Achtung: Dieser Text wurde von einem Menschen erstellt. Ein Satz, der sich ganz schön komisch liest, oder nicht? Hinweise wie dieser sind aber schon längst keine dystopische Fantasien mehr, sondern Gegenstand vieler Diskussionen unter Kreativschaffenden. Hintergrund ist die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenzen, die zunehmend auch die Kunstwelt beeinflusst: Kürzlich versteigerte das Londoner Auktionshaus Sotheby’s erstmals ein Gemälde, das von einer KI-betriebenen Roboter-Künstlerin namens Ai-Da geschaffen wurde – und für einen Millionenbetrag den Besitzer wechselte.
Auch der Stuttgarter Kunstmarkt setzt sich intensiv mit diesen Veränderungen auseinander. Im schwäbischen Silicon Valley ist der technische Aspekt dabei natürlich ebenso interessant wie der Kreative. Aus dem Kessel revolutionieren aktuell KI-basierte Apps und Programme den Kunstmarkt, die den Kauf von Werken erleichtern, diese kritisch unter die Lupe nehmen und erstmals auch Stipendien an Künstler:innen vergeben. Wir haben mit den Entwickler:innen über die Veränderungen gesprochen.
KI-basierte Kunstkritik
Einer, der es mit der „Kunst“ in der Künstlichen Intelligenz wörtlich meint, ist Clair Bötschi. Der Künstler und Kunstökonom ist kreativer Kopf hinter Aiden, dem weltweit ersten KI-Kunstkritiker: „Das Ganze ist spielerisch entstanden. Ich habe am Anfang mit verschiedenen Befehlen experimentiert und deren Ergebnisse überprüft, aus denen sich Aiden selbst weiterentwickelt hat.“ So hat sich das Programm einen eigenen Namen ausgewählt und eine humorvolle wie bissige Stimme gefunden, die Bötschi erfreut:„Der Mensch sieht das Positive, Aiden das maximal Negative. Je negativer die Rezensionen waren, desto besser wurden sie.“ Dem Künstler ist in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, dass Aiden keine Konkurrenz zur Kunstkritik sein will, sondern selbst ein Kunstprojekt ist. „In den letzten zwei Jahren ist die Nutzung von KI zum Standard geworden. Ich glaube, da entsteht gerade etwas Neues mit eigenen Regeln und Ästhetik.“
Kunst im öffentlichen digitalen Raum
Seine Überlegungen teilt Clair Bötschi im Stuttgarter Verein YouTransfer als kreativer Leiter. „Eine wesentliche Frage für uns ist, wie Kunst im öffentlichen Raum heute aussieht“ so Bötschi. „Wir sprechen vom postdigitalen Zeitalter, niemand ist mehr exklusiv analog unterwegs.“ Weil das Digitale aber nicht örtlich festgelegt und im juristischen Sinne privat ist, verändere sich auch die Form von Kunstwerken. Hier setzt YouTransfer an: „Wir stellen die Behauptung auf, eine Kommune muss sich auch um den digitalen öffentlichen Raum kümmern, also die Plattformen, die wir gemeinsam nutzen. Da möchten wir Strukturen schaffen.“ Eine Idee, die bei der sonst eher technikfremden Verwaltung Anschluss findet – und durch das städtische Kulturamt gefördert wird. Diese Unterstützung ermöglicht YouTransfer jetzt, drei Stipendien auszuschreiben, deren Plätze von Aiden vergeben werden.
Aiden vergibt Stipendienplätze
Bewerben können sich sowohl professionelle Künstler:innen als auch Kunststudierende. Sie müssen kein fertiges Projekt einreichen, sondern ein rein textliches Formular, in dem ein Kunstwerk – analog oder digital – beschrieben wird. Einzige Voraussetzung: Der Bezug zum Leitthema von YouTransfer, der Schnittstelle von Kunst mit dem digitalen öffentlichen Raum. Sind alle Bewerbungen eingegangen, wertet Aiden diese anhand verschiedener Kriterien aus und wählt die drei besten Konzepte. Die Arbeit fand das KI-Projekt laut Bötschi ganz schön herausfordernd: „Zuerst hat Aiden gesagt, die Entscheidung müssen Menschen treffen, weil dem Programm bewusst ist, dass es ein reines Werkzeug mit Grenzen ist. Dem konnte ich mit dem Befehl, Aiden solle das positiv sehen, entgegenwirken.“ Die Platzvergabe mittels KI sieht Bötschi als Betreten von Neuland und zum Teil auch als Provokation. Menschliche Jurys seien oft durch persönliche Beziehungen und Wertvorstellungen voreingenommen, das sei bei Aiden anders. „Die Kunst sagt immer, sie sei offen für Neues, aber ich spüre da oft eine Angst vor dem Unbekannten. Die KI ist hier unbefangener.“
Spotify für den Kunstmarkt
Unbefangenheit, die auch bei der Kunstvermittlung nützlich sein kann: Diese Überlegung haben Runan und Henning Dohrmann-Zhang in die App Awwt umgesetzt. Wer Kunst kaufen möchte, aber nicht weiß, wie man das passende Werk findet, kann sich von der Anwendung Hilfe holen. „Awwt findet deinen Geschmack anhand einer Texteingabe heraus. Du kannst zum Beispiel schreiben, welche Farben du magst, welche Musik du hörst oder in welcher Stimmung du bist, und die App filtert passende Kunstwerke für dich“, erklärt Runan. Die Käufe werden von der KI gespeichert und andere Werke im ähnlichen Stil empfohlen. „Das ist quasi Spotify für den Kunstmarkt“, beschreibt Henning die Anwendung. Heute stellen dort 66 Künstler:innen ihre Werke aus, mehr als die Hälfte davon ist weiblich. Während Diversität in herkömmlichen Galerien oft Mangelware ist, zeichnet sich Awwt dadurch aus, viele Künstler:innen aus unterrepräsentierten Gruppen zu beheimaten.
