Stuttgarter Gospelforum Die wundersame Vermehrung der Mitglieder

Seit mehr als 30 Jahren Leiter des Gospelforums: Chefpastor Peter Wenz Foto: Gospelforum Stuttgart

Masseneintritte kurz vor einer wichtigen Wahl – das kannte man bisher von Parteien. Beim Trägerverein des Stuttgarter Gospelforums hat der Chef Peter Wenz auf diese Art einen Machtkampf gewonnen. Auf Dauer?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Mit politischen Parteien würde sich das Stuttgarter Gospelforum vermutlich nicht vergleichen. Doch neuerdings gibt es eine verblüffende Parallele zu der großen Freikirche. Immer wieder kam es – zum Beispiel bei der CDU – kurz vor spannenden Wahlen zu einem Masseneintritt von neuen Mitgliedern. Dahinter steckte das Kalkül, seinem Favoriten etwa bei der Nominierung als Parlamentskandidat zum Sieg zu verhelfen. Mal klappte das besser, mal schlechter. Meist indes gab es böses Blut wegen des trickreichen, aber rechtlich wohl zulässigen Vorgehens.

 

Auch beim Gospelforum grummelt es noch immer wegen einer Wahl, die ganz ähnlich ablief. Im Dezember 2018 sollte der langjährige Chefpastor und Vorsitzende des Trägervereins, Peter Wenz, nach internen Turbulenzen für eine Art Denkpause abgewählt werden. Doch der keineswegs aussichtslose Versuch seiner Kritiker lief überraschend ins Leere: Vor der entscheidenden Vereinsversammlung waren derart viele Anhänger von Wenz neu als Mitglieder aufgenommen worden, dass das „Minderheitenvotum“ scheiterte. Der 60 Jahre alte Gemeindeleiter wurde bestätigt. Anstelle der zurückgetretenen kritischen Vorstandskollegen bekam er loyale Unterstützer an die Seite gestellt. Die Verlierer verließen empört den Saal, manche inzwischen auch den Verein und die Gemeinde. Wenz versucht seither, die Wogen mit versöhnlichen Signalen zu glätten. Der Putsch gegen ihn scheint jedenfalls überstanden.

Unmut über die Verschiebung der Mehrheiten

Doch der Sieg könnte ein Nachspiel haben. Gleich vor Weihnachten wurde die Vorstandsänderung beim für das Vereinsregister zuständigen Amtsgericht Stuttgart angemeldet. Eingetragen sei sie noch nicht, die Sache werde zurzeit bearbeitet, hieß es von dort zuletzt. Einzelheiten zum konkreten Fall könne man nicht mitteilen. Allgemein prüfe das Gericht stets die vorgelegten Urkunden. Gebe es Zweifel an der Wirksamkeit einer Vorstandswahl, gehe man diesen nach. Und solche Zweifel, hört man, sollen an das Gericht herangetragen worden sein. Verwundern würde es nicht, schon angesichts des Konstrukts des Trägervereins, der die organisatorische Basis des Gospelforums darstellt. Nur ein Bruchteil der insgesamt etwa 3700 Gemeindemitglieder ist auch dort Mitglied. Vor der Massenaufahme waren es etwa 150 – danach 270; die etwa 90 Wenz-Kritiker gerieten so ins Hintertreffen. Diese „Verschiebung der Mehrheiten“ sei „sicher nicht für alle in gleicher Weise nachvollziehbar“, hieß es in einer Rundmail des Vorstands. Sie sei jedoch die „letzte Möglichkeit“ gewesen, um die Gemeinde und ihre Leitung „vor dauerhaftem Schaden zu bewahren“. Die Wenz-Kritiker hätten den Kurs schließlich neu justieren wollen, mit einer „Entfernung vom biblischen Fundament“; das könne man nicht zulassen. Man fühle sich „belogen und ausgetrickst“, hieß es umgekehrt aus deren Reihen. Doch Wenz sieht sich nicht nur von Gott eingesetzt, sondern auch nach irdischem Recht gewappnet. Viele Gemeindemitglieder hätten von sich aus den Wunsch geäußert, im Trägerverein demokratisch mitbestimmen zu dürfen. Angesichts der „Fülle der Anträge“ habe man bei einem spezialisierten Anwalt ein Gutachten eingeholt. Dessen „eindeutiges“ Ergebnis: in der fraglichen Phase, als die drei Vorstände bereits zurückgetreten waren, durften neue Mitglieder aufgenommen werden. Darin hätten ihn auch „zahlreiche Pastoren und Berater von außen“ bestärkt, sagt Wenz. Er selbst habe sich freiwillig verpflichtet, „keine neuen Mitglieder zu werben“. Kritiker meinen sich zwar an eine Zusage des alten Vorstands zu erinnern, die Aufnahme zunächst zu stoppen; leider sei das nie schriftlich fixiert worden.

Ein Anwalt segnet das Vorgehen ab

Vereinsintern sei die Wahl weder angefochten worden, noch habe jemand dies angekündigt, sagt Wenz. Dass sich die Eintragung beim Amtsgericht hinziehe, müsse an dem Stau tausender Vereinsangelegenheiten vom Jahresende liegen. Nach einer gewissen Zeit ist es ohnehin zu spät, noch gegen die Wahl vorzugehen; etwaige Einsprüche gelten dann als verwirkt,

In der Politik ist die wundersame Mitgliedervermehrung, wie es scheint, übrigens wieder etwas aus der Mode gekommen. Der Preis für den kurzfristigen Erfolg, meinen Parteistrategen, sei zu hoch: viele der Neuen gingen bald wieder, aber der Ärger halte lange an.

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