Stuttgarter Immobilien-Forum e. V. Kann denn Ethik Sünde sein?

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Immobilienexperten diskutierten über Ethik und Anstand in der Wohnwirtschaft.

Stuttgart - Ohne soziale Komponente wird die Immobilienwirtschaft keine nachhaltige Rendite erzielen. Darin waren sich alle einig, die auf Einladung des Stuttgarter Immobilien-Forums e. V. in den Scharnhauser Park gekommen waren. "Kann sich die Immobilienwirtschaft ethische Grundsätze noch leisten?" So las sich dann auch schon recht provokant die Einladung zu der Veranstaltung, die jetzt zum zweiten Mal stattfand.

"Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, sich Ethik nicht leisten zu können", warf dann auch gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion unter Leitung des ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsministers Dr. Walter Döring Professor Daniel F. Pinnow in den Raum.

Verantwortung der Führungskraft

In letzter Konsequenz sei die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine Führungskrise, weil sich viele vom schnellen Erfolg hätten blenden lassen, ohne weiterzudenken, dass es auch um Nachhaltigkeit gehe, sagte der Geschäftsführer der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft GmbH in Überlingen. Pinnow: "Als Führungskraft habe ich Verantwortung für Unternehmen, die Menschen und natürlich auch für die Umwelt." Das sei in den letzten Jahren aber beim einen oder anderen aus dem Fokus geraten. Dabei sei die Thematik so alt wie das Leben. Es gehe immer darum, was ist gutes und was ist schlechtes Handeln. In Krisenzeiten tendierten die Menschen wieder zu den alten Werten. Allerdings fehle vielen der Mut, Entscheidungen zu treffen. "Es gibt keine hundert Prozent richtige Entscheidung", warf der Professor in die Runde. Führungskräfte müssten aber damit umgehen können und auch erkennen, dass zum Führen Demut und Dienen gehöre. Denn schließlich sei alles vergänglich.

Für Rolf Glessing, Chief Financial Officer der Gagfah Group, "ist die Gier des Shareholder-Value" der Kernpunkt des Problems. Gerade internationale Investoren hätten in der Vergangenheit gigantische Renditeerwartungen gehabt. Umso mehr müsse sich die Immobilienwirtschaft jetzt eine soziale Komponente leisten. "Sonst gibt es keine nachhaltige Rendite, und der Schuss geht nach hinten los", ist sich Glessing sicher. Dazu gehöre auch, Renditen nicht auf Kosten der Mieter zu erzielen. Zufriedene Mieter, die andere Mieter werben, und eine geringe Fluktuation in den Beständen seien hierbei die besten Voraussetzungen. Das gelinge aber nur, wenn man nicht nur in die Bestände investiert, sondern sich auch um die Infrastruktur im Umfeld kümmert.

Rechtsanwalt Dr. Karl Alfred Storz aus Stuttgart befürchtet indes eine Alibidiskussion über Ethik. Sein Rezept: "Man muss sich einfach anständig verhalten." Für den auf Zwangsversteigerungen spezialisierten Anwalt entbehre es zum Beispiel bei Zwangsversteigerungen jeder Ethik, wenn Anwälte ihre Mandanten - ob Gläubiger, Schuldner oder Interessenten - nur still begleiten. Eine aktive Mandantschaft bedeute immer auch Kampf, aber am Ende zahle sich Anstand auch wirtschaftlich aus. Storz, der regelmäßig Seminare über Zwangsversteigerungen hält, kennt seine Pappenheimer ganz genau. So sei es durchaus keine Seltenheit, wenn bei Zwangsversteigerungen die Schuldner mögliche Interessenten nicht in die Wohnung ließen oder mit anderen Tricks versuchten, die drohende Vollstreckung zu verhindern. Für den Anwalt sind dies verständliche menschliche Züge. Dennoch gelte es auch hier Grenzen des Anstandes einzuhalten.

Rückbesinnung auf Werte wie Ethik und Moral

Für jemanden, der nur mit Suizid drohe, um die Zwangsvollstreckung zu verhindern, habe er kein Verständnis mehr. Leider sei diese Praxis immer mehr verbreitet, da die Schuldner und ihre Anwälte wüssten, dass sie damit die Zwangsvollstreckung aufschieben können. Professor Pinnow sieht in Zeiten von Krisen eine gewisse Rückbesinnung auf Werte wie Ethik und Moral. "Dahinter stehen aber auch Gewissensfragen, die sich beim einen lauter und beim anderen leiser zeigen", ist sich der Professor sicher. Gerade in Krisenzeiten würde man wieder verstärkt Halt suchen. Das sehe man auch an dem starken Zulauf spiritueller Gemeinschaften.

Bei der Essener Gagfah Group, die bundesweit rund 170 000 Wohneinheiten unterhält, wurde 2004 bei der Übernahme einiger Wohneinheiten eine Sozialcharta unterzeichnet, "die im ganzen Unternehmen ,Gesetz' ist", betont deren Chief Financial Officer. Man müsse die Rahmenbedingungen schon deshalb verbindlich fassen, da sonst die mittelfristigen Ziele auch vergessen würden. Außerdem holen in der heutigen Zeit viele handelnde Manager ihre eigenen Entscheidungen ein. Glessing: "Irgendwann kommt auch die Gier wieder durch." Deshalb sei es besonders wichtig, sich auf Werte zu besinnen. Auch Professor Pinnow sieht zwischen Ethik, Moral und Profit in der Immobilienbranche keinen Widerspruch. Nur wer sich anständig verhalte, werde langfristig noch akzeptable Renditen erwirtschaften.

Auch Fairness bei Mitarbeitern wie den Kunden sei wichtig, ergänzt Rolf Glessing und nimmt die Vorgesetzten in die Pflicht. Die müssten das Ganze natürlich auch vorleben. Ob anständiges Verhalten überhaupt ausreiche, so die Zwischenfrage von Walter Döring. "Wenn die Leute wissen würden, was das heißt", so Karl Alfred Storz und kommt auf den Verfall der Werte in den letzten 50 Jahren zu sprechen. Früher sei ein Vertrag noch ein Vertrag gewesen, an den man sich gehalten hat. Heute muss man zig Ausnahmeregeln schaffen, weil bei Vertragsabschluss irgendjemand sich übervorteilt fühlte. Der Rechtsanwalt führt das darauf zurück, dass den Menschen heute Orientierung fehlt.

Welche Rolle haben denn die Banken, wollte jemand aus dem Plenum wissen? Für Karl Alfred Storz ist es das Schlimmste, wenn es den Banken selbst schlecht geht. Das liege aber vor allem auch daran, dass die Entscheidungsbereitschaft nachgelassen habe. "Geht heute ein Kredit kaputt, wird sofort nach einem Schuldigen gesucht." Früher seien viel mehr Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen worden, und die seien nicht die schlechtesten gewesen, ergänzt Professor Pinnow.

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