„Die KI gibt Rookies Selbstbewusstsein“
Das Ehepaar kommt selbst aus verschiedenen Hintergründen und vereint technisches mit künstlerischem Know-how: Henning kam 2003 als Azubi von Mercedes-Benz aus Kiel nach Stuttgart, Runan studierte im Master chinesische Kunstgeschichte und arbeitete in den großen Galerien Großbritanniens. 2013 lernten sich beide in Tokio kennen und zogen kurz darauf im Kessel zusammen, wo Runan mit dem lokalen Kunstmarkt in Berührung kam. Auf einer langen Reise entstand in der iranischen Wüste die Idee für Awwt, seit etwa zwei Jahren gibt es die App in ihrer jetzigen Form.
„Ohne Runan wäre ich nicht mit Kunst in Berührung gekommen. Aber nicht jede:r hat Menschen wie sie, die einen beraten“, so Henning. „Die KI ermöglicht uns, Bilder semantisch erfassbar zu machen, was auch Rookies wie mir, die nicht Kunst studiert haben, Selbstbewusstsein beim Kunstkauf gibt.“ Entsprechend positiv ist das bisherige Feedback, nicht nur von Nutzer:innen, sondern auch von den ausgestellten Künstler:innen: „Bei uns entstehen Synergien, alle sind freundlich miteinander. Da geht einem das Herz auf!“
Stuttgarter Kunstmarkt
Knapp ein Drittel der Künstler:innen bei Awwt kommt von der Akademie für Bildende Künste, auch der Verein YouTransfer veranstaltet immer wieder Diskussionsrunden und Kunstevents an der Kunsthochschule. Auch darüber hinaus ist der lokale Kunstmarkt ein guter Nährboden für die Fusion von Technischem und Kreativen: „Stuttgart ist ein toller Standort“, betonen Runan und Henning Dohrmann-Zhang. Im Kessel gibt es eine aktive und talentierte Kunstszene, erklären beide. Gleichzeitig ist der Markt klein genug, damit sich Newcomer abseits der Massen präsentieren können. Auch Clair Bötschi sieht das Potenzial des Kessels: „Bis in die Achtziger hat Kunst im öffentlichen Raum eine große Rolle gespielt, dann ist das zurückgegangen. Heute bereitet die Stadt Stuttgart vieles wieder auf und setzt sich mit der Frage auseinander, wem die Werke gehören sollten. Interesse am Fortschritt merken wir auch daran, dass die Kulturpolitik mit YouTransfer in Kontakt steht. Das sind neue, sehr fortschrittliche Gedanken.“
Wie geht’s weiter mit der KI?
Fortschritt, der den Kunstmarkt aus dem Kessel heraus revolutioniert. Doch wie sieht’s aus mit KI-generierten Werken? Die Entwickler von Awwt sind zumindest im Bezug auf KI-kreierte Kunst skeptisch. „Künstliche Intelligenz ist eine Black Box. Bei Kunst von Menschen hat man nicht nur das Werk, sondern auch die Geschichte dazu“, sagt Henning Dohrmann-Zhang. Runan ergänzt: „Man kauft nicht nur das Bild, sondern auch den Schweiß und die Tränen, die hineingeflossen sind. Wir sehen in KI-Kunst zwar Potenzial, fokussieren uns aber gerade auf das Menschliche.“
Auch Clair Böschis Fazit fällt gemischt aus: „Ich bin hin- und hergerissen. Zum einen ist die KI noch nicht so weit, selbstständig Fortschritte zu machen und neue Kunststile zu entwickeln. Zum anderen hat sie viel mehr Daten zu Verfügung und kann die deutlich schneller verarbeiten als wir Menschen.“ Angst hat der Künstler vor den Veränderungen aber keine. Im Gegenteil: „Ich werde mit Aiden weitermachen. Wohin es geht, weiß ich nicht. Vielleicht entstehen ja noch ganz viele andere Kritiker:innen.“