Stuttgarter Kickers Lutz Siebrecht: „Wir gehören diesmal nicht zum Favoritenkreis“

Lutz Siebrecht (re., mit Präsidiumsmitglied Jürgen Kindler) bei der Auszeichnung von Christian Mauersberger zum Spieler der Saison. Foto: Baumann

Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht spricht vor dem Trainingsstart der Stuttgarter Kickers über das neue Gesicht der Blauen, den Kader und die Ambitionen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Fußball-Regionalligist Stuttgarter Kickers startet an diesem Donnerstag mit der Vorbereitung auf die neue Saison – trainiert wird allerdings nicht. Stattdessen finden Fitness- und Gesundheitstest statt, die am Freitag und Samstag fortgesetzt werden. Der eigentliche Trainingsauftakt ist am kommenden Montag um 14.30 Uhr im ADM-Sportpark. Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht gibt einen Einblick in den Stand der Planungen.

 

Herr Siebrecht, wie sehr freuen Sie sich auf den Trainingsauftakt?

Ich freue mich sehr, dass es wieder losgeht. Nach intensiven Wochen der Analyse sind wir gespannt, wie sich die Arbeit in der Vorbereitung jetzt auf dem Platz entwickelt. Wir haben vieles hinterfragt, Entscheidungen getroffen – und jetzt wollen wir ins Arbeiten kommen.

Von den letzten sieben Regionalligaspielen der vergangenen Saison gingen sechs verloren. Besteht nicht die Gefahr, dass die Enttäuschung mit in die neue Runde genommen wird?

Nein, das sehe ich nicht. Im Fußball beginnt jede Saison bei null. Vergangene Niederlagen bringen keine Minuspunkte – genauso wenig garantieren vergangene Erfolge etwas. Entscheidend ist, wie wir uns jetzt aufstellen und mit welcher Haltung wir in die neue Runde gehen.

Was macht Sie sicher, dass der Negativtrend nicht anhält?

Wir haben die vergangene Saison sehr genau aufgearbeitet. Die Erkenntnisse fließen jetzt in die Vorbereitung ein. Uns war klar: Wir müssen den Kader verändern, neue Impulse setzen, eine andere Dynamik reinbekommen. Genau daran arbeiten wir.

Trainer Marco Wildersinn sagte nach dem letzten Saisonspiel, es werde sich vieles verändern, die Mannschaft werde in der neuen Saison ein völlig anderes Gesicht zeigen. Wie wird dieses Gesicht aussehen?

„In der Liga findet ein Wettrüsten statt“

Die Mannschaft befindet sich in einem Veränderungsprozess – das ist gewollt und notwendig. Wir wollen ein anderes Gesicht zeigen: frischer, entwicklungsorientierter, mit viel Energie. Wir wollen Spieler auf dem Platz, die mit Leidenschaft auftreten, an ihre Grenzen gehen – und dafür sorgen, dass unsere Zuschauer wieder mit Freude und Stolz auf die Kickers blicken.

Zu wie viel Prozent steht der Kader, mit dem Sie in die neue Saison gehen möchten, zum Trainingsauftakt?

Das lässt sich schwer in Prozenten ausdrücken. In der Liga findet ein regelrechtes Wettrüsten statt – wenn man sieht, was in Sandhausen, Offenbach oder Homburg passiert, ist klar, dass wir nicht zu den Favoriten gehören. Wir wissen, wo wir stehen – und arbeiten im Rahmen unserer Möglichkeiten jeden Tag daran, konkurrenzfähig zu sein.

Mehrere Spieler wie Ramon Castellucci, Vico Meien oder Brian Behrendt haben noch laufende Verträge. Ihnen würde man keine Steine in den Weg legen, wenn sie den Verein verlassen möchten. Wie ist der Stand?

Die betreffenden Spieler wissen, wie ihre jeweilige Situation ist. Wir diskutieren diese Themen nicht in der Öffentlichkeit. Wir gehen mit allen Personalien verantwortungsvoll um – auf der Basis von Verträgen und im Sinne des Vereins.

Diese Verträge wurden nicht von Ihnen abgeschlossen, schränken aber den Spielraum ein. Wie gehen Sie damit um?

