Herr Ünal, sind die Kickers auf dem Weg zum Aufstieg noch aufzuhalten?
Wir haben aktuell einen sehr guten Lauf, den wir uns sehr hart erarbeitet haben. Es war alles andere als selbstverständlich nach dem Negativerlebnis Nichtaufstieg am Ende der vergangenen Saison, mit all den Emotionen, so eine Hinrunde hinzulegen. Wir werden das aber nicht genießen, denn dann ist es bis zum Ausruhen nicht mehr weit. Das können und wollen wir uns nicht erlauben, denn für jedes Team ist es gegen uns das Spiel des Jahres, jeder versucht, uns ein Bein zu stellen, daher haben wir noch einen weiten Weg vor uns.
Ihre Trainerkollegen sehen die Kickers schon in der Regionalliga.
Diese Worte nehmen wir zur Kenntnis und betrachten sie als Wertschätzung und Respekt für unsere Arbeit und die Art und Weise, wie wir Fußball spielen. Wir wollen das Woche für Woche bestätigen, mit gierigen, zielstrebigen Auftritten, um am Ende unser Ziel, den Aufstieg, zu erreichen.
Warum kam die Mannschaft nach den Unentschieden zu Hause gegen die TSG Backnang und den FC Nöttingen sowie der Niederlage beim FV Ravensburg so richtig in Fahrt?
Es war in diesen Spielen auch nicht alles schlecht, aber wir haben die Effizienz vermissen lassen, und trotzdem hätten wir auch diese Spiele gewinnen können. Wir haben in dieser Phase sehr viel analysiert und viel mit dem Team gesprochen, haben dann mit den Erkenntnissen im Training hart gearbeitet, um uns zu verbessern. Jedoch haben wir unsere Prinzipien und unsere Herangehensweise nicht über den Haufen geworfen, wir sind von unserem Weg überzeugt, und den haben wir nicht verlassen. Die Kickers stehen für einen laufintensiven, schnellen und offensiven Fußball. Daran arbeiten wir Tag für Tag, damit wir das jede Woche auf den Platz bekommen.
In der schlechten Phase hatten Sie sich öffentlich mehr Rückendeckung gewünscht.
Ich bin der Überzeugung, dass man gerade auch mal in schwierigeren Zeiten zusammenhalten muss und füreinander da sein sollte, denn genau das zeichnet eine Familie aus, und wir sind bei den Kickers eine sehr schöne und große Familie, die diese Werte auch jederzeit vorleben sollte. Daher war es mir einfach wichtig, dass wir uns wieder auf das, was uns starkmacht, besinnen und zusammenhalten. Wenn die gewünschten Ergebnisse ausbleiben, gibt es immer Kritik, und das ist im Fußball ganz normal, jedoch darf man als Trainer sich nicht davon ablenken lassen. Wie gesagt, wichtig war, dass wir gemeinsam fleißig weitergearbeitet haben. Wir haben so fantastische Fans, und die Kickers-Familie hat lange genug gelitten, wir haben daraus positive Energie gezogen.
„Nicht ablenken lassen“
Die Fans sind das eine. Die von Ihnen angesprochene nicht optimale interne Rückendeckung das andere. Ist dies der Grund, dass Sie erst in der Winterpause über eine Vertragsverlängerung reden möchten?
Nein! Mir geht es nur darum, dass wir alle den Fokus auf die verbleibenden Spiele lenken. Wir möchten maximalen Erfolg haben, da tun wir alle gut daran, wenn jeder sich auf seine Aufgabe konzentriert und nicht durch andere Dinge abgelenkt ist. Es sind noch vier Spiele bis zur Winterpause, da gibt es zwölf Punkte zu holen. Nur darauf möchten wir uns als Trainerteam und Mannschaft konzentrieren. Wir wollen unsere komplette Energie nur für unser gemeinsames Ziel einsetzen.
Aber der Verein wollte die Gespräche schon früher beginnen, sie möglicherweise schon bis zur Mitgliederversammlung Ende November abschließen.
Es wäre nicht gut, mitten im Spielbetrieb, in dem wir noch schwere Aufgaben zu bewältigen haben, meine persönliche Zukunft in den Vordergrund zu stellen. Nach dem letzten Spiel 2022 am 3. Dezember gehen wir in eine sehr lange Winterpause, in der wir dann Zeit haben, diese wichtigen Gespräche zu führen.
Aber Sie wollen schon bei den Kickers bleiben?
