Die Frage in einem Steckbrief an Andreas Strehle, dem ehemaligen Mitspieler von Lutz Siebrecht beim SC Geislingen, lautete: „Du gründest eine WG. Mit wem würdest Du zusammen wohnen wollen?“ Die Antwort: „Mit Lutz Siebrecht, dann kann ich 24 Stunden über Fußball reden.“ Ein Satz, ein Treffer: Denn Lutz Siebrecht ist ein im positiven Sinne Fußballverrückter. Für den Geschäftsführer Sport des Regionalligisten Stuttgarter Kickers ist Fußball Herz und Leidenschaft. „Fußball empfinde ich nicht als Arbeit, er bereitet mir Freude“, sagt der 57-Jährige.
„Enttäuscht und traurig“
Dass es da auch Ausnahmen gibt, zeigte sich am vergangenen Samstag. Siebrecht machte nach dem sehr ernüchternden 0:2 (0:0) der Kickers gegen den SC Freiburg II einen ziemlich deprimierten Eindruck. „Ich war einfach enttäuscht und traurig über die Art und Weise wie das Spiel gelaufen ist“, sagte Siebrecht mit etwas Abstand.
Die Basics fehlten bei diesem vorletzten Heimspiel vor den 4130 Zuschauern im Gazi-Stadion auf der Waldau. Die da wären: Intensität, Energie, Leidenschaft, Emotionen, Zweikampfstärke. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison war das der Fall. Weshalb die Kickers da stehen, wo sie stehen. „Zwischen Baum und Borke“, wie es Präsident Rainer Lorz ausdrückte.
Im Niemandsland der Tabelle könnte man auch sagen. Aktuell auf Platz fünf – mit satten 20 Punkten Rückstand auf Meister und Drittliga-Aufsteiger TSG 1899 Hoffenheim II. Am Ende wird es im besten Fall Rang vier, im schlechtesten Fall Rang acht, je nach dem, wie die beiden Schlussauftritte beim 1. FSV Mainz 05 II (10. Mai) und gegen den KSV Hessen Kassel (17. Mai, jeweils 14 Uhr) laufen.
Siebrechts Prognose trifft ein
So richtig überraschen kann Siebrecht das nicht. Denn ganz genau in diesem Platzierungsfenster hatte er – mit Blick auf den von seinem Vorgänger Marc Stein zusammengestellten Kader – den Vorjahres-Vizemeister zu Beginn der Saison eingeschätzt. Da war noch längst nicht absehbar, dass er zu den Kickers zurückkehren wird. Jetzt ist er seit 1. Januar im Amt und hat seitdem einen Berg von Arbeit vor sich.
Es galt und gilt einiges zu korrigieren. Der viel zu aufgeblähte Kader musste verkleinert werden, was mit den Einigungen mit Daniel Kalajdzic, Niklas Antlitz und Kevin Dicklhuber in der Winterpause zum Teil gelang. Mit Blick auf die neue Saison hat Siebrecht schon einige – auch unpopuläre – Entscheidungen getroffen, die ihm selbst nicht leicht fielen.
Verjüngung im Kader
Dazu gehören etwa die Nichtverlängerungen der Verträge mit David Kammerbauer (28) und Marcel Schmidts (31). Für das Außenverteidiger-Duo kommen Nico Fundel (24) und David Udogu (22), beide von Bayern-Regionalligist FV Illertissen. Dazu mit Vincent Schwab (21) vom TSV Steinbach Haiger ein, seit dem Abgang von Niklas Kolbe nicht mehr vorhandener, Linksfuß für die Innenverteidigung für Rechtsfuß Paul Polauke (Ziel unbekannt). Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den ersten drei Neuzugängen für die Saison 2025/26 dürfte sehr gut passen, zudem geht mit den Wechseln eine Verjüngung einher, gepaart mit körperlicher Robustheit.
„Wir müssen Veränderungen herbeiführen und brauchen eine andere Mischung im Kader. Spieler mit anderen herausragenden Fähigkeiten, als die, die wir schon haben“, sagt Siebrecht. Er meint damit Aspekte wie Wucht, Dominanz, Widerstandsfähigkeit, Körpergröße, Tempo. Präsident Rainer Lorz hatte im Interview mit unserer Redaktion ganz allgemein gesagt: „Wir brauchen Spieler, die nach der dritten Liga lechzen.“ Soll auch heißen: Männer mit Perspektive und Entwicklungspotenzial sieht das Beuteschema primär vor – und keine altgedienten Spieler, die auf der Zielgeraden ihrer Karriere von höherklassigen Teams kommen, wie dies bei Abwehrspieler Brian Behrendt der Fall war.
Im Vorjahr wollten Kickers Hummel nicht
Dass das nicht so einfach ist, zeigt sich vor allem bei der dringend benötigten Blutauffrischung im Sturmzentrum. Wer mag es einem Regionalliga-Torjäger David Hummel vom FC 08 Homburg (15 Saisontreffer) vergönnen, wenn er im Alter von 23 Jahren einen Wechsel zu einem Drittligisten dem Angebot der Kickers vorzieht? Knipser mit einer ähnlichen Zahl an Torerfolgen in der vierten Liga stehen nun einmal im Blickfeld von höherklassigen Clubs.
In der vergangenen Saison hatte Hummel nur fünf Saisontreffer auf dem Konto und er wäre gerne zu den Kickers gekommen. Die Blauen hatten nach Informationen unserer Redaktion aber abgewunken. Das zeigt, dass sich die Kickers wahrscheinlich bei Regionalligastürmern umschauen müssen, die zwischen fünf und zehn Saisontore erzielt haben und in denen man Steigerungspotenzial sieht.
Da kann es nicht schaden, dass sie einen Sport-Geschäftsführer haben, der Fußball nicht als Arbeit empfindet, sondern dem Fußball Freude bereitet. Zumindest in den allermeisten Fällen ist das bei Lutz Siebrecht auch so.