Stuttgarter Indie-Band Tanz den Hummer! Atomic Lobster erfinden den Trip-Hop neu
Der Stuttgarter Band Atomic Lobster gelingt eine perfekte Mischung aus Nostalgie und experimentellen Sounds.
Der Stuttgarter Band Atomic Lobster gelingt eine perfekte Mischung aus Nostalgie und experimentellen Sounds.
Mal in sich gekehrt den Raum mit Melancholie füllend, mal erbarmungslos die Hooks schmetternd entführen Atomic Lobster das Publikum in die Sphären ihres vielschichtigen Sounds. In sportiven Retro-Outfits schließt das Trio seine erste Tournee zu dem Debütalbum „Claws“ im Stuttgarter Merlin ab. Willkommen zu Hause!
Ihre Geschichten entfalten Ella Estrella Tischa, Daniel Herrmann und Armando Bleher entlang verschobener Rhythmen, düsterer Vocals und trauriger Moll-Akkorde. Musikalisch unterschiedlich geprägt, bringen alle drei eine eigene Note in das komplexe Klangkonstrukt der Musik der Band ein. So zeigt sich Tischas Faible für Trip-Hop im psychedelisch anmutenden „Painless“, während Herrmann seine Basslinien aus dem Indie- und Postpunk-Fundus von Bands wie Interpol holt, und Blehers Schlagzeugspiel hört man die Herkunft vom Metal und Progressive Rock an. Einigen kann sich das Trio aber zum Beispiel auf Radiohead, PJ Harvey oder Trixie Whitley. Letztere haben Atomic Lobster mal nach einem Konzert in München in ein Gespräch unter Musikern verwickelt: „Was will ich auf der Bühne, wenn sie existiert?“, habe sich Tischa nach Whitleys Performance gefragt, erzählt die 30-Jährige lachend.
Tischa wirkt am Mikrofon verträumt, etwa wenn die Band Whitleys finsteres „The Garden“ covert. Es ist jene geheimnisvolle Ausstrahlung und ihr einprägsames Stimmspektrum à la Björk, die Tischas Bühnenpräsenz auszeichnen – und durchaus mit der ihres Vorbilds mithalten können. „Diese Energie, die auf der Bühne entsteht, ist für mich die Essenz von allem.“, sagt Bleher. Die Gruppe sind die Live-Auftritte am wichtigsten: Songs schreiben sie, um sie auf die Bühne zu bringen. Und das merkt man. Ihre erste Tour zwischen Mai und Juli finanzierten und planten die Freunde selbst. Trotz des geringen Werbebudgets hätten meist 50 bis 70 Personen in die deutschlandweiten Spielstätten gefunden– sogar im kleinen Memmingen, wo die Band keinerlei Kontakte hat.
Die Wege der drei kreuzten sich bereits früh in der Stuttgarter und Schorndorfer Musikszene. Tischa, die als Tochter von Zam Helga und Tine Raetzer in einem Musikerhaushalt aufwächst, beginnt ab 13 Jahren eigene musikalische Versuche in verschiedenen Bandkonstellationen. Seit 2012 und „Band-Projekt drei“ gemeinsam mit Daniel Herrmann, der schon als Kind im Chor singt und sich später die E-Gitarre aneignet. Auf Konzerten lernen die beiden Armando Bleher kennen. Der Schlagzeuger spielte mit der Nachwuchsband Frieder bereits als Support für Lenny Kravitz und Blumentopf. So ernst wie mit Atomic Lobster seit 2019 sei es ihm allerdings nie gewesen.
Auf ihren Bandnamen kommen sie spontan, nachdem sie sich mit der Theorie des kanadischen Psychologen Jordan Peterson auseinandersetzen. Teil von Petersons Darlegungen über gesellschaftliche Hierarchien sind Hummer (englisch: Lobster), die auch Herrmann, Tischa und Bleher faszinieren. „Wir finden die Tiere megainteressant. Lobster hören nicht auf zu wachsen und könnten unter den perfekten Gegebenheiten atomar groß werden.“, so Tischa. Humor beweisen Atomic Lobster nicht nur mit der Peterson-Parodie als Bandname, sondern auch mit ihrem Song „Romantic Contact“, in dem es um das Paarungsverhalten der Hummer geht.
Das im Mai veröffentlichte Debütalbum „Claws“ kennt aber auch ernstere Themen, setzt sich mit dem Zustand der Welt, mit dem gesellschaftlichen Klima der Unterdrückung auseinander. „Ich hätte nie gedacht, dass wir auch politische Songs machen würden, aber irgendwie hat man das Bedürfnis, die Kunst als Sprachrohr zu nutzen.“, so Tischa. Ihrer Wut auf das System verleiht sie im Refrain von „Every Step“ Luft: I won’t give in or back down“, ich werde nicht aufgeben oder zurückweichen, heißt es das in einem selbstbewussten Ton, der im Kontrast zu der zarten Melodie der Strophen steht.
In dem Album-Opener „Legacy“ erfindet Tischa in Begleitung roher Gitarrenriffs eine Heldin, die gegen das Patriarchat kämpft. Diese Figur ziert auch das Albumcover, das die befreundeten Nico Schützinger und Ludwig Rensch designt haben. „Wir nennen sie immer die Lobster-Lady“, sagt Herrmann. Als Hybrid aus Mensch und Hummer sei sie die perfekte Personifizierung eines Atomic Lobster. Im Verlauf des Albums, vollziehe die Ich-Person oder „Lobster-Lady“ eine Transformation bis zu dem sensiblen „I feel it all“.
Für die Zukunft wünschen sich die drei, dass sie ihre Freunde, die sie bei den Auftritten, Designs oder aufwendigen Musikvideo-Produktionen unterstützen, geldlich entlohnen können. Mehr Budget sei auch notwendig, um sich musikalisch weiterentwickeln zu können – „eben wie bei dem Lobster, der unter perfekten Bedingungen stetig wachsen kann“.
Atomic Lobster haben im Mai das Album „Claws“ veröffentlicht. Die nächsten Konzerte sind am 22. August beim Festival Live im Park in Fellbach, am 7. September in Shedhalle in Tübingen und am 8. November im Kohi in Karlsruhe geplant.