Frau Jakubowski, wo hat Sie die Nachricht von dem Terrorangriff der Hamas auf Israel erreicht?
In Kopenhagen, wo ich am Wochenende privat unterwegs war.
Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Ich habe überhaupt keine Worte dafür. Das Ganze ist ein Albtraum. Ich kann’s nicht beschreiben. Ich gehe durch die Straßen und denke, alles schön und gut hier, aber im Kopf spielt sich ein ganz anderer Film ab. Ich kämpfe mit den Tränen.
Sie haben Familie und Freude in Israel?
Ja, Freunde wohnen in der Nähe von Sderot, im Süden, das von den Angriffen stark betroffen war. Auch in Aschkelon, wo Raketen niedergegangen sind. Familienmitglieder leben in Tel Aviv und Jerusalem. Ich hab Kontakt mit ihnen, sie sind sicher.
Seit Herbst 2021 koordinieren Sie als Vertreterin der jüdischen Gemeinde Stuttgart den Rat der Religionen. Erst jüngst wurden Sie in diesem Amt bestätigt. Wie stark berührt der Krieg in Israel den Rat der Religionen, und wie wirkt sich das auf das Zusammenleben aus?
Im Rat der Religionen werden internationale Konflikte weitestgehend ausgeklammert. Das steht so in der Satzung. Man versteht sich ausdrücklich nicht als politisches Forum. Das wird auch jetzt so sein.
Was hören Sie aktuell von muslimischer Seite?
Von offizieller Seite gab es noch keinen Pieps, leider. Privat ist das ganz anders. Meine muslimischen Freunde haben sofort reagiert und beispielsweise auch den Flyer der Deutsch-Israelischen Gesellschaft für die Solidaritätsdemo am Montagabend um 18 Uhr auf dem Marktplatz in Stuttgart gepostet. Erst im Frühjahr war ich mit einer großen interreligiösen Gruppe in Israel. Juden, Christen und Muslime gemeinsam. Wir haben uns super verstanden. Viele von ihnen schrieben mir jetzt, dass sie traurig sind, verzweifelt und sehr wütend auf die Hamas. Ihr Tenor: Das ist nicht der Islam! Die Sprecher der Verbände haben sich, soweit ich sehe, allerdings noch nicht geäußert. Mich ärgert auch der Sprech in manchen Medien, wo von „Kämpfern“ die Rede ist: Die Leute, die Israel überfallen haben, sind keine „militanten Kämpfer“, sondern Terroristen. Warum sagt man nicht, wie es ist: Ihre Taten sind unmenschlich.
Würden Sie erwarten, dass sich die muslimischen Verbände entsprechend klar positionieren?
Ja, natürlich. Auch hier in Stuttgart. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat sich die Türkische Gemeinde in Deutschland unmissverständlich mit den jüdischen Gemeinden solidarisiert.)
Welche Erwartungen haben Sie an die Stadtgesellschaft?
Ich hoffe auf eine starke Solidarisierung. Bei der Solidaritätsdemo am Brandenburger Tor in Berlin waren es am Sonntag um die 2000 Leute, das ist für eine Millionenstadt nicht viel.
Es gibt den Vorschlag, die Schulen sollten den Terror gegen Israel thematisieren und die Schüler darüber aufklären. Was halten Sie davon?
Ich weiß nicht, ob Schulen das können. Das ist auch das Problem mit dem Thema Antisemitismus und Fremdenhass. Die Lehrer müssten sich in der Ausbildung mehr mit diesen Fragen auseinandersetzen. Auch mit anderen Konflikten. Es gibt ja nicht nur Israel. Das jüngste Beispiel ist Berg-Karabach und der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien. Hat sich irgendjemand hier darum gekümmert?
Was ist zu tun, dass in Stuttgart keine Spannungen aufgrund des Krieges in Israel entstehen?
Ich bin der Meinung, dass die Stadt gewisse Solidaritätskundgebungen von Palästinensern unterbinden muss. So etwas wie in Neukölln darf bei uns nicht vorkommen. Diesen Leuten muss klar gesagt werden: So etwas geht hier nicht, dafür gibt es bei uns keine Plattform.
Zur Person
Werdegang
Susanne Jakubowski wurde 1954 im polnischen Katowice geboren. Als sie drei Jahre alt war, wanderte ihre Familie nach Israel aus. Bereits viereinhalb Jahre später zog die Familie, in der die Eltern bereits Deutsch sprachen, nach Stuttgart; gesundheitliche Gründe spielten dabei eine Rolle. Nach dem Besuch des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums in Bad Cannstatt studierte Jakubowski Architektur in Stuttgart und arbeitete später als Architektin. Seit 2021 ist sie Koordinatorin des 2016 gegründeten Rats der Religionen in Stuttgart, in dem 21 Religionsgemeinschaften zusammengeschlossen sind. Ziel des Rates ist es, „Kontakt, Verständnis und Dialog der Religionen in Stuttgart untereinander und mit der Stadtgesellschaft zu fördern und zu pflegen“ getreu dem Motto von Hans Küng, dem Mitbegründer der Stiftung Weltethos: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen.“ jse