Stuttgarter Hauptbahnhof Der Letzte presst den Saft aus – warum das „Minmin“ bleiben darf

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Seit einem halben Jahr sind die Geschäfte im Bonatzbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs geschlossen. Alle Geschäfte? Nein, ein einziger Saftladen hält die Stellung. Wir erklären, warum das Minmin bleiben darf.

Gastronom Huong-Tien Do betreibt seit fünf Jahren das „Minmin“ im Stuttgarter Bonatzbau. Foto: Jonas Schöll/StZN 9 Bilder
Gastronom Huong-Tien Do betreibt seit fünf Jahren das „Minmin“ im Stuttgarter Bonatzbau. Foto: Jonas Schöll/StZN

Stuttgart - Pyramiden aus Orangen, Ananasköpfen und Kiwis türmen sich hinter den hell erleuchteten Scheiben des kleinen Saftladens im Stuttgarter Bonatzbau. Fast wie eine exotische Insel wirkt das „Minmin“ inmitten der großen, zugigen Bahnhofshalle, die in den kommenden Jahren für das Bahnprojekt Stuttgart 21 komplett umgebaut wird. Die Kneipe nebenan mit dem Namen „Zapfhahn“ ist längst trockengefallen, vom Schlemmer-Grill zeugt heute nur noch ein Schmutzrand an der Wand. Auch die anderen Lokalitäten ringsum sind seit einem halben Jahr geschlossen. Übrig geblieben ist nur noch der kleine Fruchtladen, an dem Reisende mit ihren Rollkoffern hastig vorbeihuschen. Hin und wieder bleibt jemand stehen – angezogen von den Würfeln aus Melonen, Erdbeeren und Mangos, die sich in den Schälchen zu Vitaminbergen stapeln.

„Wir gehen als letztes Geschäft im Bonatzbau in die Geschichte ein. Das macht uns natürlich stolz“, sagt Minmin-Chef Huong-Tien Do, der hinter der Theke jeden Kunden mit einem Lächeln begrüßt. Viele Stuttgarter fragen sich, warum das Geschäft als einziges seine Smoothies und Fruchtbecher noch in der leer gefegten Bahnhofsgeisterhalle verkaufen darf. „Wir sind sehr flexibel mit dem Rückbau. Das ist der Grund, warum wir noch hier sein können“, erklärt der 44 Jahre alte Gastronom. „Innerhalb von 24 Stunden können wir unsere Stecker ausstöpseln und die Geräte zurückbauen.“ S21-Sprecher Jörg Hamann bestätigt: „Der Vitamin-C-Shop in der Kopfbahnsteighalle ist bisher aufgrund der besonderen Lage nicht von den Bauarbeiten im Bonatzbau betroffen.“ Der Betrieb sei voraussichtlich bis Ende März diesen Jahres möglich.

Eine letzte Runde Saft im Bonatzbau

Die Mitarbeiter könnten im Fall der Fälle in anderen Geschäften eingesetzt werden, sagt Do. In Stuttgart betreiben der gebürtige Vietnamese und seine Frau Jenny Linh noch weitere Filialen, etwa an Gleis 1 des Hauptbahnhofs, am Bahnhof in Feuerbach und in der Königstraße 4. Dort wird auf knapp 40 Quadratmetern gekocht: Es gibt rohen Fisch in Sashimi-Qualität, Reis, kunterbunte Toppings in allen erdenklichen Variationen und würzige Marinaden, alles à la minute und mit wenig Öl zubereitet. Im Bonatzbau zaubern die Mitarbeiter sekundenschnell Fruchtbecher und Smoothies wie den „Fit to Go“ mit Minze, Limette und Wassermelone oder den „Frutastic“ aus Erdbeeren, Orangen und Mango.

Eine letzte Runde Saft also im historischen Bahnhofsgebäude von Paul Bonatz, ehe es sich vollends in eine weitere S21-Großbaustelle verwandelt. „Sichtbar sind bisher vor allem die Rückbauarbeiten an den Pavillons und Geschäften in der Kopfbahnsteighalle, die seit Anfang des Jahres nach und nach abgebaut und aus der Halle transportiert werden“, berichtet S21-Sprecher Hamann. „Sämtliche Zugänge und Öffnungen zur Kopfbahnsteighalle und zur großen Schalterhalle werden derzeit verschlossen, um die Reisenden im Bonatzbau vor Lärm und Staubemissionen zu schützen.“

S21-Baustelle wirkt sich auf den Umsatz aus

Huong-Tien Do schrecken die Arbeiten nicht ab. Er ist Gastronom mit Leib und Seele: Wenn er über sein Geschäft spricht, sagt er ganz oft das Wort „Vitamine“. Als politisch Verfolgter war er im Jahr 1985 aus seinem Heimatland Vietnam nach Deutschland geflüchtet. Über Stationen in Sigmaringen und Tübingen zog es ihn schnell in die Landeshauptstadt, in die er sich sofort verliebte. „Stuttgart ist meine Heimat geworden“, sagt Do. „Heute werde ich eher in Vietnam als Ausländer wahrgenommen.“ Nach einer Ausbildung bei Bosch zog es ihn in die Selbstständigkeit. „Es war die Liebe zur Gastronomie. Wir sind Quereinsteiger.“

Diese Liebe wird gerade auf eine große Beziehungsprobe gestellt. Denn die Bauarbeiten wirken sich auf das Geschäft mit den Vitaminen aus, das Do nun seit mittlerweile fünf Jahren im Bonatzbau führt. „Wir merken, dass der Umsatz zurückgeht“, sagt der 44-Jährige. Die meisten Reisenden, die mit dem Zug in Stuttgart ankommen, steuerten den Bonatzbau erst gar nicht an. Sie versorgen sich an den kürzlich an Gleis 1 eingerichteten Containerläden. Hauptsächlich die Stammkunden kommen noch: „Weil nur noch wir hier sind, leben wir von den Gästen, die uns kennen.“ Wenn sich einige Menschen in der Bahnhofsbaustelle verirrten, gibt es neben Vitaminen im Minmin auch noch einen weiteren Service: „Wir geben Reisenden gerne Auskunft“, sagt Do. Manchmal nehmen sie sich auch noch einen Smoothie mit.

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