Herr Ehehalt, Sie sind zwei Jahre Leiter des Gesundheitsamtes. Die Coronakrise ist sozusagen eine Feuertaufe für Sie. Haben Sie sich so ein Szenario vorstellen können?
Dass so etwas kommen kann, weiß man natürlich, wenn man im öffentlichen Gesundheitswesen tätig ist. Dafür gibt es Pläne, auch Pandemie-Pläne. Aber dass es nach meinem Amtsantritt so schnell passiert, war doch überraschend. Wir machen im Amt inzwischen nichts anderes mehr.
Wie ist die Lage derzeit in Stuttgart was Infektionen, Todesfälle, Genesungen angeht?
Stand heute sind in Stuttgart 1353 Fälle bekannt, genesen sind 1217 Personen. Das heißt, der Großteil derer, die nachweislich erkrankt waren, ist wieder gesund. Todesfälle haben wir 54 registriert, 35 Männer, 19 Frauen. Zuletzt lagen die Neuinfektionen in Stuttgart pro Tag noch im einstelligen Bereich.
In den vergangenen Wochen hat die Zahl der Neuinfektionen stark nachgelassen.
Ja. Das ist genau das, was wir gewollt haben. Wir haben Mitte März mit den Gegenmaßnahmen begonnen. Das war rechtzeitig. Deswegen hatten wir mehrere Wochen nur einen linearen Anstieg, keinen exponentiellen. Was wir sehen und erwartet hatten: Die Maßnahmen wirken.
Wie schlagen sich die bisherigen Lockerungen in der städtischen Statistik nieder?
Derzeit wirken sich die Lockerungen noch nicht in der Statistik aus, das zeigt sich frühestens zwei bis drei Wochen später, weil zwischen Infektion und Erfassung eben Zeit vergeht. Das macht es schwer, Maßnahmen zu steuern.
Jetzt kommen Lockerungen Schlag auf Schlag.
Wichtig ist, behutsam zu lockern. Wir haben viel erreicht, das sollten wir nicht gefährden. Schwierig ist, dass niemand verlässlich sagen kann, wie sich einzelne Lockerungen konkret auf das Infektionsgeschehen auswirken werden.
Haben Sie den Eindruck, dass die Bürgerinnen und Bürger noch hinter den Beschränkungen stehen und sich daran halten?
Nach allem, was bei uns ankommt, nimmt ein Großteil der Bevölkerung die Maßnahmen weiter ernst und hält sich daran. Trotzdem gibt es Berichte, die zeigen, dass manche Menschen deutlich sorgloser werden. Das könnte dazu führen, dass die Infektionsrate wieder deutlich zunimmt.
Dennoch gibt es Kritik an der Strategie, es heißt, die Maßnahmen seien übertrieben.
Das ist typisch, wenn Prävention erfolgreich ist: je besser die Prävention, desto geringer die negativen Auswirkungen. Es ist menschlich verständlich, dass manche nun hinterfragen, ob das Vorgehen maßvoll war. Wenn ich nach Italien oder ins Elsass schaue, kann ich nur sagen: Ausmaß und Zeitpunkt der Maßnahmen waren richtig und notwendig. In Stuttgart haben wir die Pandemie bisher beschränken können.
Wie ist die Lage in den Krankenhäusern?
Die Betten, die für Covid-Patienten vorgehalten werden, sind zu 20 Prozent belegt. Die Zahl der stationär behandelten Patienten ist nicht sehr hoch. Zurzeit sind in Stuttgarter Krankenhäusern rund 70 Corona-Patienten auf Normal- oder Überwachungsstationen, 24 auf Intensiv, von denen 19 beatmet werden.
Was war die maximale Auslastung?
Anfang April hatten wir eine Auslastung von 30 Prozent, mit 94 Patienten auf Normalstationen, 45 auf der Intensivstation, 30 von diesen wurden beatmet.
Die Stuttgarter Krankenhäuser haben die Coronakrise bisher gut bewältigt.
Die Stuttgarter Krankenhäuser haben die Bettenzahl für Corona-Patienten fortlaufend erhöht. Die Versorgung der Stuttgarter war zu jeder Zeit gewährleistet.
Werden nun wieder Plätze für Covid-Patienten abgebaut? Oder braucht man jetzt zwei Systeme nebeneinander?
Die Behandlungen von Non-Covid-Patienten werden behutsam hochgefahren. Wichtig ist der regelmäßige Austausch untereinander, der ist ausgezeichnet. Diese enge Abstimmung mit allen Häusern ist ein Schlüssel zum Erfolg. Auch wenn es wieder zu mehr Infektionen kommt, können das unsere Krankenhäuser gut bewältigen.
Wie ist die Lage in den Pflegeheimen? Wie viele der an oder mit Covid-19 Verstorbenen waren Bewohner von Heimen?
Die Lage dort ist stabil. Wir haben bisher insgesamt 122 Erkrankte in Pflegeheimen, 89 Bewohner und 33 Mitarbeiter, von denen 81 wieder genesen sind. 21 Menschen, die Bewohner von Pflegeheimen waren, sind verstorben. Das sind 40 Prozent aller Verstorbenen. Wie mit den Trägern der Behindertenhilfe haben wir auch mit den Heimen bereits im Januar erste Kontakte wegen des Coronavirus aufgenommen. Wir haben ein spezielles Corona-Mobil des DRK und der Kassenärztlichen Vereinigung, das für die Pflegeheime zuständig ist. Wir haben eine intensive Kooperation. Zurzeit läuft eine Testaktion in den Heimen, unter Bewohnern und Mitarbeitern, auch wenn sie keine Symptome haben. Wir haben bereits 560 Mitarbeitende getestet, alle negativ. Terminiert ist, dass in weiteren 30 Heimen 1600 Mitarbeiter getestet werden.
Lange aber war Schutzkleidung dort Mangelware. Hat sich das geändert?
Wir haben aus unserem Pandemie-Lager Pflegeheime bevorzugt bedient. Inzwischen erhält man Schutzkleidung leichter.
Wie viele Corona-Tests werden derzeit am Tag in Stuttgart gemacht?
Außergewöhnlich in Stuttgart ist, dass die großen Krankenhäuser, vor allem das Klinikum Stuttgart, diese Tests in hoher Zahl in ihren Laboren etabliert haben. Dann gibt es noch die kommerziellen Labore. Das ist eine günstige Situation. Derzeit werden etwa 400 Tests am Tag vorgenommen in Stuttgart, es waren aber schon 750 oder sogar 1000 Tests am Tag. Es werden, da die Zahl der Menschen mit Atemwegsinfekten deutlich zurückgegangen ist, vermehrt Personen auch ohne Krankheitssymptome getestet. Das sind vor allem vulnerable Gruppen und Beschäftigte in Pflege- und Behindertenheimen, Kliniken und Arztpraxen.
Was wünschen Sie sich für die nächste Phase der Pandemie-Bekämpfung?
Meine Sorge ist, dass wir zu sorglos werden. Das Virus ist da, wir sollten es ernst nehmen. Bei allen Lockerungen müssen wir festhalten, was wir eingeübt haben: Abstand halten, Hygieneregeln beachten, mit Erkältungssymptomen zu Hause bleiben. Dann werden wir als Gesellschaft in der Pandemie weiter gut bestehen.
Wie lange kaufen wir noch mit Maske ein?
Ich glaube, wir werden noch die nächsten Monate Masken tragen.