Stuttgarter Kammerorchester in der Johanneskirche Konzertmeditation am Feuersee

Archivbild des Stuttgarter Kammerorchesters Foto: W/olfgang Schmidt Ammerbuch

Das Stuttgarter Kammerorchester und das SWR-Vokalensemble gestalten gemeinsameine eindrucksvolle Konzert-Meditation.

Es ist eine Stille, die man hören kann. Das Publikum in der Johanneskirche am Feuersee ist ganz Ohr, und dann ist die Musik doch ganz plötzlich da, denn sie kommt wie aus dem Nichts. Am Freitag haben das Stuttgarter Kammerorchester und das SWR-Vokalensemble unter dem Titel „Mystic Revelations“ („Mystische Offenbarungen“) zusammengefunden, um Klänge zu produzieren – und zu lauschen. Und sich immer wieder irritieren zu lassen.

 

Die Anfangstöne kommen von hinten: wiederholte, an- und abschwellende Streicher-Linien; Musik als Zustand. Giacinto Scelsis Stück „Anâgâmin“ gibt dem Abend Farbe und Dramaturgie vor. Es geht um Verbindungen zwischen Himmel und Erde – und um den Menschen, der dazwischensteht. Wie das Element, von dem in Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ die Rede ist. „Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es“, heißt es in diesem Gedicht, mit dessen Vertonung das Konzert endet. Schuberts Stück für Männerchor und fünf tiefe Streicher ist (trotz seiner formalen und auch mancher harmonischen Wagnisse) schlicht und eindrucksvoll. „Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!“: Diese Sätze dirigiert Yuval Weinberg zum Schluss, und er hätte seine Arme nicht oben halten müssen, um die Spannung danach zu halten – sie ist ohnehin da und bleibt noch lange.

Das wirkt magisch

So kommen Anfang und Ende zusammen. Dazwischen hört man Kontraste und Übergänge. Der Bratscher Manuel Hofer, der den Abend konzipierte, lässt auf seinem Instrument Scelsis Streicherklänge in einen Liegeton münden, der anschließend Hildegard von Bingens Frauenchor „O splendissima gemma“ stützt, und das improvisatorisch getragene Hinein- und Hinüberfließen setzt sich fort beim Weg zu einem mit Dämpfern gespielten Streichtrio-Satz von György Kurtág. Die Spielorte wechseln. Das Publikum ist umgeben von Klängen. Und von unterschiedlichen Zeiten. Vom 20. Jahrhundert geht’s ins 18., dann mit Henry Purcells „Miserere mei“-Kanon, den der Chor mit lupenreiner Intonation, feinsten Piano-Wirkungen, weicher Phrasierung und großer Ruhe adelt, ins 17. Jahrhundert. Ein einziger Satz fällt heraus: Das Kammerorchester spielt das „Vif et rude“ aus Jacques Castérèdes erster Sinfonie pointiert und temperamentvoll, aber irgendwie katapultiert einen das Stück aus der meditativen Stimmung heraus, ohne dass man wüsste warum.

Zum Glück bringen Cello und Geige, Glockenklänge und Obertöne, Basslinie und Verzierungen in der „Imitazione delle campane“ aus Johann Paul von Westhoffs dritter Violinsonate und danach Saint-Saëns‘ Chorsatz „Calme des nuits“ die Zuhörenden wieder auf Spur, und der Übergang von diesem Stück zu Koechlins‘ „Sur les flots lontains“, also von einer Verdichtung zur anderen, wirkt magisch. So wie danach die Idee, vor dem Schubert-Männerchor noch einmal auf das Ende des Hildegard-Hymnus zurückzukommen. Zum harmonisch aufgespreizten „Amen“ der Frauen von der Empore ziehen die Männer in den Altarraum ein. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“: So sei es.

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