Herr Kosminski, auf der Bühne wird Moral verhandelt, und dahinter scheint es drunter und drüber zu gehen. Was ist da los?
Wir waren zum Teil wirklich geschockt und überrascht, was da ans Licht kam. Fehlverhalten und Missstände dieser Art sind nicht tolerierbar. Wir haben die Vorwürfe zum Anlass genommen und eine engmaschige Struktur von Anlaufstellen aufgebaut und breit ins Team kommuniziert. Jetzt wissen alle, wohin sie sich wenden können, wenn etwas nicht gut läuft: an mich, ans Sozialreferat der Staatstheater und an Themis, die unabhängige Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Theater- und Filmbranche. Zudem legen wir ab sofort den Verhaltenskodex des Bühnenvereins allen Verträgen bei. So schaffen wir bei Gastkünstlern und -künstlerinnen sowie unseren festen Kollegen und Kolleginnen ein Bewusstsein dafür, wie wir hier miteinander umgehen wollen.
Ist es auf Proben wirklich möglich, ausreichend achtsam zu sein?
Natürlich ist ein achtsamer und fairer Umgang miteinander möglich und notwendig. Allerdings kann es auf Proben im Eifer des Gefechts auch mal zu Verletzungen kommen. Das bringt die Fragilität des Berufs mit sich. Entscheidend ist, direkt das klärende Gespräch zu suchen. Diese Feedbackkultur gilt es noch stärker zu etablieren, so dass die Proben ein angstfreier Raum sein können.
Machtstrukturen abzuschaffen, mit mehr Mitbestimmung, ist kein Thema?
Dass das Ensemble den Spielplan bestimmt, das hatten wir in der Vergangenheit beim Mitbestimmungsmodell im Schauspiel Frankfurt und in der Schaubühne Berlin. Die Erfahrung hat gezeigt, das funktioniert nicht. Am Ende saßen die Schauspieler und Schauspielerinnen häufiger in Sitzungen als auf Proben. Darum kann es ja nicht gehen, das haben sie auch selbst kritisch gesehen. Bei uns arbeiten die Gewerke und die Abteilungen von der Kommunikation bis zur Dramaturgie höchst eigenständig. Ein Intendant kennt und moderiert die verschiedenen Prozesse im Haus. Theater ist ein kollektiver Prozess, an dem alle im Haus von den Gewerken bis zu den Schauspielern in einen Gleichklang kommen sollten.
Die Verantwortung haben Sie aber?
Ja klar, wenn wir lange diskutieren, muss irgendwann einer eine Entscheidung treffen. Doch die Zeiten, in denen ein Intendant von oben herunterregiert und noch die letzte Klorolle kontrolliert, sind vorbei. Ich denke auch, dass die Generalintendanz ein Auslaufmodell ist.
Warum?
Ich fand es schon immer fraglich, ob ein Mensch in Sparten Oper, Schauspiel und Ballett gleichzeitig ausreichend kompetent sein kann. Da ist unser Stuttgarter Modell mit drei künstlerischen und einer geschäftsführenden Intendanz zukunftsfähiger.
Abgesehen von den Machtfragen ringt Ihre Branche um mehr Vielfalt – in Sachen Sexualität ebenso wie in Sachen Nationalität.
Unser Ansatz ist eine internationale Ausrichtung im Schauspiel. Wir haben das Europa-Ensemble gegründet, engagieren immer wieder Schauspieler aus anderen Nationen und achten vor allem auch auf Mehrsprachigkeit in den Stücken auf der Bühne. Zudem arbeiten zahlreiche Regieteams aus ganz Europa bei uns. Für mehr Diversität muss aber auch mehr in kulturelle Bildung investiert werden, damit mehr Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sich für Kunst begeistern können. Und die Regie- und Schauspielschulen sind hier bei der Auswahl ihrer Studierenden gefragt. Wir bemühen uns auf jeden Fall schon seit Mannheimer Zeiten, junge Regiestimmen – und zwar männliche wie weibliche gleichermaßen – zu fördern.
Während Corona machten Schauspieler mit der Aktion #actout darauf aufmerksam, dass es an sexueller Diversität mangele, auch aus Ihrem Haus nahmen zwei Schauspieler teil.
Die „Süddeutsche Zeitung Magazin“-Aktion #actout von 185 Schauspielern und Schauspielerinnen war ein starkes Zeichen. Sogar international wurde darüber berichtet. Im Theaterkanon kommen queere Figuren tatsächlich kaum vor, hier hätte die Filmbranche sehr viel mehr Spielraum. Bei uns am Haus spielt die sexuelle Identität auf jeden Fall keine Rolle, wenn es um Engagements oder Rollen geht.
Warum steht in Sachen Machtmissbrauch die Kunst so im Fokus?
Zunächst mal kommen diese Probleme in allen Bereichen des (Arbeits-)Lebens vor, nicht nur im Theater. Dem Theater fehlten aber bislang in der Breite die richtigen Tools und die etablierten Strukturen, um Grenzüberschreitungen zu melden, zu bearbeiten und perspektivisch zu verhindern. Das passiert jetzt. Man muss aber auch sagen, dass man von den vielen Theatern, an denen es gut läuft, sehr viel weniger hört. Letztlich geht das Thema die ganze Gesellschaft an. Wir brauchen einen Dialog, wie wir miteinander arbeiten wollen – und wenn wir als Theater jetzt öffentlich sinnstiftende neue Leitbilder entwerfen, hat das hoffentlich positive Auswirkungen auch auf andere Bereiche.
Ändert sich das Theater nach Corona?
Ich bin selbst neugierig. Es sagen ja viele, der Hunger der Menschen aufs Theater sei groß. Ob wirklich alle wieder zurückkommen werden, bleibt abzuwarten. Jeder kommt anders aus der Pandemie heraus, hat vielleicht andere Prioritäten. Ich glaube aber nach wie vor, dass Kunst wichtig ist, auch eine heilende Kraft hat.
Burkhard C. Kosminski und das Schauspiel Stuttgart
Der Mann
Burkhard C. Kosminski wurde 1961 in Schwenningen geboren. Er ließ sich zum Schauspieler ausbilden und dann noch in New York zum Regisseur. Nach Off-Broadway-Erfolgen und mehreren Regiestationen wurde er 2006 Schauspielintendant in Mannheim, seit 2018 arbeitet er in gleicher Funktion in Stuttgart.
Die Premieren
Das Schauspielhaus Stuttgart spielt ab 12. Juni: Los geht es mit Buñuels „Würgeengel“. Achim Freyers „Don Juan“ feiert Premiere am 19. Juni. Die Uraufführung von „Untrue“ von Gernot Grünwald folgt am 25. Juni. Am 25. Juni ist auch die Spielplankonferenz: „Da veröffentlichen wir dann unser Programm für die kommende Spielzeit“, sagt Burkhard C. Kosminski. „Wir haben lange daran gebastelt, jetzt sollen die tollen Ideen endlich in die Welt hinaus.“