Herr Ehehalt, plötzlich sinkt die Inzidenz rapide, an einem Tag um 26, danach sogar um 34 Zähler. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?
Die absinkenden Fallzahlen sprechen dafür, dass die Notbremse nun auch in Stuttgart greift. Dies haben wir so erwartet, weil wir in Stuttgart keine einzelnen größeren Ausbruchsgeschehen beobachtet haben und die Fallzahlen auch anderswo rückläufig waren.
Gibt es für diese sprunghaften Rückgänge nicht doch besondere Gründe?
Wir hatten auf dem Weg zu den hohen Inzidenzwerten deutliche Sprünge nach oben gemacht. Wenn es bei einem exponentiellen Wachstum erst sprunghaft nach oben geht, dann dauert es einfach ein bisschen länger, bis man davon wieder herunterkommt. Und dann können auch die Schritte nach unten größer ausfallen.
Hat auch das eher schlechte Wetter eine günstige Rolle gespielt?
Das Wetter spielt, was das Verhalten der Menschen angeht, eine große Rolle. Dass die Fallzahlen jetzt runter gehen, liegt aus meiner Sicht aber hauptsächlich an den Maßnahmen der Notbremse. Hierfür spricht, dass die Fallzahlen in allen Bereichen über die gesamte Stadt und in allen Altersgruppen zurückgegangen sind, auch in den Gemeinschaftseinrichtungen.
Mit der Bundesnotbremse ist die vorher geltende Ausgangssperre sogar von 21 auf 22 Uhr gelockert worden.
Wir alle haben gemerkt, dass es kein Automatismus ist, dass die Werte wieder nach unten gehen. Weil etwa die Schulöffnungen und vieles andere mehr von der Höhe der Inzidenzwerte abhängen, kamen bei uns viele besorgte Nachfragen an, die zeigten, dass die Stuttgarterinnen und Stuttgarter die aktuelle Lage ernst nehmen.
Können wir uns jetzt auch in Stuttgart auf Inzidenzen unter 100 freuen?
Wie gesagt: Das ist leider kein Automatismus. Ich rechne aber schon damit, dass die Inzidenz auch in den nächsten Tagen in Stuttgart weiterhin unter 165 sein wird. Fest steht aber auch: Die Fallzahlen sind auch jetzt noch immer deutlich zu hoch, auch wenn uns die aktuelle Inzidenz eher niedrig erscheinen mag.
Sind die jetzigen Zahlen realistisch?
Man muss sehen, wie sich der zurückliegende Feiertag Christi Himmelfahrt auswirkt und welche Rolle Pfingsten spielen wird. Weihnachten und Ostern haben gezeigt, dass an Feiertagen weniger getestet wird. Dies kann dazu führen, dass die Aussagekraft der Fallzahlen eingeschränkt ist.
In Stuttgart werden jetzt viele Menschen durchatmen. Birgt das Risiken?
Auf jeden Fall. Deshalb ist meine dringende Bitte dranzubleiben, dass wir uns alle weiterhin so verhalten, als ob die Zahlen höher wären. Dann kommen wir am schnellsten unter die Grenze, unter die wir kommen wollen. Das Ziel muss sein, dauerhaft unter eine Inzidenz von 50 Fällen pro 100 000 Einwohner zu kommen.
Pfingsten steht bevor, die Schulferien. Die Menschen machen zum Teil Urlaub im Ausland, machen Heimatbesuche. Werden die Inzidenzen danach steigen?
Die Erfahrungen der ersten und zweiten Welle zeigen, dass die Reisetätigkeit immer der Ausgangspunkt der jeweiligen Pandemiewelle war. Bei der ersten Welle waren es die Rückkehrer aus dem Skiurlaub, bei der zweiten Welle spielten auch die Rückkehrer aus dem Sommerurlaub eine wichtige Rolle. Ich befürchte, dass auch das Reiseverhalten an Pfingsten dafür sorgen wird, dass die Inzidenzraten wieder steigen. Dabei besteht nicht nur die Gefahr, dass aus dem Urlaub Covid-19 zurück nach Stuttgart gebracht wird, sondern auch, dass darunter besorgniserregende Virusvarianten sind. Das macht mir Sorgen. Meine dringende Bitte an die Menschen ist deshalb, möglichst noch nicht zu verreisen.
Die erreichten Impfquoten dämpfen das Infektionsgeschehen noch nicht?
Beim Impfen brauchen wir dringend mehr Tempo. Die erreichte Quote hat sicherlich einen förderlichen Effekt. Wir haben aber noch immer nicht den Stand erreicht, dass dank der einen Maßnahme, also durch das Impfen, alle anderen unwichtig sind.
Es wird in Stuttgart viel geimpft, aber nicht unbedingt die Stuttgarter selbst.
Das liegt vermutlich daran, dass die Terminbuchungen zentral laufen, unabhängig vom Wohnort. Zunächst einmal ist zu sagen, dass es in Ordnung ist, dass sich Leute auch von außerhalb bei uns impfen lassen. Wir sind keine Insel. Dass die Quote der Leute, die von außerhalb hier geimpft werden, sehr hoch ist, liegt vermutlich daran, dass Stuttgart gut angebunden ist und gut erreichbar aus der Region. Aber die Impfquote muss rasch gesteigert werden. Erst wenn wir eine Durchimpfungsrate von 70 bis 80 Prozent erreichen, können die anderen Maßnahmen, unter denen wir alle leiden, deutlich reduziert werden.
Spielt die Industriestruktur eine Rolle für die hohen Inzidenzen?
Wir sind während der gesamten Pandemie in regelmäßigem Austausch mit den Stuttgarter Betriebsmedizinern. Diese gehen nach ihren Erfahrungen nicht davon aus, dass die großen Unternehmen von Ausbrüchen und Infektionen besonders betroffen sind. Es gibt dort gute Hygienekonzepte, es wird getestet. Wir können das bestätigen. Gleichwohl spielen die Verhältnisse am Arbeitsplatz eine Rolle. Es ist natürlich etwas anderes, ob ich alleine im Homeoffice sitze oder während der Arbeit mit vielen anderen in Kontakt bin.
Ist es bedeutend fürs Impfen, wenn in einer Stadt viele Menschen in prekären Verhältnissen leben?
Nimmt man zum Vergleich Unistädte wie Freiburg oder Heidelberg, kann man sagen: Da gibt es mehr Homeoffice-Möglichkeiten, die sozialen Lagen sind anders, die Wohnverhältnisse auch. Wenn ich große Unikliniken habe, wo die Beschäftigten früher impfberechtigt waren und das Krankheitsverständnis von Berufs wegen groß ist, sind auch die Durchimpfungsraten und der Schutz höher.
Das Land will Kreise mit hoher Inzidenz und geringer Impfquote mit mehr Impfstoff versorgen. Auch Stuttgart?
Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir als Landeshauptstadt mit unserer besonderen Lage auch besonders berücksichtigt werden würden. Es gibt aus meiner Sicht einige gute Argumente, dass wir prioritär mit Impfstoff versorgt werden.