Stuttgarter Geschichte Die Wunde von Riga

Die Hauptstadt Lettlands war das Ziel des ersten Deportationszugs, der 1941 Stuttgart verließ. Tausende Juden aus Baden-Württemberg fanden dort den Tod. Lange waren sie vergessen – bis der Holocaust-Überlebende Marger Vestermanis eine neue Erinnerungskultur begründete.

Ein Meer aus Steinen erinnert an die 46 000 Menschen, die hier ermordet  wurden.Foto:Ziedler Foto:  
Ein Meer aus Steinen erinnert an die 46 000 Menschen, die hier ermordet wurden. Foto:Ziedler

Stuttgart/Riga - Der Taxifahrer hat noch nie jemanden an diesen Ort gebracht. So muss er in Großbuchstaben auf ein Blatt Papier gekritzelt werden: B-I-K-E-R-N-I-E-K-I. Aus der malerischen Altstadt von Riga geht es vorbei an den Plattenbausiedlungen aus der Sowjetära hinaus in die Vororte der lettischen Hauptstadt. In einem Wäldchen hält der Fahrer, das Navi hat es befohlen, und fragt seinen Kunden, ob er wirklich sicher sei, hier abgesetzt werden zu wollen. Ist er.

Mit jedem Schritt in den Wald hinein wird der Straßenlärm leiser. Sattes Grün, Vogelgezwitscher. Am Ende des Weges öffnet sich die lange, schmale Schneise zu einer Lichtung. Ein Meer aus Steinen liegt dem Besucher zu Füßen. Sie erinnern an die 46 000 Menschen, die hier ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden, ehe die deutschen Besatzer ihre Leichen wieder ausgruben und verbrannten, um die Spuren ihres Tuns zu verwischen. „Enterdung“ nannten die Nazis das mit ihrer unnachahmlichen Fähigkeit, das Grauen hinter harmlos klingenden Worten zu verstecken. Ihre Opfer in Bikernieki waren politisch Verfolgte, sowjetische Kriegsgefangene und ein Großteil der rund 25 000 Juden aus Deutschland und Österreich, die ins Baltikum verschleppt wurden.

Städtenamen, über die steinerne Oase verstreut, erinnern an die Herkunft derer, die hier, fernab der Heimat, den Tod fanden: Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Marburg, Nürnberg, Osnabrück, Stuttgart. Aus 14 Städten des – damals sogenannten – Altreichs kamen 25 Todeszüge in Riga an. Der erste Deportationszug, der am 1. Dezember 1941 den Stuttgarter Nordbahnhof verließ, führte in die lettische Hauptstadt. Es war der Beginn des Holocaust im Südwesten.

In einen Waggon gepfercht ist auch Hannelore Marx, die damals den Mädchennamen Kahn trägt. „Am 1. Dezember um drei Uhr morgens, während die Einwohner Stuttgarts friedlich schliefen, wurden ungefähr 1350 Juden aus der Versammlungshalle mit dem Lastwagen zum Nordbahnhof gefahren und in total überfüllte Personenzüge verladen“, schreibt die in die USA emigrierte Überlebende im Buch „Stuttgart Riga New York“. Die Fahrt nach Riga dauert drei Tage und drei Nächte. Bei der Ankunft werden Hannelore und ihre Eltern von SS-Männern ins Lager Jungfernhof geprügelt, wo Kälte, Hunger und Sklavenarbeit bald die ersten Todesopfer fordern.

Die Eltern von Hannelore Marx wurden erschossen

Es dauert nicht lange, bis ihre Eltern dazugehören. Erst wird ihre Mutter Hilde abgeführt, später ihr Vater Max. „Bis zum heutigen Tag sehe ich meine Mutter vor mir“, schreibt die Tochter, „wie sie mit all den anderen im Bus wegfährt zu ihrem letzten Bestimmungsort, vor ein Erschießungskommando.“ Auch ihnen sind die Stuttgarter Steine im Wald von Bikernieki gewidmet – so wie vor ihrem alten Haus in der Stitzenburgstraße zwei Stolpersteine aus Messing an Max und Hilde Kahn erinnern. Nach der Befreiung des KZ kehrte Hannelore Marx für kurze Zeit nach Stuttgart zurück, hielt es aber nicht aus, wollte „nur noch weg“. In Amerika arbeitete sie für die Gesellschaft der Überlebenden des Ghettos von Riga. Stuttgart hat auch die meisten der wenigen Überlebenden für immer verloren.

Menschen aus vielen Teilen von Württemberg und Hohenzollern waren an Bord des ersten Deportationszuges. Auf der Passagierliste, die zur Todesliste wurde, finden sich Namen nicht nur aus den größeren Städten Stuttgart, Ulm oder Heilbronn, sondern auch aus vielen kleineren, in denen lebendige jüdische Gemeinden existierten – Bad Buchau oder Haigerloch zum Beispiel oder Göppingen sowie die zum selben Landkreis gehörenden Orte Süßen und Weißenstein. Die Überreste der Opfer in diesem Wäldchen von Bikernieki zu wissen, Luftlinie knapp 1400 Kilometer von ihrem früheren Lebensumfeld entfernt, lässt die Dimension des deutschen Menschheitsverbrechens erahnen.

Den Mann zu treffen, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass ihre Namen nicht dem Vergessen anheimgefallen sind, ist nicht schwer. „Kommen Sie, wenn Sie in Riga sind, einfach am Mittwoch ins Jüdische Museum – da bin ich immer“, schreibt Marger Vestermanis per E-Mail. Das alte jüdische Theater in der Skolas iela Nummer 6 war einer der Fixpunkte des kulturellen Lebens der 43 000 Rigaer Juden, ehe die Nazis kamen, sie in ein Ghetto in der Moskauer Vorstadt steckten und zum überwiegenden Teil töteten. Die schweren Holztüren und Kronleuchter, das weitläufige Foyer und die breiten Treppenaufgänge sind in die Jahre gekommen, versprühen aber noch etwas vom alten Glanz. Die Geschichten an den Wänden erzählen, wie abrupt er erloschen ist. Die 7000 Juden, die heute in Riga leben, sind vor allem Kinder von Zuwanderern. In einem Büro im dritten Stock sitzt, wie versprochen, Marger Vestermanis, der den Holocaust überlebte und blieb. Es ist sechs Uhr am Abend, und er will eigentlich bald nach Hause. Als er später fertig erzählt hat, geht es auf Mitternacht zu.

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