Stuttgarter gestaltete tausend Filmplakate Die Macht des Pinsels ist mit ihm

Von Frank Rothfuß 

Er kennt sie alle: Volker Schlöndorff und Pier Paolo Pasolini hat Siegfried Groß die Hand geschüttelt. Von Jack Nicholson, Yul Brynner, Peter Sellers, Roger Moore, Harrison Ford kennt er jede Pore, er hat sie gemalt.

Siegfried Groß vor seinem von ihm gestalteten Filmplakat zu „Star Wars“. Foto: Gottfried Stoppel 8 Bilder
Siegfried Groß vor seinem von ihm gestalteten Filmplakat zu „Star Wars“. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart/Fellbach - In Uhlbach müssen sie an den Tapeten kratzen. Darunter verbergen sich Schätze. Wer Glück hat, findet auf seinen Wänden einen echten Groß. Fingerübungen und Produkte der Langeweile. Als Stift lernte Groß (Jahrgang 1938) Maler und schabte in Uhlbach die Tapeten von den Wänden, bevor er sie neu tapezierte. „Das hat mich gelangweilt“, erinnert er sich, „da habe ich auf die Wände gezeichnet.“ Und die neuen Tapeten drübergeklebt. Was in Uhlbach begann, führte ihn nach Hollywood.

Tausend Filmplakate hat er gestaltet

Gut tausend Filmplakate hat der 79-Jährige bis in die 90er Jahre hinein in seinem Leben gemalt. Tatsächlich gemalt. Heute werden sie wie so vieles am Computer erstellt, früher „haben wir mit Schere, Pinsel, Klebstoff, Airbrush gearbeitet“. Das Plakat für „Leise weht der Wind des Todes“ mit Gene Hackman und Candice Bergen hat er in zwei Tagen in Öl gemalt. Quer und hoch. Die Kinobesitzer brauchten verschiedene Formate. Die Plakate sollten die Leute in die Säle locken. Deshalb wurde in Deutschland anders geworben als in den USA, man übernahm nicht einfach die amerikanischen Plakate. Groß entwarf sie neu. Manchmal durfte er den Film vorab sehen, meistens allerdings bekam er Fotos oder gar nur Filmschnipsel in die Hand gedrückt. „Die habe ich dann mit der Lupe angeschaut und versucht, was draus zu machen.“

Die Familie diente als Motiv

Mitunter musste die Familie mithelfen. Für den Horrorstreifen „Audrey, das Mädchen aus dem Jenseits“ mit Marsha Mason, Robert Walden und Anthony Hopkins musste sich Tochter Sabine die Seele aus dem Leib schreien. Groß fotografierte sie von unten, montierte ihren Kopf auf das Plakat. Auch sich selbst verewigte er. Für „Mord nach Art des Hauses“ von 1968 musste die Suppenschüssel von der Oma herhalten. Er malte sich seine Hand grün an, steckte sie in die Schüssel, pinselte mit Nagellack Blutlachen darauf. Fertig war das Plakat. Ein Hit auch in Japan. Manchmal nämlich waren seine Plakate so gelungen, dass die Verleiher sie in anderen Ländern verwendeten.

Wie um Himmels willen aber wird man Maler von Filmplakaten? Wie gesagt, Groß hat Maler und Tapezierer gelernt. „Das war so stupide“, sagt er. Der Mutter zuliebe machte er die Lehre fertig, schaffte dann aber als Messebauer, bevor er sich seiner großen Liebe zuwendete, der Kunst. Er studierte an der Kunstakademie Malerei. Nebenbei schaffte er beim Werbeatelier Degen in Stuttgart. Dieses verdiente gut mit der Kinowerbung. Der Neue musste zunächst die Kärrnerarbeit leisten. Groß: „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einen Bauzaun mit dem Sarotti-Mohr gestalten musste.“

Ein Autogramm von Pasolini

Auf Sarotti folgte Sodom. Groß durfte alsbald Filmplakate gestalten. Auch für „Die 120 Tage von Sodom“ von Pier Paolo Pasolino. Der italienische Regisseur zeigt alles Grausame, was Menschen anderen Menschen antun können – ohne Schonung. Der Film wurde sogar kurze Zeit verboten. Eine Serie von zehn verschiedenen Plakaten entwarf Groß. In Berlin legte er sie Pasolini vor. „Wir haben uns kurz unterhalten“, erinnert sich Groß, „er hat auf einem Plakat unterschrieben. Wenig später war er tot.“ Ermordet – angeblich von einem Stricher.

Brutal, witzig, spannend, traurig, schnell wechselten Filme und Stimmung. „Ich musste mich alle 14 Tage neu in einen Film hineinversetzen“, sagt Groß. „Hair“, „Einer flog über das Kuckucksnest“, „James Bond“, „Die glorreichen Sieben“, „Der rosarote Panther“, „Flash Gordon“, „Aristocats“, Groß hat 30 Jahre Filmgeschichte mitgestaltet. Zur Auswahl des Plakats für „Der Zauberberg“ fuhr er ins Hotel Vier Jahreszeiten nach München, dort suchte Regisseur Walter Geißendörfer vor Publikum das richtige Plakat aus. Groß’ Entwurf gefiel ihm am besten. Was einen Besucher erboste. „Sauerei“, brüllte er. Groß hatte die Berggipfel als Brüste gestaltet. Auch Peter Maffay hat er getroffen für dessen Film „Der Joker“; Volker Schlöndorff gab ihm den Auftrag für den Film „Fälschung“: „Das darf nicht aussehen wie Cola-Werbung!“ Sein liebstes Plakat ist das für „Star Wars – Das Imperium schlägt zurück“. Alle sind sie darauf zu sehen, Luke Skywalker, Han Solo, Yoda, Leia, Chewbacca, R2D2, C3PO. So ein kleines bisschen sei auch er für den Erfolg der Filme verantwortlich. Die Macht des Pinsels ist mit ihm.

Ausstellung in Fellbach

Wer seine Plakate sehen möchte, kann dies tun im Bewegungszentrum des SV Fellbach, Bühlstraße 145. Dort sind sie bis Jahresende ausgestellt. Die Uhlbacher haben es einfacher. Sie können auf ihre Wände schauen – vielleicht finden sie da sein Frühwerk.

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