Wir machen keine Vorwürfe, sondern arbeiten mit dem, was da ist. Das ist im Profifußball völlig normal. Wir sind Realisten, keine Träumer – und wir gehen verantwortungsvoll mit unserer Rolle und unseren Möglichkeiten um.

„Jeder sucht diesen einen Knipser“

Sind ohne Vertragsauflösungen überhaupt noch Neuzugänge möglich?

Das ist ein komplexes Thema, das von vielen Faktoren abhängt. Wir beobachten die Entwicklung sehr genau und treffen unsere Entscheidungen mit Augenmaß.

Insbesondere ein zentraler Stürmer mit Torjägerqualitäten fehlt dem aktuellen Kader. Wie stehen die Chancen, einen solchen Spielertyp bis zum Saisonstart zu verpflichten?

Jeder sucht diesen einen Knipser. Ein Mittelstürmer mit Abschlussstärke, Kopfballspiel und Tempo – das ist der Wunschspieler von der Nationalmannschaft bis zur Landesliga. Wir wissen, dass dieser Bereich besonders hart umkämpft ist. Wir bleiben geduldig.

In der Abwehr sind viele junge Spieler, auch auf der Torwartposition ist keiner älter als 21. Ist das nicht ein Risiko?

Unsere jungen Spieler haben bereits wertvolle Erfahrung gesammelt – teils in der Regionalliga, teils darüber hinaus. Wir setzen bewusst auf Akteure, die ihren ersten oder zweiten Profivertrag unterschreiben – nicht auf jene, die kurz vor dem Karriereende stehen. Diese Jungs bringen Energie, Lernbereitschaft und Entwicklungspotenzial mit. Und übrigens: In der Vergangenheit haben gerade Spieler mit viel Erfahrung und Führungsanspruch bei uns nicht immer für Stabilität gesorgt – manchmal eher für Unruhe. Deshalb glauben wir an diesen Weg.

„Wir wollen das Maximale rausholen“

Der aktuelle Kaderumbau dürfte in einer Transferperiode kaum vollständig gelingen. Müssen sich die Fans auf eine Übergangssaison einstellen?

Für uns ist entscheidend, dass die Mannschaft wieder mit Leidenschaft auftritt und die Zuschauer mitnimmt. Wir wollen eine Saison spielen, in der wir uns weiterentwickeln und eine stabile Basis schaffen – um auf dieser Basis perspektivisch anzugreifen.

Mit welchem Ziel gehen die Kickers in die Saison?

Ein klares Ziel lässt sich aktuell nicht seriös formulieren – wir haben noch nicht mal die erste Trainingseinheit absolviert. Klar ist: Wir gehören dieses Mal nicht zum Favoritenkreis. Aber wir wollen das Maximum aus unseren Möglichkeiten herausholen – und die Begeisterung für die Kickers wieder auf den Platz bringen.

Zur Person

Karriere
Lutz Siebrecht wurde am 26. Oktober 1967 in Geislingen/Steige geboren. Er begann seine Laufbahn bei seinem Heimatclub SC Geislingen, später absolvierte er zwischen 1988 und 1991 als offensiver Mittelfeldspieler für den SV Waldhof Mannheim 44 Bundesliga- und 18 Zweitligaspiele. Von 2015 bis 2018 fungierte er als Sportlicher Leiter beim SSV Ulm 1846, von Juli 2019 bis Oktober 2021 in gleicher Rolle bei den Stuttgarter Kickers. Danach folgte er seinem früheren Mitspieler, Freund und Nachbarn Markus Gisdol zu Lokomotive Moskau, wo er den Teammanagerposten antrat. Infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine traten beide im März 2022 von ihren Ämtern zurück. Zum 1. Januar 2025 kehrte Siebrecht als Geschäftsführer Sport zu den Kickers zurück.

Persönliches
Neben seiner sportlichen Tätigkeit ist er einer von zwei Geschäftsführern bei der Wirth GmbH & Co. KG, ein auf dem Großmarkt Stuttgart handelndes Unternehmen, welches vorrangig Feinkostläden, Wochenmarkthändler sowie große Handelsketten mit (Süd-)Früchten beliefert. Siebrecht ist verheiratet, hat zwei Söhne (33 und 30 Jahre) und eine Tochter (22). Er wohnt in Bad Überkingen. Sein Hobby ist Reisen. (jüf)

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