Nach dem Tod eines Schülers stand die Zeit still in der Jörg-Ratgeb-Schule. Rektor Guntram Haag erklärt, wie der Weg aus der Trauer war und wie das Schuljubiläum gefeiert wird.
„Das bleibt in unseren Herzen“, sagt am Ende des Abends Guntram Haag. Sichtlich bewegt. Und offensichtlich auch sehr stolz auf das, was er gerade erlebt hat. Er hat mit den Füßen gewippt, geklatscht und am Ende Schokolade und Blumen überreicht. Haag ist Rektor des Gymnasiums und Leiter des Schulverbundes aus Gymnasium und Realschule, kurz: der Jörg-Ratgeb-Schule in Stuttgart-Neugereut.
Im Rahmen einer Jubiläumswoche zum 50. Geburtstag der Schule haben die Schülerinnen und Schüler der Unterstufen in der Aula das Musical „Alice“ aufgeführt. Sie haben gesungen, getanzt und sind jeder für sich ein klein bisschen über sich hinausgewachsen, standen plötzlich im Rampenlicht, alle Augen auf sie gerichtet. In welche Schule sie gehen, war ohne Bedeutung. „Ich weiß, dass ich’s kann“, hat Alice eben noch gesungen. Das Gemeinsame und Verbindende ist Haag wichtig.
Zettel mit Gedanken und Erinnerungen
Aber es ist doch nicht ganz selbstverständlich, dass alle so fröhlich miteinander feiern. Denn auch ein weniger fröhliches Ereignis gehört in die Chronik der zurückliegenden 50 Jahre. Im Februar sah der Raum, der wie ein Amphitheater gebaut ist, das Herz des Schulverbundes ist und in dem heute Glückshormone freigesetzt werden, ganz anders aus. Vor sechs Monaten standen dort Pinnwände, an denen die Schülerinnen und Schüler Zettel mit ihren Gedanken, Erinnerungen und auch ihrer Wut und Trauer befestigt hatten.
Denn am 31. Januar, einem Freitag, war auf dem Nachhauseweg ein zwölfjähriger Schüler der Realschule bei einem tragischen Unfall an der Stadtbahnhaltestelle Max-Eyth-See im benachbarten Stuttgart-Hofen gestorben. Er wurde von der einfahrenden Stadtbahnlinie U 12 erfasst – wohl in Folge einer unglücklichen Rangelei mit einem anderen Schüler. Eine Fotografie des Toten stand inmitten der Pinnwände in der Aula. Davor lagen Unmengen Blumen.
Zur Trauer an der Schule kam damals schnell der Hass in den Sozialen Medien, wo wie so oft ohne Kenntnis der wirklichen Zusammenhänge gehetzt und das Geschehen instrumentalisiert wurde. Sogar die Politik stieg in die Diskussion ein und forderte ein Nachdenken über die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters.
Wie umgehen mit einem solchen Ereignis? Und wie die Schule wieder irgendwie aus dem Krisenmodus zurück in die Normalität führen? Das waren die Fragen, vor denen sie alle miteinander standen.
Rektor Haag, sein Realschulkollege Ralph Röhrig, das Kollegium, die Schulsozialarbeit, die mobile Jugendarbeit und die Krisenhelfer der Johanniter wussten, sie mussten das wieder einfangen. Vor allem aber wollten sie der Trauer der Schülerinnen und Schüler und auch des Kollegiums Raum geben. Mit kreativen Ritualen.
Für eine Woche stand damals der Schulbetrieb für die 1000 Schülerinnen und Schüler still. Auch die Proben fürs Musical, die seit Schuljahresbeginn liefen, legten eine Pause ein. Es gab Wichtigeres als Unterricht und die Einhaltung des Lehrplans. „Intensives Erleben kann mehr Spuren hinterlassen, als ein Physikversuch oder eine Novelle mehr“, ist Haag überzeugt. Die Gesprächsangebote des schulpsychologischen Dienstes gab es danach zwar weiter. Aber die Nachfrage, erinnert sich Haag, habe abgenommen. Gleichzeitig habe er erlebt, „dass die Rückkehr zur Normalität das größte Bedürfnis bei allen war“.
Den Wunsch nach Normalität habe er als die größte Stütze erlebt. Verdrängt sei damit gar nichts. „Unsichtbar ist der Junge ja da“, sagt er mit nachdenklicher Stimme und in Erinnerung an ihn. Aus dieser Erfahrung heraus hat der Rektor geraten, den Unfall bei der Planung der Jubiläumswoche mit Musical, Festakt und Schulfest nicht zu thematisieren. Sie sollten alle miteinander feiern.
Großes Schulprojekt: Alice sucht im Wunderland ihren Weg. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut
Entscheidung über Schüler
Doch noch eine andere schwierige Entscheidung mussten die beiden Schulleiter treffen. Sie mussten entscheiden, wie es mit dem Schüler weitergehen sollte, der als Überlebender am Unfall beteiligt war. Sollte er an der Schule bleiben oder in einer anderen Schule einen Neuanfang versuchen? „Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, sagt Haag. Es habe viele Gespräche mit der Familie gegeben. „Es ging darum, wo er am besten weiter lernen kann.“ Letztendlich fiel die Entscheidung für einen Abschied von der Jörg-Ratgeb-Schule. „Uns war klar, wir müssen das Wohl des Schülers über das Unglück hinaus im Blick haben.“ Aber es bleibe natürlich die Frage, die er sich als Schulleiter etwa auch bei Schulverweisen oft stelle: Haben wir die richtige Weiche gestellt? „Wir werden es nie erfahren“, sagt Haag, der neben Latein und Deutsch auch Ethik unterrichtet.
Gemeinsames Projekt
Dass sie in der Woche nach dem Unfall richtig gehandelt haben, das wissen sie jedoch aus vielerlei dankbaren Rückmeldungen von den Elternbeiräten. „Das Gute im großen Unglück ist, dass wir einander in der Sorge und Fürsorge gefunden haben.“ Das trage zumindest ein bisschen durch den Alltagsstress mit seiner Arbeitsüberlastung. So begreift Haag auch das Musical. Es verbindet schulartübergreifend im Chor, Orchester und im Schauspiel – und dann auf der Bühne. Die Aula, das Herz der Schule, gebe damit Raum „für Trauer und für Freude“.