Stuttgarter IT-Firma Anydesk Ein Potenzial wie einst bei SAP?

Anydesk-Chef Philipp Weiser hat große Ambitionen. Foto: Anydesk
Anydesk-Chef Philipp Weiser hat große Ambitionen. Foto: Anydesk

Die Stuttgarter IT-Firma Anydesk ist mit dem Thema Fernwartung gestartet. Doch dank eines innovativen Programmierkonzepts will man auch in anderen Bereichen vom Megatrend der Computervernetzung profitieren – und ganz groß werden.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Fernwartung, das ist wohl einer der wenigen deutschen Begriffe, die in der IT-Welt heute noch üblich sind. Der Begriff beschreibt den Zugriff auf Computer aus der Distanz. Er verbindet die Computerwelt sozusagen mit klassischen deutschen Ingenieurtugenden. Und so kommt auch die wohl größte IT-Erfolgsgeschichte der Region aus den vergangenen Jahren aus diesem Bereich: das Göppinger Unternehmen Teamviewer, eine Firma mit inzwischen rund 1100 Arbeitsplätzen weltweit und einer Milliardenbewertung.

Chance für einen IT-Weltmarktführer?

Auch Philipp Weiser, Jahrgang 1983, Mitgründer und Chef des 2014 gegründeten Stuttgarter Unternehmens Anydesk, kommt von dort. Bis 2012 war er bei Teamviewer als Softwareentwickler tätig, bevor er dann in zweijähriger Arbeit die IT-Kernkomponente von Anydesk erarbeitet hat. Er zögert keine Sekunde auf die Frage, ob Anydesk nun die neue große Erfolgsstory der Region werden könnte, sozusagen das neue Teamviewer aus Stuttgart: „Ja, ich sehe ein riesiges Potenzial.“

Denn die weltweit bereits 300 Millionen Mal heruntergeladene Anydesk-Software soll erst der Anfang sein. Nächstes Jahr will man in den wegen der Corona-Pandemie boomenden Markt mit digitalen Kommunikationsplattformen etwa nach dem Muster der Programme Teams und Zoom einsteigen.

Mit seinem Fernwartungs-Tool verspricht Anydesk eine zehnfache Produktivitätssteigerung bei der Lösung von Computerproblemen. Und auch bei dem noch namenlosen, neuen Kommunikationswerkzeug will man etwa, was die Stabilität bei schlechten Datenverbindungen angeht, deutlich besser sein als die Konkurrenz. Anydesk sieht seine Programmarchitektur nicht nur als neue Software, sondern als neues „Paradigma“.

Ein neues Paradigma fürs Programmieren

Damit ist in der Computerwelt ein komplexes Zusammenspiel von Software, Prozessen und Entwicklungsgrundsätzen gemeint, mit denen Probleme und Fragestellungen grundlegend anders gelöst werden als bisher. Und deshalb scheut sich Weiser auch nicht davor, die Messlatte noch ein Stück höher zu legen und sich langfristig am Potenzial des baden-württembergischen IT-Giganten SAP zu messen.

Anydesk könne für die Welt der vernetzten Computer einen ähnlichen Standard setzen wie einst der IT-Riese aus Walldorf in der Buchhaltung. „Wir wollen einen ganz neuen Markt erzeugen und Dinge möglich machen, die bisher nicht möglich waren“, sagt Weiser. Der eigene Ansatz sei nicht so leicht zu kopieren, man gehe von einem technologischen Vorsprung von zwei bis drei Jahren aus – was im Bereich der Softwareentwicklung eine halbe Ewigkeit sei. Der Bedarf an intelligenter Vernetzung von Computern sei heute grenzenlos.

Das betrifft beispielsweise die Maschinen in einer computergesteuerten Fabrikhalle, smarte Geräte in einem Haushalt oder das ökologische Energiemanagement. „Da könnte man zum Beispiel dafür sorgen, dass nicht der Luftfilter gegen die Klimaanlage arbeitet“, sagt Weiser. Bisher seien solche Verknüpfungen oft nur aufwendig zu programmieren. Anydesk will durch sein neues Softwareparadigma dies massiv vereinfachen.

Der Bedarf für die Vernetzung von Computern wächst rapide

Bei Anydesk hat man deshalb große Ambitionen. Um 170 Prozent ist der Umsatz in diesem Jahr gestiegen, bis Ende übernächsten Jahres sind eine Milliarde Downloads der Fernwartungssoftware im Visier. Als Unternehmensbewertung nennt man 400 Millionen Euro. Mit rund hundert Mitarbeitern liegt man allerdings erst bei etwa einem Zehntel des Göppinger Konkurrenten Teamviewer.

Weiser hält das allerdings nicht für einen Wert, der den Abstand zwischen beiden Unternehmen tatsächlich widerspiegele. Man sei je Mitarbeiter produktiver. „Wir wollen uns nicht unbedingt an Teamviewer messen – unsere Ziele gehen darüber hinaus“, sagt er. Das sogenannte Freemium-Prinzip, wonach man für die Basisfunktionen erst einmal nichts zahlt, soll das Vehikel zu einer weiteren, schnellen Marktdurchdringung sein. Und wenn die Marke Anydesk erst einmal in den Köpfen der Anwender etabliert ist, soll das dann auch die Aufgeschlossenheit für andere Produkte aus dem IT-Haus steigern.

Baden-Württemberg als der richtige Standort

Weiser hält Baden-Württemberg genau für den richtigen Ort, um diese Art von IT zu lancieren. Man finde hier die Mitarbeiter, die es für diesen speziellen Bereich brauche. Das sei durchaus kulturell bedingt: „Hier gibt es eine besondere Spezies von IT-Leuten, die sehr präzise arbeiten und gleichzeitig kreativ sind– die einerseits sehr anspruchsvoll mit dem Endergebnis sind und andererseits pragmatisch.“

Im Land gebe es nicht zufällig etwa mit Teamviewer aus Göppingen oder dem inzwischen von der US-Firma Citrix übernommenen Unternehmen Netviewer aus Karlsruhe bereits weitere Erfolgsgeschichten in diesem Bereich. „Fernwartung ist schon eine gewisse deutsche Spezialität, das wird auch international so gesehen“, sagt er.

Auch an Investoren, welche dieses spezielle IT-Geschäft verstehen, hat es für Anydesk in der Region von Anfang an nicht gefehlt. „Stuttgart wird immer der Hauptstandort sein“, sagt Weiser – auch wenn man inzwischen Büros in Berlin, China und den USA hat.

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