Stuttgarter Kickers in der Finanzklemme Die Kickers machen ihre Videotafel zu Geld

Von Jörg Nauke und  

Die Stadt soll den Stuttgarter Kickers die Videotafel im Gazi-Stadion abkaufen. Das war so nicht geplant, nach dem Abstieg benötigt der Verein aber dringend Liquidität.

Der Verkauf der Videotafel dient auch zur Tilgung von Verbindlichkeiten. Foto: Baumann
Der Verkauf der Videotafel dient auch zur Tilgung von Verbindlichkeiten. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Stuttgarter Kickers versetzen die Stadt in die Lage, ihre Infrastruktur im teilrenovierten Gazi-Stadion zu komplettieren. So positiv beschreibt der Präsident der „Blauen“, Rainer Lorz, den geplanten Verkauf der im vorigen Jahr auf eigene Rechnung beschafften und eingebauten Videoleinwand an die Stadt zum Restwert von 376 056,69 Euro. Die Mitglieder des gemeinderätlichen Verwaltungsausschusses dürften sich diese Sichtweise allerdings kaum zu eigen machen, wenn sie an diesem Mittwoch darüber verhandeln. Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU), derzeit auch für den Sport zuständig, empfiehlt den Ankauf zwar – allerdings eher aus einem pragmatischen Grund: Mit dem Betrag können erhebliche Zahlungsrückstände der Kickers beglichen werden. Der Auszahlungsbetrag an den Verein ist wohl nur etwa halb so hoch.

In der Verwaltungsvorlage wird die Videotafel als „wertvolle Ergänzung und Verbesserung der Infrastruktur“ dargestellt. Sie werde nicht nur für Marketingzwecke genutzt, sondern man könne auch den Spielstand präsentieren, außerdem Hinweise für Nahverkehr und Sicherheit geben. Als der Gemeinderat für die im Februar 2015 eröffnete neue Haupttribüne 15 Millionen Euro bewilligte, war allerdings von der Notwendigkeit einer Videotafel keine Rede gewesen. Damals war selbst die für den Spielbetrieb unerlässliche Rasenheizung für 875 000 Euro zuzüglich 120 000 Euro Betriebskosten jährlich umstritten.

Die Sponsoren der Kickers bleiben bei der Stange – zu reduzierten Konditionen

Der Abstieg aus der dritten Bundesliga in die Regionalliga trifft die Kickers wegen der komplett ausfallenden Fernsehgelder so schlimm wie den VfB der Gang in die zweite Liga. Die wichtigen Sponsoren bleiben offenbar zwar bei der Stange, allerdings zu reduzierten Konditionen.

Schwierig ist die Lage auch für die Stadt. Nach dem Abstieg der ersten VfB-Mannschaft bleibt die Mercedes-Benz-Arena in einer Stadion KG, was sie derzeit noch vor einem Verlust schützt. Der VfB muss in seiner ersten Zweitligasaison seine Pachteinnahmen nicht für Tilgungsleistungen verwenden, die Stadionkredite sind gestundet. Intern begegnen die „Roten“ den Einnahmeausfällen mit Gehaltskürzungen von 30 Prozent bei den Spielern bis zur Streichung von Sonderleistungen für die Beschäftigten in der Verwaltung. Es werde niemand entlassen, betont der Verein.

Doch die sportliche Talfahrt der zweiten VfB-Mannschaft in die Regionalliga und der dadurch zu erwartende Zuschauerrückgang bedeutet für die Stadt Mindereinnahmen im Gazi-Stadion, da sich die Miete an den (sinkenden) Ticketnettoeinnahmen orientiert (10 Prozent gehen an die Stadt). An der Refinanzierung der Tribüne und der Rasenheizung beteiligen sich künftig weniger Fans mit zwei Stadiongroschen von je 50 Cent. Da die VfB-Amateure aber häufig vor fast leeren Rängen spielten, fällt dieser Ausfall selbst dann kaum ins Gewicht, wenn sie die meisten Partien im Schlienz-Stadion in Bad Cannstatt austragen.