Die Kickers sind mein erster Ansprechpartner. Ich identifiziere mich voll und ganz mit dem Verein, mein Herz hängt an den Kickers, an der Mannschaft, am Trainer- und Funktionsteam und natürlich an unseren Fans. Wir haben ein tolles Trainerteam mit Yannick Dreyer, Jakob Braun, Julian Leist und Ümit Sahin, das komplett aus der eigenen Jugend nach oben gekommen ist. Ich habe Oguzhan Kececi damals als U-16-Spieler in die U17 hochgezogen, jetzt durften wir gemeinsam vor ausverkauftem Haus ein DFB-Pokal-Spiel gegen Eintracht Frankfurt bestreiten. Und was ich nochmals ausdrücklich erwähnen möchte, wir als Trainerteam dürfen jeden Tag mit einer Mannschaft auf dem Platz stehen, die sich für diesen Verein zerreißt und sich voll mit dem Verein und den Fans identifiziert. Es ist eine enge Verbindung entstanden, die man deutlich spürt. Diesen Weg weiterzugehen ist für mich ungemein reizvoll.
Es hat sich herumgesprochen, dass Ihnen andere Anfragen vorliegen, offenbar auch von Bundesligisten für die Arbeit in den Nachwuchsleistungszentren. Zögern Sie deshalb?
Nein. Wie schon gesagt, ich spreche zuallererst mit den Kickers und Präsident Rainer Lorz, den ich sehr schätze. Er und der damalige Sportliche Leiter Lutz Siebrecht waren die großen Befürworter, dass ich zum Chefcoach aufstiegen bin. Ich bin jetzt sechs Jahre bei den Kickers und fühle mich sehr wohl, ich kann mir daher gut vorstellen, weiter für diesen Verein zu arbeiten.
„Alle müssen vom Weg überzeugt sein“
Wovon machen Sie es konkret abhängig?
Wir müssen uns einfach alle einig sein, dass wir den eingeschlagenen Weg mit voller Hingabe gemeinsam weitergehen wollen. Entscheidend ist es, dass alle von diesem Weg, der am besten zu den Stuttgarter Kickers passt, überzeugt sind.
Was gehört zu diesem Weg?
Zum Beispiel weiter auf hungrige und gierige Spieler aus der Region zu setzen. Ich bin sicher, dass es genügend Talente in unserem NLZ und in der Region gibt, mit denen die Kickers auch eine Klasse höher bestehen können. Natürlich wollen wir uns immer weiterentwickeln und verbessern, aber es muss unser eigener Weg sein, mit unserer eigenen DNA und Identität, wofür wir als Stuttgarter Kickers stehen wollen. Wichtig ist, bodenständig zu bleiben, gierig und fleißig zu sein.
In der Kommunikation zwischen Ihnen und Sportdirektor Marc Stein soll es nicht immer optimal gelaufen sein. Hat dies auch Einfluss auf Ihre Entscheidung?
Nein, wir gehen respektvoll und professionell miteinander um. Ich nehme mich nicht wichtiger, als ich bin. Wir haben Top-Leute in den Gremien, da spüre ich die Wertschätzung, und das kommt positiv bei mir an.
Marc Stein sprach von einer Win-win-Situation, wenn Sie bleiben. Sehen Sie das auch so?
Also ich weiß zu 100 Prozent, was ich an den Kickers habe, ich bin in diesem Verein nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch willkommen, das weiß ich. Wenn ich diese wahnsinnig tolle Choreografie aus dem DFB-Pokal-Spiel sehe, in der ich in einer Reihe mit Robin Dutt abgebildet bin, dann ehrt einen das ungemein.
Sie haben in Ex-VfB-Profi Cacau einen prominenten Berater, wie kam es dazu?
Wir haben uns bei der A-Lizenz-Ausbildung kennen- und schätzen gelernt. Er ist ehrlich, top vernetzt, er betreut mich als Freund, und wir haben einen sehr guten Austausch miteinander.
Zur Person
Vita
Mustafa Ünal wurde am 7. September 1983 in Laichingen geboren und wuchs in Wiesensteig (Kreis Göppingen) auf. Er spielte beim TSV Bad Boll und beim TSV Obere Fils und war dort auch Jugendtrainer. Von 2013 bis 2017 trainierte er Nachwuchsteams beim SSV Ulm 1846, ehe er ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Kickers wechselte. Dort führte er in der Saison 2020/21 die U19 in die Bundesliga. Seit dem 27. September 2021 trainiert er als Chefcoach die Oberligamannschaft.
Privates
Ünal ist Lehrer an der Körschtalschule Plieningen. Er unterrichtet an dieser Gemeinschaftsschule 16 Stunden in der Woche die Fächer Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik. Er wohnt mit seiner Familie in Birkach, ist verheiratet mit Esra. Das Paar hat zwei Söhne Ömer (drei Jahre) und Mert (zehn Monate). (jüf)