Weiß gehaltene Mahnmal in der Mitte der Lichtung hat er aus dem Buch Hiob den Spruch ausgewählt: „Erde, verdecke nicht mein Blut und lasse mein Geschrei bis zum Himmel ertönen.“

Lesen Sie mehr zum Thema

Stuttgart Riga Reportage