Stuttgarter Hauptstraßen Laut, dreckig – arm?

An der Pragstraße ist es so schlimm, dass die Stadt sogar Wohnhäuser abreißen lässt. Foto: Archiv/Montage:Scholz

Wer in erster Reihe an Stuttgarts verkehrsreichsten Straßen wohnt, hat mit Lärm und Abgasen zu kämpfen. Und mit Geldsorgen? Eindrücke vom Leben an der Bundesstraße.

Feuerbach ist ein attraktiver Stadtbezirk mit schönen Ecken und Wohnlagen wie dem Lemberg, der Hohen Warte oder am Hattenbühl. Doch es gibt auch Flecken, an denen man lieber mit dem Auto vorbeibraust. Zum Beispiel die Bundesstraße 295. Überraschung: Manche Menschen leben sogar dort. Sind die lauten Hauptstraßen ein Wohnort derer, die sich keine akzeptable Wohnlage leisten könnten?

 

Unser Projekt Einkommensatlas mit seinen Schätzungen zum Einkommen der Bewohner kann die Frage ebenso beantworten wie ein Besuch vor Ort. Zunächst die Daten, die wir auf einer Stuttgartkarte visualisiert haben: Fährt man die großen Bundesstraßen im Stadtgebiet darauf virtuell ab, säumen blaue und grüne Punkte die Route, also Haushalte mit unterdurchschnittlichen Einkommen. Ganz exakt lässt sich nicht bestimmen, wer mit Fenster zur Hauptstraße wohnt, weil die Daten nur auf Ebene der Siedlungsblöcke vorliegen. Deshalb tauchen auch rote Punkte von Gutverdienern mit mehr als 5000 Euro Haushaltsnetto auf – beispielsweise in Feuerbach auffälligerweise da, wo die B 295 im Tunnel verschwindet.

Da, wo die Bundesstraße oberirdisch verläuft, wohnt Helmut Schneider (Name von der Redaktion geändert) mit seiner Frau und zwei Kindern. Einige Zimmer seiner überschaubaren 75-Quadratmeter-Wohnung liegen direkt an der viel befahrenen B 295. Ein Fenster wird deshalb hier tagsüber eher selten geöffnet. Es ist zu laut. Der Lärm kommt aber nicht nur von den Motoren der Autos und Lkw, sondern auch vom nahe gelegenen Feuerbacher Bahnhof und den vielen Baumaßnahmen.

Feuerbach ist kein armer Stadtbezirk

Grundsätzlich fühlt sich Schneider im Stadtbezirk wohl – wenn er nicht zu viel Zeit zuhause verbringen muss. Immer wieder schaut er sich nach alternativen Wohnflächen um, aber etwas für vier Personen zu finden, ist schwierig oder zu teuer. Alles über 800 Euro an Warmmiete ist derzeit für die Familie nicht bezahlbar. Es gibt nur ein Gehalt. Und als Staplerfahrer verdient Helmut Schneider nicht die Welt. Schon jetzt ist es Luxus, einmal im Jahr für ein paar Tage auf einen Campingplatz zu fahren, um Urlaub zu machen. Dass Helmut seiner Familie nicht mehr bieten kann, ist ihm peinlich. Deshalb möchte er auch anonym bleiben.

Knapp 1400 Haushalte sind in dem Stadtteil „Bahnhof Feuerbach“ registriert, in dem Familie Schneider lebt. 62,1 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Migrationshintergrund (Stand Ende 2022) und 40,7 Prozent haben laut dem städtischen Sozialmonitoring keinen deutschen Pass. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp 10 Prozent – fast doppelt so viel wie im Stuttgartschnitt. Noch eine Zahl: laut der Einkommensatlas-Daten von infas360 müssen in diesem Stadtteil mehr als 30 Prozent der Haushalte mit weniger als 1500 Euro netto auskommen.

