Stuttgarter Hegel-Preis verliehen Von Hebel zu Hegel und zurück

Von Rolf Spinnler 

Der Frankfurter Rechtshistoriker Michael Stolleis hat den Stuttgarter Hegel-Preis erhalten

Michael Stolleis und  OB Kuhn Foto: LG
Michael Stolleis und OB Kuhn Foto: LG

Stuttgart - Einen der „fruchtbarsten und scharfsinnigsten Rechtsdenker der Gegenwart“ nennt die Jury des Hegelpreises - vier Fachjuroren sowie Vertretern des Stuttgarter Gemeinderats – ihren diesjährigen Preisträger: den Frankfurter Rechtshistoriker Michael Stolleis, der ihn am Montagabend im Stuttgarter Rathaus aus den Händen von Oberbürgermeister Fritz Kuhn entgegennehmen konnte.

Michael Stolleis, 1941 in Ludwigshafen geboren, habilitierte 1973 an der Uni München mit der Studie „Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen Recht. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland“, die zwischen 1988 und 2012 erschienen ist, den Zeitraum von 1600 bis 1990 abdeckt und inzwischen als Standardwerk gilt.

In seinen Arbeiten zeige sich ein souveräner „Überblick über die ideengeschichtliche, politische und gesellschaftliche Verwobenheit der Rechtsnormen und Rechtstexte“, begründeten die Juroren ihre Entscheidung weiter. Mit der detailgenauen Verschränkung von Wissenschaftsgeschichte, Geistesgeschichte, Rechtsgeschichte und politischer Geschichte habe Stolleis Maßstäbe gesetzt und damit zugleich neue Horizonte zu einem tieferen Verständnis auch der Rechtskultur der Gegenwart eröffnet.

Ein alter Freund würdigt den Weggefährten

Brauchen wir überhaupt Preise für Wissenschaftler? Ja, meinte Oberbürgermeister Fritz Kuhn, denn eine Auszeichnung für ein wissenschaftliches Gesamtwerk wie eben der Hegel-Preis sei der Maxime „Erst denken, dann reden“ verpflichtet und damit eine dringend notwendige „Antwort auf oberflächliches Daherreden“, wie es heute nur allzu oft vorkomme.

Der seit 1970 alle drei Jahre von der Stadt Stuttgart verliehene, mit 12 000 Euro dotierte Preis soll an den 1770 in Stuttgart geborenen und 1831 in Berlin gestorbenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich erinnern. Dessen Werk gilt als schwierig. Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, ein alter Freund Stolleis, der die Laudatio übernommen hatte, machte die Schwerverständlichkeit Hegels zum Ausgangspunkt seiner Rede. Und wich ihr zunächst mit einem eleganten Schlenker aus, indem er eine bekannte Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel ins Spiel brachte. Sie handelt von einem Handwerksburschen aus Württemberg, den es in die Weltstadt Amsterdam verschlagen hat. Dort bekommt er auf seine Fragen stets die Antwort, „Kannitverstan“. Aber indem er, so Kleins Pointe, zunächst alles falsch versteht, versteht er am Ende doch etwas richtig: er macht die Erfahrung von der Unbeständigkeit aller irdischen Dinge.

Kühne Wendung

Genau diese Denkbewegung vollzieht auch die Dialektik Hegels, die immer wieder zeigt, dass man zur Wahrheit nie direkt, sondern nur durch den Irrtum hindurch gelangt. In einer kühnen Wendung versuchte Klein diese Einsicht für die Arbeiten des Rechtshistorikers Michael Stolleis fruchtbar zu machen. Die zeigten uns nämlich das Recht nicht in seinem dogmatischen Endzustand, sondern im Prozess seines Werdens und Vergehens.

Auch der Preisträger gab in seiner Dankesrede zu, kein Hegelianer zu sein. Er gehöre vielmehr zu der sogenannten „skeptischen Generation“, die in den 1950er Jahren aufgewachsen sei und es eher mit der individualistischen Aufklärung von Lessing, Lichtenberg und Kant als mit der Rechtsphilosophie Hegels gehalten habe. Seine Leitsterne, so Stolleis, seien die Sprachphilosophie des späten Ludwig Wittgenstein und der Rechtspositivismus von Hans Kelsen gewesen, also „kühle, klare Getränke, nichts Berauschendes“. Seine Herangehensweise an die Rechtsgeschichte sei von Wittgensteins These inspiriert, die Bedeutung eines Worts zeige sich in seinem Gebrauch, frage also danach, wie Recht unter den jeweils gegebenen sozialen Bedingungen funktioniere.