„Stuttgarter Gespräch“ Künstliche Intelligenz braucht Regeln

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Der Experte Olaf Groth plädiert für ein globales Regelwerk und will den „digitalen Baronen“ Grenzen setzen. Mehr als 500 Zuhörer sind zum „Stuttgarter Gespräch“ gekommen, einer Veranstaltungsreihe von Robert Bosch Stiftung und Stuttgarter Zeitung.

Olaf Groth sieht auch die Risiken bei der Künstlichen Intelligenz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 8 Bilder
Olaf Groth sieht auch die Risiken bei der Künstlichen Intelligenz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wirtschaftsminister sind schon von Amts wegen eher nüchterne Menschen, haben sie es doch viel mit trockener Materie wie Wachstumszahlen, Handelsverträgen und Förderrichtlinien zu tun. Umso erstaunlicher ist, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bei der Präsentation seiner Nationalen Industriestrategie 2030 vor Kurzem regelrecht euphorisch geworden ist, als die Sprache auf die Künstliche Intelligenz kam: „Die Anwendungen der Künstlichen Intelligenz“, sagte Altmaier, „stellen vermutlich die bislang größte Basisinnovation seit Erfindung der Dampfmaschine dar.“ Mit dieser Einschätzung steht der Politiker keineswegs alleine da. Aber auch Elon Musk steht nicht alleine da. Der visionäre Unternehmer und Elek-troautopionier (Tesla) sieht in der Künstlichen Intelligenz das größte Risiko für unsere Zivilisation.

Der Computer lernt zu lernen

Olaf Groth kennt beide Sichtweisen, kann auch beiden etwas abgewinnen, bezeichnet sich aber „netto als optimistisch“. Mehr als 500 Zuhörer haben am Mittwochabend beim „Stuttgarter Gespräch“, einer Veranstaltungsreihe von Robert Bosch Stiftung und Stuttgarter Zeitung, die Gelegenheit gehabt, Groths Position kennenzulernen. Der gebürtige Deutsche (Viersen am Niederrhein), der seit fast 20 Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, gehört zu den Vordenkern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, lehrt an der Hult Business School in Berkeley als Wirtschaftsprofessor, gehört zu den Experten im Netzwerk des Weltwirtschaftsforums in Davos und ist Chef der auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Managementberatung Cambrian Group.

Schon seit Jahren wird die Künstliche Intelligenz als „das nächste große Ding“ der Technologieszene gefeiert. Aber aus gutem Grund stellte Moderator Andreas Geldner, Redakteur der Stuttgarter Zeitung im Ressort Wirtschaft und Spezialist für die Themen Start-ups und Innovationen, die Frage nach der Definition von Künstlicher Intelligenz an den Beginn der Veranstaltung „Schlauer als der Mensch? Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert“. Groth räumte ein, dass die Definitionen schwammig sind und der Wissensstand in der Gesellschaft zu Wünschen übrig lässt. Im Prinzip, so sagte er, handele es sich um Programme, die sich durch maschinelles Lernen ständig selbst optimieren und weiterentwickeln.

Keiner weiß, wie die Entscheidung zustande kam

So hat zum Beispiel Google einen Computer mit den Regeln für das Brettspiel Go gefüttert. Der Rechner hat sich daraufhin das Spiel selbst beigebracht und dann den amtierenden Weltmeister geschlagen. Das ist das entscheidende Prinzip: Lernen nach der Maßgabe von Regeln; der klassische Computer tut nur das, was ihm vorher einprogrammiert wurde.

Als Königsanwendungen der Künstlichen Intelligenz gelten das autonome Fahren – bisweilen auch Künstliche Intelligenz auf Rädern genannt – und die medizinische Diagnostik, zum Beispiel die Auswertung von Blutwerten oder Röntgenbildern, aus denen sich Krankheiten erkennen lassen. In beiden Bereichen kann es um Leben und Tod gehen. Das Beunruhigende: Wie genau eine Entscheidung oder ein Urteil der Maschine zustande gekommen ist, weiß niemand. Das hält Groth für problematisch, denn: „Der Mensch muss die Wahl haben.“

Auch eine Entscheidung aus dem Bauch heraus kann gut sein

Für den Experten sind solche Fragen keineswegs akademischer Natur. In seinem Buch „Solomon’s Code – Humanity in a World of Thinking Machines“ (Der Code des Salomon – Die Menschheit in einer Welt der denkenden Maschinen) hat er beschrieben, wie er zusammen mit seiner Frau in solch eine Lage geraten ist, kurz nachdem sie schwanger geworden war. Da wurde bei der Frau Brustkrebs diagnostiziert, und Ärzte rieten, die Schwangerschaft abzubrechen und sich einer Chemotherapie zu unterziehen. Die Groths entschieden sich damals dagegen.

Mittlerweile ist die Familie sogar zu viert. „Manchmal ist es besser, aus dem Bauch heraus zu entscheiden“, schreibt der Experte für Künstliche Intelligenz in seinem Buch. Freilich sieht er die Gefahr, dass zum Beispiel eine Krankenversicherung darauf beharren könnte, dass einer Empfehlung auf der Grundlage Künstlicher Intelligenz Folge geleistet wird. Dazu darf es aus Groths Sicht nicht kommen. Er will diese Grundsatzfragen nicht dem Markt überlassen, konkret: amerikanischen und chinesischen Internetriesen. Groth schlägt deshalb ein globales Regelwerk vor, einen Gesellschaftsvertrag. Er sprach von den „digitalen Baronen“, denen Grenzen gesetzt werden müssten. Skeptisch warf Andreas Geldner ein, dass die gegenwärtige politische Entwicklung auf der Welt aber vom Multilateralismus weg führe. Groth räumte ein, dass mit Widerständen zu rechnen sei, blieb aber bei seiner Position. „Fünf bis zehn Jahre wird das dauern“, sagte er, „wir sollten auf lokaler und regionaler Ebene anfangen.“

Die Amerikaner liegen noch deutlich vorne

China will bis 2030 die globale Führungsposition in der Künstlichen Intelligenz erobern. Aus Sicht von Groth sind die Amerikaner in der Künstlichen Intelligenz aber noch weit in Führung. Und Deutschland? Auf dem Gebiet der Forschung sieht der Experte das Land international vorne mit dabei – „Weltklasse“. In der praktischen Anwendung macht er jedoch ebenso wie viele andere Fachleute Defizite aus.

Fragen an Olaf Groth konnten bei der Veranstaltung auch die Schüler Rebekka Lederer, Timo Weiss und Till Hermann vom Gymnasium Renningen stellen. Rebekka Lederer wollte zum Beispiel wissen, wie groß die Chancen sind, dass auch moralische Fragen zum Tragen kommen und nicht nur der erhoffte Nutzen der Künstlichen Intelligenz. Groth ist auch hier nicht pessimistisch und nannte als Beispiel ein neues Berufsbild in amerikanischen Konzernen, den Ethikarchitekten. Dessen Aufgabe sei es, so sagte er, im Austausch mit den IT-Spezialisten darauf zu achten, dass ethische Standards eingehalten werden.

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