Die Stadt zahlt auf der Waldau ohnehin drauf

Signifikanter erscheint der Verlust durch den Abstieg der Blauen bei einem um 2000 Zuschauer (3000 statt 5000) reduzierten Durchschnitt. Die Stadt zahlt auf der Waldau aber ohnehin immer drauf: beim Notkauf des Stadions und des ADM-Sportparks 1988 und 2004 sowie bei der Modernisierung 1996. Daran sollte der Verein mit 1,7 Millionen Euro beteiligt werden. Weil nach dem Abstieg nichts zu holen war, verzichtete die Stadt auf eine Restzahlung von 883 000 Euro, über die bis 2014 aufgelaufenen Schuldzinsen in ähnlicher Höhe wird im Rathaus beharrlich geschwiegen.

Die Vertreter ambitionierter Nichtfußball-Vereine wundern sich über die Sonderbehandlung der Fußball-Clubs. Öffentliche Kritik aber bleibt aus – man braucht die Stadt schließlich immer wieder.

Ein zweitligagemäßer Ausbau der Gegentribüne für einen derzeit viertklassigen Verein kommt für die Stadt aber – zumindest vorerst – nicht in Betracht, auch wenn Rainer Lorz meint, Stuttgart könne sich keine Dauerbaustelle leisten. Holzelemente des Dachtragwerks sind vom Regen aufgeweicht oder von Pilzen befallen, so dass dieser Bereich vorerst gesperrt ist. Mehr als ein Austausch sei nicht darstellbar, sagt Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU). Dass die Kapazität von 11 468 auf 6600 reduziert sei, stelle in der vierten Liga kein Problem dar. Allerdings ist dies die Heimstatt der treuesten Kickers-Anhänger, gibt Präsident Lorz zu bedenken. Die Stadt will die Tribüne nun so schnell wie möglich sanieren.

Auf der Gegenseite läuft der Betrieb dagegen weiter wie bisher – jedenfalls fast. Denn der Abstieg der Kickers hat auch erhebliche Auswirkungen auf den Gastronomie-Partner des Vereins. Die Schräglage kümmert sich sowohl um das Vip-Catering als auch um die Grundbedürfnisse der Fans, also um Wurst und Bier. Überlegungen, aus dem Vertrag auszusteigen, gab es nicht: „Es ist sehr viel Herzblut im Spiel. Gepaart mit der Tatsache, dass wir mehrere Geschäftsfelder haben, können wir bei den fixen Kosten etwas zu Gunsten des Gazi-Stadions ,schummeln’“, sagt Teamchef Heiko Grelle.

Schwarze Null mit der Roten Wurst?

Ab wann schreibt man aber mit roter Wurst eine schwarze Null? „Wir können die variablen Kosten im Stadion der Zuschauerzahl anpassen. Dadurch schaffen wir bei nahezu jeder Auslastung eine schwarze Null. Sollten jedoch weniger als 2000 Zuschauer kommen, wird es sogar bei dieser wohlwollenden buchhalterischen Betrachtungsweise eng“, sagt Grelle.

Die Schräglage hat mit den Kickers einen Fünfjahresvertrag abgeschlossen – unabhängig von der Ligazugehörigkeit. „Fußball ohne Aufstiege und Abstiege gibt es eben nicht. So hart das sich im Moment auch anfühlt, es gehört zum Sport, zum Fußball dazu. Da darf man jetzt den Kopf nicht in den Sand stecken“, so Grelle. Er rechnet nicht mit dramatischen Einbrüchen: „Das Beeindruckende an den Stuttgarter Kickers ist ja die familienähnliche Bindung des Umfelds und der Partner. Ich rechne fest damit, dass die Kickers-Familie gerade jetzt hinter ihrem Verein steht.“

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