Stuttgarter Kammerorchester 2020/21 Ein Stall voller Rennpferde

Von Susanne Benda 

Das 17-köpfige Stuttgarter Kammerorchester ist das weltweit erste Ensemble seiner Art. In der Saison 2020/21 feiert es seinen 75. Geburtstag – mit großen Ideen und (trotz Corona) großen Formaten.

Das Stuttgarter Kammerorchester Foto: Reiner Pfisterer
Das Stuttgarter Kammerorchester Foto: Reiner Pfisterer

Stuttgart - Nicht noch ein Sieg für Corona! Nein, sagt Markus Korselt, der Intendant. Nach der Absage zweier großer Tourneen 2020 gönnt er dem Virus keinen weiteren Triumph. Das Stuttgarter Kammerorchester will und soll in diesem Jahr feiern, dass es nach seiner Gründung durch Karl Münchinger vor 75 Jahren heute immer noch da ist: selbstbewusst, kosmopolitisch, verjüngt und künstlerisch erstarkt. Deshalb hat Korselt „selten so in die Vollen gegriffen wie bei der Gestaltung des Programms für die kommende Saison“. Trotz Corona. Schließlich stand das Ensemble aus seiner Sicht schon immer für Grenzüberschreitungen, und das setzt auch der selbst gerne Grenzen überschreitende, geigende, dirigierende Thomas Zehetmair fort, der seit einem Jahr die künstlerische Leitung innehat und 2020/21 in sieben Konzerten dirigieren und als Solist auftreten wird.

Das erste Konzert der neuen Spielzeit ist am 18. September aber erst einmal ein Blick zurück: Unter Zehetmairs Leitung bieten die 17 Streicher eine Wiederauflage jenes Konzerts, mit dem sich das frisch gegründete SKO exakt vor 75 Jahren im Stuttgarter Furtbachhaus erstmals öffentlich präsentierte (dabei soll es durch die Decke geregnet haben). Der Abend ist der Auftakt der „Sternstunden“-Reihe, in der das Kammerorchester seine Zusammenarbeit mit dem Stadtpalais fortsetzt.

Diese Reihe ist betont vielfarbig bestückt, unter anderem mit gattungsübergreifenden Projekten wie etwa einem „Händel meets Hendrix“-Abend oder einem Auftritt des britischen Jazzpianisten Gwilym Simcock. Die Abokonzerte beginnen am 19. September im Beethovensaal hingegen recht traditionell mit dem Dreiklang Bach/Bartók/Mozart. Bei zwei weiteren Konzerten im großen Saal der Stuttgarter Liederhalle gibt es einmal Mozart pur (mit Pierre-Laurent Aimard als Solist im B-Dur-Klavierkonzert) und einmal ein Porträtkonzert mit dem Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann, der ab 2020/21 für drei Jahre als „künstlerischer Partner“ des SKO fungiert.

Stücke von Henry Purcell bis Adriana Hölszky

Ansonsten tritt das Ensemble im Mozartsaal auf, spielt Stücke von Purcell bis zu Adriana Hölszky (die als Auftragswerk eine Bearbeitung und Erweiterung von vier Kontrapunkten aus Bachs „Kunst der Fuge“ komponiert), und mit dabei ist – einer der Höhepunkte der Saison – auch ein Abend mit dem Oboisten und Dirigenten Heinz Holliger, dessen Schwerpunkt im 20. Jahrhundert liegt. Ein sehr besonderes Projekt im Bereich der Musikvermittlung dürfte die „Knastoper“ mit dem Titel „Himmel über Adelsheim“ werden, die Musiker des Orchesters gemeinsam mit jugendlichen Straftätern und dem Rapper Afrob entwickeln.

Vielfalt als Marke: Dafür steht das Stuttgarter Kammerorchester heute. Markus Korselt ist allerdings davon überzeugt, dass diese nur in der Kombination mit konstant hoher Qualität auf dem umkämpften Markt bestehen kann. „Wir haben“, sagt er mit Blick auf die mittlerweile durchschnittlich 38 Jahre alten Streicher, „einen Stall voller Rennpferde.“ Was die Quantität betrifft: Da befinde sich ein 17-köpfiges Ensemble „ganz wunderbar“ in der Mitte zwischen Orchester- und Kammermusik. „Das“, sagt der Intendant, „ist unsere große Chance: dass wir in beide Richtungen atmen können.“




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