Blöcke mit vielen Geringverdienern

Dass es direkt an den großen Straßen so unattraktiv ist, hat vor allem mit dem hohen Verkehrsaufkommen zu tun. An der Pragstraße ist es so hoch, dass Wohnhäuser abgerissen werden. Am Neckartor, der Kreuzung mit Stuttgarts schlechtester Luft, gibt es zwei ganze Wohnblöcke mit Geringverdienern, was freilich auch mit dem dortigen Studierendenwohnheim zu tun hat. Allerdings finden sich entlang von B 14, B 27 und anderen Hauptstraßen weitere ähnliche Blöcke mit sehr vielen Geringverdienern, etwa an der Sophienstraße, bei der Löwentor- oder Paulinenbrücke.

Die Feuerbacherinnen und Feuerbacher warten seit Jahren auf ein entlastendes Verkehrskonzept – beziehungsweise dessen Umsetzung. Nach dem Ausbau der Heilbronner Straße und dem Umbau der Borsigstraße sollte die Verlegung der B 295 angegangen werden. „Die Planung ruht allerdings seit zehn Jahren“, sagte Stephan Oehler, der Leiter Abteilung Verkehrsplanung und Stadtgestaltung beim Amt für Stadtplanung und Wohnen unserer Zeitung im Jahr 2020. Der Bereich rund um den Feuerbacher Bahnhof war damals noch blockiert – durch die Arbeiten der Deutschen Bahn und das Projekt Stuttgart 21, das immer noch nicht abgeschlossen ist.

Wann wird Feuerbach entlastet?

Dennoch wollte Oehler die Planungen schnellstmöglich wieder aufnehmen und aktualisieren: „Wir wollen die Untersuchungen noch 2020 vergeben und ein Jahr später mit den Ergebnissen dann in die Gremien.“ Doch der Zeitplan war nicht zu halten. „Die Untersuchung läuft noch. Wenn alle Ergebnisse da sind, werden wir sie vorstellen. Das wird hoffentlich noch in diesem Jahr sein“, sagt Oehler nun.

Dann wird auch klar sein, was die Verkehrszählungen an neuen Erkenntnissen hervorgebracht haben. Auch das ist eine Datenfrage: die letzte Analyse stammt aus dem Jahr 2007 – die letzte Prognose für 2020, aus dem Jahr 2012. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Verlegung der B 295 eigentlich schon passiert sein sollen. Das erinnert an die Pläne zur Umgestaltung der B 14, die in der Innenstadt den Anwohnerinnen und Anwohnern das Leben unangenehm macht.

Nur weg von der Bundesstraße

Für Feuerbach sieht das Konzept bislang vor, die B 295 im östlichen Bereich des Stadtbezirks zu bündeln und dadurch das westlich des Bahnhofs liegende Quartier von Verkehr zu entlasten. „Dabei soll die B 295 aus der Bludenzer Straße herausgenommen und der Verkehr auf vorhandenen Hauptachsen (Steiermärker Straße/Siemensstraße/Borsigstraße) konzentriert werden“, heißt es in einer Vorlage an den Gemeinderat. Zudem soll in der Tunnelstraße einer von zwei Fahrstreifen entfallen und der Verkehr auf insgesamt vier Spuren durch den Bahndurchlass am Wiener Platz gelenkt werden. Eine Spur führt dann den Verkehr auf der Borsig- in Richtung Heilbronner Straße. Die andere Spur lenkte die Fahrzeuge rechts auf die Siemensstraße, die dann an der Einmündung zur Tunnelstraße zweispurig wird.

Ob diese Entlastung für Helmut Schneider noch rechtzeitig kommt? Er glaubt nicht mehr daran. „Ich wohne hier schon seit zig Jahren. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass das noch einmal was wird.“ Die Deutsche Bahn und die Stadt seien bei der Umsetzung der Projekte einfach zu langsam. Zudem möchte er nicht noch mehr Baustellen vor der Türe haben, wenn irgendwann das neue Konzept umgesetzt wird.

Die Anwohner müssen weiter warten, in Feuerbach oder in der Stadtmitte. Also durchforstet Helmut Schneider weiter die Wohnungsanzeigen, in der Hoffnung, etwas Passendes in Feuerbach zu finden – am besten weit weg von einer Bundesstraße.

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