Stuttgarter Kammerorchester Das große Glück der kleinen Form
Beim Stuttgarter Kammerorchester sorgt die Geigerin Antje Weithaas für feinste Spielkultur im Ensemble und fasziniert als Solistin bei Weinbergs Concertino.
Beim Stuttgarter Kammerorchester sorgt die Geigerin Antje Weithaas für feinste Spielkultur im Ensemble und fasziniert als Solistin bei Weinbergs Concertino.
Leonard Bernstein hat noch mehr gewagt: 1977 hat er Beethovens Streichquartett op. 131 mit sechzig Mitgliedern der Wiener Philharmoniker aufgeführt – und bezeichnete die Aufnahme später als seine allerliebste. Wer sie heute hört, kann das kaum glauben: So dickflüssig und so pathetisch wirkt da, was Beethoven mit gutem Grund vier nervös aufeinander reagierenden Individuen anvertraut hat.
Ganz anders am Dienstagabend im Mozartsaal. Da bündeln 17 Musikerinnen und Musiker ihre individuellen Fähigkeiten und Energien in vier agilen Gruppen derart genau, dass auch ihr Spiel noch wie Kammermusik wirkt. Das verdanken sie auch der Geigerin, die ihre Reihen als Gast ergänzt. Gemeinsam mit und inspiriert von Antje Weithaas am Konzertmeisterpult wird das Stuttgarter Kammerorchester zu einem vibrierenden, hoch virtuos aufspielenden Kollektiv aus Einzelstimmen.
Erstaunlich, dass dies möglich ist, auch zuvor schon bei der Streichorchesterfassung von Mendelssohns sechstem Quartett: So präzise werden im fast vibratolosen Spiel hier selbst schnellste Noten, rasanteste Läufe, ja selbst Beethovens Widerborstigkeiten koordiniert, so feingliedrig die Strukturen freigelegt. Durch die dynamische Vergrößerung des Streichquartettklangs wirken beide Stücke zwar dramatischer und symphonischer, aber das Pathos bleibt aus.
Nur dem op. 131 hört man jetzt noch stärker an, wie sehr Beethoven die Gattung an Grenzen treibt. Das Kammerorchester kämpft zu Beginn des cis-Moll-Quartetts noch mit der Kleinteiligkeit des Komponierten, findet dann aber, auch mithilfe gelegentlicher solistischer Passagen, spätestens in den zauberhaften Verwandlungsszenarien des Variationensatzes seinen ganz eigenen Ton und Zugriff.
Das Glück gelingender Kommunikation quillt der Aufführung aus allen Klangporen. Einmal tritt Antje Weithaas aber auch in die erste Reihe. Mieczysław Weinbergs Concertino für Violine und Streichorchester entstand 1948, aber was es bedeutete, als polnischer Jude erst von den deutschen Nationalsozialisten, dann von Stalins Regime massiv unter Druck gesetzt zu werden, hört man nur im zweiten Satz des Stücks; der erste und der letzte singen von Liebe und freuen sich am Tanz. Weithaas gestaltet mit wendigem Ton, findet Ätherisches, wagt extrem Leises, Zerbrechliches, und die Kontraste, die sie gemeinsam mit den wach geleitenden Stuttgartern herstellt, haben nichts Äußerliches. Was für ein wundervoller Abend!